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Zerfall der Werte, Zerfall der Moral und viele Spuren ins Nichts: Maltas Hauptstadt Valletta.

Falsche Fährten

Wer sind die Drahtzieher? Nach wochenlangen Recherchen wissen wir: Die Männer, die der Journalistin Daphne Caruana Galizia mutmasslich die tödliche Bombe ins Auto packten, wurden angestiftet – und das nicht vom Wirtschaftsminister. Unterwegs im Bombenparadies: «Mord auf Malta», Teil zwei.

Von Nina Fargahi, Sylke Gruhnwald, Ariel Hauptmeier, Tim Röhn (Text) und Pietro Masturzo (Bilder), 10.04.2018

«Mord auf Malta»

Was bisher geschah: Die wichtigste Story von Daphne Caruana Galizia erschien vor einem Jahr. Darin schrieb sie, Maltas First Lady habe angeblich Schwarzgeld erhalten – über ein Konto bei der Pilatus-Bank. Nun wurde deren Gründer in den USA verhaftet, und in Athen stellte sich die Whistleblowerin aus der Bank in Todesangst der Polizei. Ali Sadr, der iranische Bankdirektor. Maria Efimowa, die russische Whistleblowerin. Joseph Muscat, Maltas Premierminister. Sie alle hatten mit der Ermordeten zu tun, auf die eine oder andere Weise.

7. Chris Cardona

Am 30. Januar 2017, kurz vor Mitternacht, veröffentlicht Daphne Caruana Galizia auf ihrem Blog eine Eilmeldung. Sie beginnt mit dem Satz: «In diesem Augenblick ist Maltas Wirtschaftsminister Chris Cardona in einem Bordell in Velbert, in der Nähe von Düsseldorf.»

Der Bericht ist erstaunlich detailliert. Der Wirtschaftsminister werde begleitet von einem «kleinen, glatzköpfigen Mann», der Sexclub heisse FKK Acapulco, der übliche Ablauf dort: Erst geht man in die Sauna, dann vielleicht mit einer der Damen aufs Zimmer. Und so erfährt die Leserin: «Gegen 8 Uhr abends trat der Wirtschaftsminister nackt aus der Sauna und fluchte: ‹Ħaqq Alla kemm hu kiesaħ l-ilma.›» Das ist Maltesisch und heisst: Verdammt, ist das Wasser kalt.

Am nächsten Morgen dementiert Wirtschaftsminister Cardona, dass er dort war. Doch Daphne Caruana Galizia legt nach.

Blogpost um 10.27 Uhr: «Sie wählten eine Prostituierte aus, der Begleiter des Ministers ging mit ihr aufs Zimmer. Nach einer Weile folgte ihnen der Wirtschaftsminister in den gleichen Raum für Dreiersex und Voyeurismus. Sie waren insgesamt drei bis vier Stunden im Bordell.»

Dann folgen stündlich weitere Details. Später werden die Zeitungen den Tag «Brothelgate» nennen, Bordell-Gate.

11.06 Uhr: Ein Polizeibeamter habe angerufen. Er habe Cardona mal bei einer Razzia in einem Puff auf Malta gesehen – wo der Minister zusammen mit einer Nackttänzerin rauchte.

12.15 Uhr: Nackter Wirtschaftsminister hat Tattoo auf der Schulter!

13.00 Uhr: Begleiter identifiziert!

16.54 Uhr: Das Tattoo des Ministers ist ein Che-Guevara-Konterfei!

19.10 Uhr: Chris Cardona offizieller Gast des deutschen Wirtschaftsministeriums!

Um 20.17 Uhr eine Korrektur: Der mittags genannte Name des kleinen, glatzköpfigen Begleiters von Cardona sei nicht korrekt gewesen. Tatsächlich heisse er Joe Gerada und sei der Berater des Ministers in Sachen EU-Ratspräsidentschaft.

Maltas Wirtschaftsminister Chris Cardona am 4. Juni 2017 bei der Wiederwahl von Premierminister Joseph Muscat. Muscat hatte nach Korruptionsvorwürfen Neuwahlen ausgerufen, überlebte den Skandal unbeschadet – und mit ihm auch Cardona. Matthew Mirabelli/AFP

Am nächsten Mittag zieht Caruana Galizia Bilanz: Nur knapp sei ihre Website an einem Allzeithoch vorbeigeschrammt. 547’146-mal wurde sie am Vortag aufgerufen.

Was beweist: Die Leute lieben Klatsch. Und auch: Daphne Caruana Galizia war nicht nur die Enthüllungsjournalistin und Kämpferin gegen Korruption, die nach ihrer Ermordung im Gedächtnis bleibt. Sie war auch eine gnadenlose Boulevardjournalistin. Mit eiskaltem Sinn für Timing.

Vielleicht waren Wirtschaftsminister Chris Cardona und sein Berater in Deutschland im Puff. Die richtige journalistische Frage dazu wäre allerdings: Was geht es uns an? Es gibt eine Konvention unter Journalistinnen, die besagt: Über private Verfehlungen von Politikern wird nur berichtet, wenn sie das Amt betreffen. Auch Politiker haben ein Privatleben.

Die «Brothelgate»-Story ist alles andere als okay. Aber eine politische Bombe.

In Malta tritt sie eine Lawine los. Der Oppositionsführer sagt: «Unser Land ist kein Bordell und muss anständig geführt werden.» Ein TV-Reporter reist ins FKK Acapulco und filmt undercover. Der «Malta Independent» fordert Chris Cardona auf, sich einem Lügendetektortest zu unterziehen, Daphne Caruana Galizia fordert ihn auf, die GPS-Daten seines Telefons herauszugeben.

Ebenso begeistert ist das Publikum. In der Kommentarspalte schreibt ein Leser: «Sehr gut, Daphne. Mit heruntergelassenen Hosen erwischt. Du hast mir den Tag versüsst. Konnte nicht aufhören zu lachen.» Ein Wirt benennt eine Pizza in «FKK Acapulco» um und verspricht allen Gästen 10 Prozent Rabatt, «die sich keine Prostituierte leisten können, ja, nicht einmal ihr Essen auf dem Tisch».

Chris Cardona ist ein grosser, fülliger Mann, ein Berufspolitiker, dessen Gesicht von endlosen Sitzungen erzählt. Cardona ist ein Lieblingsziel von Daphne Caruana Galizia. Sie schreibt oft über ihn, aber nie freundlich: etwa über seine Barbesuche.

Blogeintrag vom 11. Dezember 2016: «Wirtschaftsminister Chris Cardona – ein starker Trinker, der die meisten seiner arbeitsfreien Stunden in einer Reihe von Bars und Clubs verbringt, darunter The Stable, Medasia, City Lounge, Medasia Playa, Level 22 und Hugo’s Lounge. Und manchmal wird er im The Stable gesehen, während seine Kollegen im Büro sind. Er wurde vom Rechnungshof dafür kritisiert, dass er während einer Reise nach Dubai 756 Euro für ‹alkoholische Getränke› ausgegeben hat. Von dieser Summe wurden 318 Euro für Alkohol aus seiner Hotelzimmer-Minibar ausgegeben.»

Cardonas Rechtfertigung für die Minibar-Rechnung lautet: «Alkohol ist ziemlich teuer in Dubai.»

Die beiden müssen sich gehasst haben, schon vor «Brothelgate». Der Minister hält sich in dem Konflikt ebenfalls nicht zurück. Er hetzt regelmässig seine Anwälte auf Caruana Galizia.

Die Leute lieben Klatsch – und Daphne Caruana Galizia war auf Malta auch als Boulevardjournalistin mit eiskaltem Sinn für Timing gefürchtet.

Bei Verleumdungsklagen können auf Malta Geldbussen über maximal 11’865 Euro verhängt werden. Cardona und sein vermeintlicher Begleiter reichen je zwei Verleumdungsklagen ein, über zusammen 47’460 Euro. Sie fordern das Gericht auf, die Summe als Sicherheitsleistung sofort zu verlangen. Das Gericht stimmt zu. Caruana Galizias Konten werden eingefroren.

Umgehend ruft ein Radiomoderator zu einem Crowdfunding auf, und keine zwei Wochen später, am 11. Februar 2017, schreibt Daphne Caruana Galizia: «69’500 Euro an einem Tag: Danke, dass ihr Chris Cardona den 2-Finger-Gruss gezeigt habt.» Danach folgt weiterer Dank: Ein Spender habe 5000 Euro vorbeigebracht, einer angeboten, eine Hypothek aufzunehmen, «ein älteres Paar reiste 90 Minuten mit dem Bus an, um 5 Euro zu spenden».

Die Verleumdungsklage ist bis heute hängig. Sechs Tage nach dem Mord findet eine Anhörung statt. Der Witwer und die drei Söhne erscheinen vor Gericht. Der Richter kondoliert.

Da steht Sohn Matthew auf, selbst Journalist, und sagt: «Ich stelle klar: Wir wollen, dass der Fall weitergeht.» Cardona habe ein Interesse an einer Einstellung. Die Familie nicht.

Cardonas Anwalt daraufhin: Er habe Verständnis für die «starken Gefühle» des Sohnes.

Matthew Caruana Galizia daraufhin: «Ich bin nicht emotional, ich habe einen kühlen Kopf.»

Und so liegt der Fall FKK Acapulco bis heute vor Gericht.

Warum ist die obige Geschichte bei der Suche nach Motiven und Anstiftern im Mordfall Caruana Galizia wichtig?

Weil sie in Malta für viele Leute die Erklärung für die Autobombe ist. Als wir beginnen, auf Malta den Spuren möglicher Hintermänner nachzugehen, hören wir immer wieder dasselbe: Folgt diesem Mann. Es gibt Beweise. Und ein Motiv. Ein hochrangiger Politiker.

Etwa an einem windigen Tag im Februar. Wir sind am Flughafen verabredet. Der Informant besteht auf höchster Geheimhaltung und meldet sich erst Minuten vor dem Treffen, um den Ort durchzugeben: ein Restaurant in der Nähe. Der Raum ist voll mit Männern in Anzügen, die kommen, gehen, essen. Der Mann hat eine ruhige Ecke reserviert, mit Blick auf den Hintereingang.

Wir kennen ihn. Wir haben ihn schon einmal getroffen, seitdem schickt er uns Kurznachrichten mit Tipps und Informationen. Irgendwann fragen wir die einfachste Frage, ohne eine Antwort zu erwarten: «Und, wer war es?»

Der Informant sagt: «Chris Cardona.»

«Der Wirtschaftsminister?»

«Genau der.»

Er habe da etwas gehört. Aus Ermittlerkreisen. Cardona habe sich mit einem der drei Bombenleger getroffen, kurz vor dessen Festnahme. Ein Zeuge habe ausgesagt, die beiden in einer Bar gesehen zu haben. Und es würde ein Video von dem Treffen existieren, weil der Verdächtige bereits von Geheimdienst und Polizei observiert wurde. Als die Beamten die Bilder sahen, hätten sie festgestellt: Das ist ja der Wirtschaftsminister!

Zum Abschied verspricht er, uns auf dem Laufenden zu halten.

Seine Geschichte hat ein paar Haken.

Ein wichtiger Minister streitet sich vor aller Augen mit einer Journalistin – und lässt sie spektakulär umbringen? Und trifft sich nach der Tat mit dem Bombenleger in einer voll besetzten Bar? In einem winzigen Land, wo jeder jede kennt?

Aber das Gerücht hält sich. Wir haben es mehrfach gehört, meist geflüstert, aus mehreren Mündern. Und sind der Spur gefolgt. Wir haben Wochen darauf verwendet, nach dem Video zu suchen. Auf Malta und in Italien, unter Anwälten und Ermittlern.

Doch niemand hatte es.

Das Gerücht ist bis heute – ein Gerücht.

Der absurdeste Moment der Recherche war übrigens, als wir an einem Sonntagnachmittag die Bar besuchten, in der das angebliche Video aufgenommen worden sein sollte. Und wer steht am Tresen? Cardona.

Aber dazu später mehr.

8. Godfrey Leone Ganado

Es ist der erste Morgen unserer Recherche auf Malta. Eine Vertraute der Ermordeten hat uns geraten, diesen Mann zu treffen: Godfrey Leone Ganado. Ganado war Manager bei PricewaterhouseCoopers. Er ist nun im Ruhestand, weit gereist, ein Kenner von Maltas politischer Szene, und er war ein treuer Begleiter von Daphne Caruana Galizias Blog.

Ein Café in St. Julian’s mit Blick über das Meer, Sonntagmorgen. Draussen stehen drei Tische in der Sonne, mit herrlicher Aussicht. Drinnen beleuchtet eine schwache Glühbirne einen lieblos gekachelten Fussboden und einen stummen Kellner.

Der einzige Gast sitzt ganz hinten in der Ecke und sieht zur Tür, wie in einem Western. Godfrey Leone Ganado ist ein älterer Herr mit akkuratem Scheitel, klugen Augen, Stoffhose und einer Ausstrahlung von Zufriedenheit. Er wirkt, als habe er alle Chancen genutzt, die ihm das Leben bot.

Er ist, wie Daphne Caruana Galizia, ein strammer Parteigänger der Konservativen. Als wir ihn später fragen, was das Schlimmste wäre, sagt er, wenn eine seiner beiden Töchter Labour wählen würde.

Seine Antwort ist keine Überraschung. Fast egal, wen man in Malta trifft, er oder sie ist fest im Lager einer der beiden Parteien: Konservative oder Labour. In Malta funktionieren sie seit Jahrzehnten wie zwei verfeindete Clans. Es gilt: entweder – oder. Neutrale findet man kaum.

Wir fragen: «Sollen wir uns nicht lieber nach draussen in die Sonne setzen?»

«Ganz wie Sie wollen», sagt Ganado. Es klingt wie: ihr ahnungslosen Idioten. Draussen schiebt er sich als Erstes die Sonnenbrille ins Gesicht.

Ein Land, gespalten in zwei Clans, und eine Bloggerin als stete Quelle von Unruhe für die Mächtigen und Kriminellen.

Ihre Feinde fürchteten Daphne Caruana Galizia: wegen ihrer Streitlust und ihrer Gnadenlosigkeit. Ihre Fans liebten sie: auch deswegen. An einem durchschnittlichen Tag hatte sie 20’000 Leser, es konnten auch zwanzigmal mehr sein. Harte Recherchen und wilder Klatsch wechselten einander ab. Sie veröffentlichte ihre Artikel nie am Stück, sondern in kurzen, atemlosen Fetzen, und hielt so die Neugier oft über Tage wach. Sie scheute sich vor nichts. Sie brachte Gerüchte, bevor es Beweise gab. Immer wieder stand sie vor Gericht. Einer Labour-Parlamentarierin, die sie als «Nutte» und «Kuh» beschrieben hatte, musste sie 3000 Euro Entschädigung zahlen. Dann wieder landete sie einen sauber belegten Scoop. Sie war eine stete Quelle von Unruhe für die Mächtigen im Parlament und für die Kriminellen der Halbwelt. Am Ende waren mehr als vierzig Klagen gegen sie hängig. Viele Leute hatten genug von ihr.

Aber Hunderttausende lasen sie. Und Zehntausende haben ihre Beiträge kommentiert. Doch niemand öfter als Godfrey Leone Ganado. Im Lauf der Jahre waren es mehr als 2000, manchmal veröffentlichte Caruana Galizia seine Kommentare als vollwertige Beiträge. So wie im August 2017. Da schrieb Ganado: «Wir können es uns nicht leisten, die Reputation unseres Landes immer weiter in Verruf zu bringen.»

Heute sagt er: «Sie war eine mutige Frau. Sie hat für Gerechtigkeit gekämpft. Sie hatte nie Angst, zu sagen, was richtig war und was falsch. Damit hat sie sich viele Feinde gemacht.» Als er am 16. Oktober 2017 von der Autobombe in Bidnija hörte, wusste er es gleich. «Das ist Daphne. Ich habe geweint.»

1995 zündeten Unbekannte zum ersten Mal ihr Haus an. Der Versuch misslang; niemand kam zu Schaden. Doch ihrem Hund wurde dabei die Kehle durchgeschnitten, den Kadaver legten die Täter vor die Tür. Die Polizei fand den Brandstifter nie.

Elf Jahre später versuchten Unbekannte es erneut. Sie platzierten fünf Autoreifen an die Rückseite ihres Hauses, gefüllt mit Flaschen voller Benzin, und zündeten die Reifen an. Die Familie bemerkte die Flammen und konnte das Feuer löschen, ehe die Flaschen explodierten.

2013 wurde Caruana Galizia von einem Mob verfolgt, bedroht und beschimpft. Sie flüchtete in ein Kloster, die Nonnen verriegelten die Tür. Zwei ihrer Verfolger wurden später zu einer Geldstrafe in Höhe von 2400 Euro verurteilt, einer der beiden war der Bürgermeister von Zurrieq, einem Dorf im Süden Maltas.

Godfrey Leone Ganado hebt den Zeigefinger. «Ich hasse es, schlecht über Malta zu reden, weil es mein Land ist. Aber ich muss die Wahrheit sagen.» Es stehe schlecht um die Insel. Die Werte verfielen. Und ebenso die Moral.

Deshalb, weil viel zu viele so beschäftigt seien mit Geldzählen. So, dass es sie nicht interessiere, wenn die Behörden korrupt seien. Solange die eigenen Taschen ebenfalls gefüllt seien, sei das kein Problem.

Ganado rückt mit seinem Stuhl näher, ballt die Faust und schlägt nach oben. Ein sauberer Uppercut. «Daphnes Feinde sind nun auch meine Feinde», sagt er.

«Was werden Sie tun?»

«Ich werde beenden, was sie begonnen hat. Wahrscheinlich dachten die Täter, mit dem Mord würde alles sterben, was Daphne aufgebaut hat.» Ganado grinst, er lehnt sich ein Stück zurück: «Da lagen sie falsch.»

Ganado ist nun als Ersatz in den Ring gestiegen. Er versorgt Journalisten mit Informationen. Schreibt für den Blog «Truth Be Told». Und attackiert Artikel für Artikel die Regierung.

Konsequenzen? Fürchtet er nicht: «Sterben muss ich sowieso – und was gibt es Besseres, als für seine Prinzipien zu sterben?»

Aber eilig hat er es damit auch nicht. Seit dem Mord an Caruana Galizia ist Ganado vorsichtig geworden. Vor jeder Fahrt kniet er sich nun neben seinem Wagen nieder, um zu schauen, ob am Unterboden etwas angebracht wurde. Bei gemeinsamen Ausfahrten fährt er ein Stück. Erst dann darf seine Frau einsteigen.

Vor ein paar Tagen fuhr er auf einer Landstrasse, als er plötzlich ein Geräusch hörte. Es ist aus, dachte er, das wars mit diesem Leben. Aber es war nur der Gurt, der durchhing und klapperte.

«Was glauben Sie, wer steckt hinter dem Mord?»

Er blickt uns ernst an. Und nennt einen Namen. Ein Politiker aus dem Umfeld von Premierminister Joseph Muscat. Aber nicht Chris Cardona.

«Warum er?»

«Ich kann mir das sehr gut vorstellen.»

«Haben Sie Beweise?»

«Nein. Es ist eine Spekulation.»

«Was wäre das Motiv?»

«Damit Daphne Caruana Galizia nicht mehr zu Offshore-Firmen von Regierungsmitgliedern recherchieren kann.»

«Aber deshalb bringt man doch niemanden um.»

Ganado zuckt mit den Schultern. «Meine Recherchen sind noch nicht ganz beendet.» Er bleibe dran. Dann melde er sich wieder.

Später wird sich Ganados Vermutung als falsche Fährte herausstellen. Und sie wird nicht die einzige bleiben.

9. George und Alfred Degiorgio

In einer Nacht Mitte Oktober schleichen drei Männer zum Haus von Daphne Caruana Galizia. Es liegt am Rand des 300-Seelen-Dorfes Bidnija. Die Männer sind Profis. Sie hacken sich in die Elektronik des Autos und öffnen die Fahrertür, ohne eine Spur zu hinterlassen. Sie installieren ein Päckchen unter dem Fahrersitz. Dann verschwinden sie. Einer der drei bleibt die ganze Nacht in der Nähe, auf einem Hügel, von wo aus er das Haus und die Strasse beobachtet. Dabei macht der Beobachter einen Fehler. Er raucht eine Zigarette. Und wirft sie weg. Man wird den Stummel finden und daran die Spuren seiner DNA. Es wird das erste Indiz sein.

Gegen Morgen kommt einer seiner Komplizen zurück, nun halten sie gemeinsam Ausschau. Seit Wochen treiben sich die beiden in der Gegend herum, immer wieder haben Anwohner ihren kleinen weissen Wagen am Fuss des Hügels gesehen. Auch an diesem Tag steht er dort.

Im Hafen löst der dritte Komplize die Leinen. Um 8 Uhr morgens legt er mit einem Kabinenkreuzer namens Maya ab, eine Überwachungskamera filmt ihn. Er hat das Handy dabei, das den Zünder aktivieren soll. Aber er hat etwas übersehen: Das Guthaben ist aufgebraucht. Also ruft er um 8.58 Uhr von seinem eigenen Telefon aus einen Kumpel an, er möge ihm bitte 5 Euro auf das zweite Handy laden. Er weiss nicht, dass er abgehört wird. Das ist der zweite Fehler.

Dann warten die drei Männer.

Auf Malta sind Autobomben in Mode gekommen. Offenbar haben die Kriminellen in Malta ernsthafte Differenzen. Warum? Die Polizei tappt im Dunkeln. Keines der Autobombenattentate wurde aufgeklärt. Und es gab einige.

Im Januar 2016 wird ein Mann namens Martin Cachia in seinem roten Alfa Romeo in die Luft gesprengt. Offiziell war er Fischer. Inoffiziell handelte er, wie es nach seinem Tod hiess, mit Drogen und gefälschten DVDs. Er stand vor Gericht, weil er gefasst wurde, als er in seinem Boot Flüchtlinge nach Malta schmuggelte.

Im September 2016 verliert Josef Cassar beide Beine. Die Bombe in seinem Lieferwagen war mit Schrauben und Kugellagern umpackt. Wahrscheinlich wurde sie per Handy gezündet. Cassar sagt zur Polizei: Er habe keine Ahnung, wer die Täter sein könnten.

Im November 2016 wird der Geschäftsmann John Camilleri zerfetzt – von der stärksten Autobombe, an die man sich auf Malta erinnern kann. Die Explosion schleudert das Dach des Wagens auf ein Haus in der Nähe. Camilleri handelte mit Fliesen und Immobilien. Und er stritt sich seit Jahren mit George Degiorgio. Und der ist einer der drei Männer, die laut der Polizei Daphne Caruana Galizia in die Luft gesprengt haben.

Im Januar 2017 tötet eine Autobombe Victor Calleja. Früher soll er mal einen Geldtransporter überfallen haben, er wurde dafür aber nicht verurteilt.

Im Februar 2017 verliert Romeo Bone beide Beine. Gegen ihn wird mehrfach ermittelt, unter anderem wegen Mordes. Dazu soll er bei einem Raubüberfall auf einen Juwelierladen Schmuck im Wert von 233’000 Euro erbeutet haben. Auch er wurde nie verurteilt. Bone überlebt das Attentat. Und nennt keine Namen.

Und das sind nur die mit Erfolg eingesetzten Bomben. Etliche weitere gingen in leeren Autos hoch. In Garagen oder Bootshäusern, bevor jemand darin sass.

Am Nachmittag um kurz vor 15 Uhr verlässt Daphne Caruana Galizia ihr Haus. Gerade hat sie ihren jüngsten Artikel beendet, er trägt die Überschrift: «Dieser Gauner Schembri war heute vor Gericht und plädiert, er sei kein Gauner». Er endet mit den Worten, die ihre letzten werden: «Wo du auch hinschaust, überall sind Gauner. Die Lage ist hoffnungslos.»

Das Auto, das Daphne Caruana Galizia fährt, ist ein Mietwagen, ein grüner Peugeot 108, sie hat ihn seit fünf Monaten. Am Abend zuvor war ihr Sohn Matthew damit unterwegs. Caruana Galizia hatte sich angewöhnt, den Wagen drinnen zu parken. Aber «aus irgendeinem Grund», wie später ihr Mann vor Gericht sagt, habe Matthew den Wagen am Vorabend draussen stehen lassen.

Daphne Caruana Galizia steigt ein und fährt los. Die beiden Männer auf dem Hügel zücken ihr Handy und rufen ihren Komplizen auf dem Meer an. Der Anruf dauert rund 40 Sekunden und endet wahrscheinlich mit Aufregung. Daphne Caruana Galizia ist umgekehrt. Sie hat ihre Checks vergessen. Ihre Konten sind gesperrt, sie bestreitet ihren Alltag mit Bargeld.

Ein Handy löst die Bombe aus, zwei Explosionen zerreissen die Stille. «So sieht Krieg aus», schreibt einer der Söhne von Daphne Caruana Galizia später auf Facebook. Bis heute liegen Blumen am Tatort.

Nach wenigen Minuten kommt sie zurück und fährt ein zweites Mal los. Wieder zücken die Männer auf dem Hügel ihr Handy. Der zweite Anruf dauert 107 Sekunden.

Der Mann im Hafen drückt auf «senden».

Um exakt 14:58:55 Uhr erhält eine Vodafone-SIM-Karte, angemeldet auf einem Sendemast in der Nähe des Tatorts, eine Nachricht. Und wird unmittelbar danach vom Netz getrennt.

Zwei Explosionen zerreissen die Stille.

Ein Nachbar ist auf dem Weg nach Hause und fährt Daphne Caruana Galizia entgegen. Zuerst will er eine kleine Explosion unter ihrem Auto gesehen haben. Weisser Rauch steigt auf, er kann sehen, wie die Frau im Auto in Panik versucht, die Kontrolle über den Wagen zurückzugewinnen. Dann folgt eine zweite, grössere Explosion. Das Auto fängt Feuer und rollt brennend den Hügel hinab. Auf einem Feld kommt es zum Stillstand. Im Haus schreckt ihr Sohn Matthew auf. Er rennt die Strasse hinunter und sieht den zerstörten Wagen. Er versucht, die Tür aufzureissen. Bis er merkt, dass es zu spät ist. Er ist von Sinnen vor Schmerz. Einem Nachbarn, den er beobachtet haben will, wie er Fotos macht, entreisst Matthew das Handy und schleudert es auf den Acker. «So sieht Krieg aus», schreibt er später auf Facebook.

Die beiden Männer auf dem Hügel verschwinden.

Auch der dritte Komplize im Hafen macht sich auf den Rückweg. Gegen halb vier legt er an. Er schreibt ein weiteres SMS an seine Frau: Sie solle schon mal den Wein aufmachen. Später ruft er einen Freund an und erzählt ihm, er habe «zwei grosse Fische gefangen».

Die trauernde Familie, der Ehemann und zwei der drei erwachsenen Söhne: Am 3. November 2017 wird Daphne Caruana Galizia beerdigt. Von Maltas Regierenden nimmt niemand teil, und auch die Opposition bleibt fern. Jonathan Borg/AP

Inspektor Keith Arnaud, rundes Gesicht und millimeterkurze Haare, übernimmt den Fall in der Mordkommission. Experten aus Finnland, den Niederlanden, vom FBI und von Europol unterstützen die Malteser Polizei. Die Fahnder des FBI lassen sich die Daten der Sendemasten rund um den Tatort geben und stossen rasch auf die anonyme SIM-Karte. Sie empfing nur eine einzige Nachricht und ist seitdem tot. Gekauft wurde sie ein gutes Jahr zuvor und wurde nur wenige Male benutzt, immer von derselben Nummer aus. Ab da ist alles nur noch Fleissarbeit.

Wenig später kennt Inspektor Arnaud das Hauptquartier der Bande, einen ehemaligen Kartoffelschuppen auf der Industrieseite des Hafens. Es ist ein perfektes Gangsternest: die Gegend ist menschenleer, vorn eine Strasse, hinten das Meer. Anwohner erzählen, dass oft auffällig teure Autos vorgefahren sind: BMW, Mercedes, eine weisse Corvette Stingray. Und dass sie da waren, um etwas abzuholen.

Am 4. Dezember schwärmen Spezialkräfte aus, nehmen einen Mann in Gewahrsam. Im ehemaligen Kartoffelschuppen verhaftet Inspektor Arnaud zwei der mutmasslichen Täter. Sie liegen gefesselt auf dem Boden, während die Forensiker sich an die Arbeit machen. Polizeitaucher durchsuchen das Hafenbecken. Sie finden im Wasser acht Handys.

Die drei Männer werden ins Gefängnis gebracht und danach stundenlang verhört. Sie schweigen. Einer von ihnen sagt nicht einmal seinen Namen. Sie wirken weniger geschockt als wütend. Offenbar, sagt einer der Ermittler später, weil sie damit gerechnet hatten, gewarnt zu werden. Von wem auch immer. Die drei Männer versuchen, einen Anwalt zu organisieren. Aber kein Anwalt der Insel will etwas mit ihnen zu tun haben. Ihnen bleiben nur die Pflichtverteidiger. Und auch mit denen reden sie nur das Allernötigste.

Kurz vor Weihnachten, am 20. und 21. Dezember, steht eine Haftprüfung an. Die Verhandlung ist öffentlich. Die maltesischen Journalisten protokollieren im Minutentakt. Der Richter muss entscheiden, ob die drei in Untersuchungshaft bleiben; bis zu zwanzig Monate haben die Ermittler dann Zeit, weitere Beweise zu sammeln. Die drei Beschuldigten tragen dunkle Anzüge. Sie wirken neutral, weder angespannt noch zerknirscht. Ohne Regung begegnen sie den Angehörigen von Daphne Caruana Galizia, gelangweilt hören sie zu, wie Inspektor Arnaud die Beweislage erläutert. Sie beschäftigen sich mit ihren Fingernägeln, sie verschränken die Beine, sie strecken sie aus. Als gehe sie das alles nichts an.

Erst am zweiten Tag erwachen sie aus ihrer Lethargie – als ihre Anwälte die menschenunwürdigen Umstände ihrer Einzelhaft anprangern. Sie diskutieren, gestikulieren und rufen ihren Verteidigern neue Argumente zu. Der Richter bleibt hart: Er wolle nicht, dass die Beschuldigten miteinander in Kontakt treten. Da knurrt einer von ihnen, er werde ab sofort nichts mehr essen und trinken. Sie werden wieder abgeführt.

Wer die drei Männer sind?

Liest man ihre Geschichten, ist es schwer fassbar, dass diese drei Männer so lange frei herumlaufen konnten. Ist die Polizei auf Malta unfähig und die Justiz korrupt? Oder beides? Ist Malta ein Staat, in dem die Schurken auch in den Amtsstuben sitzen?

Offiziell ist George Degiorgio, 55 Jahre alt, arbeitslos, aber er besitzt einen Kabinenkreuzer und mehrere grosse Autos. Meistens sieht man ihn mit seiner weissen Corvette Stingray, einem 70’000 Euro teuren Wagen. Er war einmal Fahrer eines konservativen Parlamentariers, nun verteidigt ihn dessen Sohn vor Gericht. Zum Beispiel in dem Streit mit John Camilleri, dem Fliesenhändler, der im November 2016 mit der stärksten Autobombe Maltas in die Luft gesprengt wurde.

Kein Staat der EU ist dichter besiedelt als Malta. Auf der Insel sind Autobomben in Mode gekommen. Wer sind die Drahtzieher?

Die beiden Männer waren einst Freunde. Camilleri bat Degiorgio sogar einmal, seine Gattin zu beschatten, um herauszufinden, ob sie fremdgeht. 7000 Euro hat er ihm dafür gezahlt. Aber dann verkauften sie einander eine Wohnung und ein Speedboot und zerstritten sich. Es ging um 50’000 Euro. Dann flog Camilleri in die Luft. Der Täter wurde nie ermittelt.

2004 wird Degiorgio festgenommen, weil er zusammen mit zwei Komplizen einen Geldtransporter überfallen haben soll, die Beute beträgt rund zwei Millionen Euro. Ein ganzes Jahrzehnt schimmelt der Fall bei Gerichten vor sich hin, bis der Hauptzeuge sich an nichts mehr erinnern kann. George Degiorgio wird freigesprochen – aus Mangel an Beweisen.

Der Zweite im Bunde ist Alfred Degiorgio, Georges jüngerer Bruder, 53 Jahre alt. 2004 überfällt er zusammen mit zwei Komplizen einen Lieferservice. Sie erbeuten 18’000 Euro. Ein Mitarbeiter des Unternehmens gesteht, dass er mit ihnen unter einer Decke steckte – und wird verurteilt. Alfred Degiorgio und seine Kumpane müssen sich erst zehn Jahre später vor Gericht verantworten. Sie werden freigesprochen. Aus Mangel an Beweisen.

Nummer drei, das ist Vincent Muscat. 2010 überfällt er mit einem Kumpan eine Bank. Sie werden von Polizisten überrascht. Es folgt ein Schusswechsel wie im Film. Muscat wird verhaftet, kommt aber auf Kaution frei. Obwohl er mehr als dreissig Schüsse auf Polizisten abgegeben hat, wird er nie dafür verurteilt.

2014 schiesst ihm ein Mann auf einem Parkplatz dreimal in den Hals. Muscat liefert sich selbst ins Spital ein – und beschuldigt einen Mann namens Jonathan Pace. Der muss in den Knast. Als Pace einmal Freigang hat, wird er erschossen. Der Täter wird nie ermittelt.

Nein, diese Männer hatten keinen Grund, eine Journalistin umzubringen. Daphne Caruana Galizias Welt war nicht ihre Welt. Wenn sie die Tat ausgeführt haben – und die Beweise sind erdrückend –, dann gibt es jemanden im Hintergrund. Einen Auftraggeber. Einen geistigen Urheber. Aus der Mafia oder aus der Politik.

Ist das alles möglich? In Europa?

Nach dem Mord an Daphne Caruana Galizia reiste eine Delegation des Europäischen Parlaments nach Malta. Sie gaben zu Protokoll, sie seien bei ihrer Ankunft «ernsthaft besorgt» gewesen, was die Rechtsstaatlichkeit auf Malta betreffe. Als sie abreisten, seien sie «noch besorgter» gewesen. Ihr Fazit: Es gebe bei den Behörden eine offensichtliche Zurückhaltung, Kriminalität zu untersuchen. Die Folge davon: eine «Wahrnehmung von Straflosigkeit».

10. Daphne Caruana Galizia

Privat war sie ganz anders. Nicht laut, sondern zurückhaltend. Eine bescheidene Frau mit leiser Stimme, die sich lieber im Hintergrund hielt. In ihrer Familie war sie nicht die Erzählerin, sondern die Zuhörerin. Im Privaten mied sie jedes Rampenlicht.

Mittelpunkt ihres Lebens waren ihre drei Söhne. Sie hat sie oft besucht. Oft war sie wochenlang bei ihnen zu Besuch.

Sie liebte schöne Dinge. Ein gutes Essen, ein gepflegtes Zuhause – sie gab sich Mühe mit dem Alltag. Viel Zeit investierte sie in die Einrichtung. Und in das Lesen. Von oben bis unten war ihr Haus voller Bücher. Jedes Mal, wenn sie von einer Reise zurückkam, war ihr Koffer voll mit Gedrucktem.

Ihr Blog «Running Commentary» war ihre Leidenschaft. Ihr Einkommen verdiente sie als Verlegerin. Sie gab Maltas grösstes Magazin heraus, es hiess «Taste & Flair» und war das exakte Gegenteil von Politik. Die Artikel drehten sich um schöne Möbel und um schöne Hotels. Um die Farbe Lila oder um das perfekte Rezept.

Folgt diesem Mann. Es gibt Beweise. Und ein Motiv. Ein hochrangiger Politiker. – So wird es in Malta überall geflüstert. Doch die Spur führt ins Nichts.

Früher besuchte sie im Sommer auf Malta oft die Beachclubs der Hotels – was sie aber wegen der zunehmenden Belästigungen aufgab. Immer wieder wurde sie fotografiert, die Fotos von ihr wurden sofort ins Internet gestellt, versehen mit unfreundlichen Kommentaren. Deswegen verzichtete Daphne Caruana Galizia in den letzten Jahren auf Ausflüge.

Stattdessen fuhr sie ihren Laptop hoch – und sprang ihren politischen Feinden von der Labour-Partei förmlich ins Gesicht.

Der Ort, an dem ihr Leben endete, liegt in einer Talsenke zwischen den Dörfern Bidnija und Mosta, eine halbe Autostunde von der Hauptstadt Valletta entfernt. Er ist leicht zu finden, bei Google Maps gibt es inzwischen «Daphne Caruana Galizia’s Memorial». Malta ist der dichtestbesiedelte Staat der EU, 413’000 Menschen auf 316 Quadratkilometern. Auf der kleinen Insel wohnen mehr Menschen auf einem Fleck als in der Innenstadt von Zürich.

Fast überall hat man auf Malta das Gefühl von Enge und Unübersichtlichkeit. Doch wo sie starb, ist das anders. Der Blick kann schweifen. Kleine Häuschen, Spaziergänger, in der Ferne das Meer.

Die Strasse ist übersät mit Nummern in gelber Farbe. Die Hinterlassenschaft der Spurensicherung. Auf dem Feld neben der Strasse, dort, wo das Wrack landete, haben Daphnes Angehörige und Freunde ein improvisiertes Denkmal errichtet. Nebeneinander aufgereihte rote Weihnachtssterne liegen auf dem verbrannten Boden, sie ergeben ein Fragezeichen.

Grablichter leuchten. Steine formen eine Botschaft: «Wir müssen wissen, wer. Wir müssen wissen, warum. Wir fordern Antworten. Wir fordern Veränderung. Wir werden nicht ruhen.» Ein Zettel, von Klarsichtfolie geschützt: «Dein Stift ist mächtiger als Sprengstoff.»

11. Chris Cardona

Sonntagnachmittag. Wir suchen die Bar Ferdinand’s im Routenplaner. Sie liegt in Siggiewi, in der Strasse Triq San Nikola. Keine zehn Kilometer entfernt von unserem Hotel. Am nächsten Morgen fliegen wir fürs erste zurück in die Schweiz.

Die Chris-Cardona-Geschichte haben wir nach langen Recherchen begraben. So präzis die Gerüchte von dem Video waren, so unauffindbar war das Video selbst. Aber es ist der letzte Tag, und es ist die letzte Chance, in der genannten Bar nachzufragen: Hat Chris Cardona, der Wirtschaftsminister, tatsächlich Alfred Degiorgio getroffen, den mutmasslichen Täter?

Als wir den Anwalt von Alfred Degiorgio mit dieser Frage zu erreichen versucht haben, hat er nicht reagiert.

In den Archiven maltesischer Zeitungen stiessen wir auf die Geschichte eines Ex-Polizisten, der eine Gruppe von Kriminellen heimlich über Ermittlungsstände informiert hat, darunter die Degiorgio-Brüder. Dieser Ex-Polizist arbeitete in Cardonas Kanzlei, ehe er festgenommen wurde. Daphne Caruana Galizia hat die beiden einmal beim gemeinsamen Abendessen erwischt. Aber was heisst das? Auf Malta kennen sich so gut wie alle.

Dann rief ein Informant an und erzählt, dass offenbar auch Inspektor Arnaud und seine Männer der Spur nachgehen. Er sagt: «In diesen Tagen verhört der Richter Zeugen, die Chris Cardona und einen der Degiorgio-Brüder angeblich vor der Bar gesehen haben.» Ein zweiter Informant bestätigt das.

Das klang zwar so konkret wie dramatisch. Nur war es eines von vielen konkreten, dramatischen Gerüchten.

Unser Plan an diesem Nachmittag ist einfach. Zur Bar gehen und dem Kellner zwei Fragen stellen. War Degiorgio hier? Mit Chris Cardona?

Wir sind nach zwanzig Minuten da. Die Bar liegt im Ortskern von Siggiewi, gegenüber der Dorfkirche. Das Haus ist beige gestrichen, links und rechts der Tür je eine Leuchte. «Ferdinand’s» steht gross auf der Fassade, darüber das Malteserkreuz aus Eisen.

Das Gerücht ist bis heute – ein Gerücht. Hier sollen sich der Wirtschaftsminister und ein mutmasslicher Täter getroffen haben: in der Bar Ferdinand’s. Tim Röhn

Von draussen sieht man eine Gruppe von fünf oder sechs Männern, betrunken und laut an einem Tisch. Eine Kellnerin bringt frisches Bier. Auch sie wirkt, als könne sie kaum geradeaus gehen.

Wir gehen rein. Dämmrig ist es. Wände aus Naturstein, eine kurze Bar, ein Plasmafernseher, italienischer Fussball: Juve führt 1:0 in der 79. Minute.

Hinter der Bar steht eine noch nüchterne Kellnerin. Mit ihr wollen wir reden. Wir gehen zur Bar und bestellen ein Bier – da steht links neben uns Chris Cardona.

Wir haben nicht damit gerechnet, dass er je hier war. Und nun steht er neben uns. Was tun? Wir blicken uns an. Ihm von unserer Recherche erzählen und vom Verdacht?

Cardona hat glasige Augen. Er nippt an einem Glas Weisswein. Ein Mann legt seinen Arm um seinen Hals und redet auf Maltesisch auf ihn ein. «Chris, Chris», sagt er immer wieder. Dann geht Cardona vor die Tür, um zu rauchen. Dort wird er umlagert von weiteren Betrunkenen.

Wir trinken unser Bier und schauen zu. Alle hier sind ziemlich betrunken.

Cardona kommt zurück. Stellt sich ein Stück weiter weg an den Tresen. Wir tun, als fotografierten wir einander – und fotografieren heimlich ihn.

Es wäre nicht richtig, ihn hier anzusprechen. Es gibt keine Beweise. Er ist als Privatmann hier. Seine Freunde sind betrunken, er wahrscheinlich auch. Es ist offensichtlich, dass sie alle nicht das erste Mal in dieser Bar sind. Nein, wir haben keine Lust, hier in eine Kneipenschlägerei zu geraten. Wir zahlen und verschwinden.

Vielleicht war das ein Fehler. Später haben wir Chris Cardona mit den Gerüchten über ihn konfrontiert. Und die Fragen gestellt, ob er sich mit den Verdächtigen getroffen habe. Ob ihn die Polizei zum Attentat vernommen habe. Ob er etwas mit dem Mord zu tun habe.

Er hat nicht geantwortet.

Allerdings: Nein, wir gehen nicht davon aus, dass er es war. Und unsere Recherchen haben sich nach den ersten Wochen vom Minister weg verlagert. Auf weitere, grössere Zusammenhänge. Ende dieser Woche lesen Sie Teil 3 unserer Geschichte.

Die Serie «Mord auf Malta» wurde aus dem Etat für grosse Recherchen, grosse Geschichten und grosse Ideen der Project R Genossenschaft realisiert.

Die Recherchekooperation

Ein Team von Reportern der Nachrichtenplattform «The Shift News» und der Republik hat gemeinsam zu «Mord auf Malta» recherchiert – vor Ort, in London und Zug, in Catania und Strassburg. Die maltesischen Journalisten Caroline Muscat und Jurgen Balzan gründeten «The Shift News» im November 2017.

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