Binswanger

Nationalpopulismus

Wenn Steve Bannon über die historischen Quellen seines Populismus redet, ist es richtig zum Fürchten. Aber so richtig.

Von Daniel Binswanger, 17.03.2018

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Leider führt an der Feststellung kein Weg vorbei: Steve Bannon ist ein Faschist. Ich gebe zu, dass auch ich eigentlich keine Lust habe, mich mit solchen Aussagen herumzuschlagen. Erstens können wir froh sein, dass Herr Bannon wieder abgereist ist – er wurde schliesslich am Parteitag des Front National erwartet, um nicht mehr mit Nationalrat Köppel, sondern mit Marine Le Pen die Bühne zu teilen. Zweitens sollte man den Faschismus des Herrn Bannon nur schon deshalb so weit als möglich ignorieren, als er seine Provokationen ja immer auch deshalb zelebriert, weil er hofft, dass die sogenannten Mainstream-Medien mit Entsetzen darauf reagieren. Drittens leben wir mit einem derartigen Newsstream der Ungeheuerlichkeiten, dass eine mediale Aufarbeitung illusorisch geworden ist: Noch mehr Schweigegeld für noch mehr Pornostars? Noch mehr Giftanschläge auf noch mehr Exilanten? Noch mehr Rückzieher bei Schusswaffenregulierung? Noch mehr Schulmassaker? Noch mehr Fox-News-live-Tweets? Man verliert ohnehin die Übersicht. Warum sich also um den Ex-Berater kümmern?

Für Bannon muss ich trotzdem eine Ausnahme machen. Im Anschluss an dessen Europareise hat nun der «Spectator» ein in Zürich geführtes Interview publiziert, das es wirklich in sich hat. Bannon entwickelt darin das ideologische Profil jener ultranationalistischen Internationalen, die gerade in Europa am Entstehen ist. Und wer ist nach Bannon der Vorreiter, das Vorbild, der Fackelträger jenes wiedererwachenden «Nationalpopulismus», den er in allen europäischen Ländern am Triumphieren sieht und zu dem aus seiner Sicht neben der Lega und des MoVimento 5 Stelle auch der Front National, die AfD und die SVP gezählt werden müssen, die ihn in Zürich so überschwänglich empfangen hat? Benito Mussolini.

Aber hören wir den «Spectator»-Artikel. «Wir sind in einer Hotel-Suite im Park Hyatt Hotel in Zürich, und Stephen K. Bannon sagt mir, dass er den faschistischen Diktator Benito Mussolini verehrt.» Aber natürlich, aufgepasst: Jetzt wird es gleich sehr verwirrlich und konfus – wie immer bei den Provokationsgesten aus dem Trump-Dunstkreis. «Aber lasst uns das klar sagen», fährt der Artikel fort. «Soweit ich sehe – ist er kein Faschist. Er ist jedoch fasziniert vom Faschismus, was auch nachvollziehbar ist, denn dessen Begründer, Benito Mussolini, eigentlich ein revolutionärer Sozialist, war der erste Populist der Moderne und der erste Boulevardpresse-Journalist.» Sie verstehen nichts mehr? Ich auch nicht. Fassen wir zusammen: Bannon verehrt Mussolini, ist fasziniert vom Faschismus (was offenbar nachvollziehbar ist von Populist zu Populist und von Journalist zu Journalist) – aber er ist selber kein Faschist. Ein Verehrer, aber kein Anhänger. Ein Imitator, aber kein Nachfolger. Ein Faschist, aber kein Faschist. Noch Fragen?

Natürlich wird im Gespräch auch erörtert, wer aus welchen niederen Gründen auf die absurde Idee kommen könnte, der heutige Populismus habe mit Faschismus etwas zu tun. «Das ist alles theoretischer Bullshit», sagt Bannon. «Keine Ahnung. Populismus, Faschismus – wen kümmert das? Das ist eine Besudelungskampagne gegen die populistische Bewegung.» Faschismus und Populismus hätten «nicht das Geringste miteinander zu tun», sagt Bannon weiter. Also, Mussolini ist ein Vorbild, weil er der «erste Populist der Moderne» und der Begründer des Faschismus war – aber Populismus hat mit Faschismus «nicht das Geringste» zu tun.

Und was ist so beeindruckend an Mussolini? «Er ist eine der wichtigsten Figuren des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Frauen liebten ihn. Er war ein echter Macker. Er hat diese Virilität. Er besass auch einen aussergewöhnlichen Sinn für Mode, die ganze Sache mit den Uniformen. Ich bin von Mussolini fasziniert!» Ein Macker, schneidig gekleidet, konnte es mit den Frauen. Wenn das mal keine politische legacy ist, die man einfach verehren muss.

Die Ausführungen von Bannon sind so grotesk, dass man sich fragen kann, ob er sich mit der historischen Rolle von Mussolini jemals ernsthaft auseinandergesetzt hat. Aus anderen Äusserungen wissen wir jedoch: Er hat.

Im Rahmen einer Konferenz des klerikalen, erzkonservativen Dignitatis-Humanae-Instituts, die im Vatikan abgehalten wurde, hat sich Bannon im Jahr 2014 – also bevor er ins Licht der Weltöffentlichkeit trat – durch eine bemerkenswerte Hommage an den Faschismus hervorgetan, in dem Fall nicht an Mussolini, sondern an Julius Evola, einen der grossen Vordenker des europäischen Faschismus und – nach dem Zweiten Weltkrieg – des Neofaschismus. 1941 publizierte Evola eine «Synthese der Rassendoktrin», die den Duce so begeisterte, dass er den Autor persönlich kennenlernen wollte. In der Folge ermöglichte es Mussolini, dass Evola die Zeitschrift «Blut und Geist» herausgeben konnte. Der Schriftsteller und Philosoph verbrachte auch viel Zeit in Deutschland, wo er tätig war für den «Sicherheitsdienst», den Geheimdienst der SS. Unbesehen dieser bemerkenswerten Karriere führt Bannon Evola als Vertreter der «traditionalistischen Bewegung» ein und betont, dass «Traditionalisten» von seinen Idealen angezogen würden.

Es ist wirklich verblüffend, wie tief die Schamschwellen inzwischen gesunken sind. Als Faschisten würde sich der von Köppel, Weidel und Le Pen hofierte Steve Bannon noch nicht bezeichnen. Als Rassisten auch nicht. Das ist Bullshit. Als Mussolini-Verehrer und «Traditionalisten» aber ohne Problem. Fortsetzung folgt. Oder wie Bannon in Oerlikon in die ekstatische Menge donnerte: «Der populistische Aufstand ist nicht vorbei. Er hat gerade angefangen.»

Illustration Alex Solman

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