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Fragment zeigt Telemachus, der Penelope das Wort verbietet.
Fragmente auf einer antiken Vase zeigen Telemachus im Gespräch mit seiner Mutter Penelope. Time Life/Getty

Als Penelope ihre Stimme erhob

Das Abstrafen von Frauen, die öffentlich ihre Stimme erheben, geht zurück bis in die Antike – und ist tief in unserem Denken verankert. Das zeigt die Historikerin Mary Beard in einem lesenswerten Buch.

Von Olivia Kühni, 01.03.2018

Während Odysseus um die Welt zog, wartete seine Frau Penelope zu Hause auf ihn, Tag und Nacht umworben von Freiern – aber treu und standhaft, wie uns seit Jahrtausenden versichert wird (ein Vorbild für uns alle!). Doch selbst Penelope wurden die ständigen Minnegesänge offenbar eines Tages zu viel. Sie wagte sich vor, wandte sich an den wehklagenden Verehrer und bat ihn, doch bitte etwas Leichteres und Fröhlicheres anzustimmen, ihr werde sonst allzu schwer ums Herz.

Weiter kam sie nicht.

Ihr Sohn Telemachus wies Penelope an, sich wieder in die privaten Räume des oberen Stockwerks zurückzuziehen und sich dort um Web- und Spinnarbeit zu kümmern, wie es sich gehöre. «Sprache ist Sache von Männern und meine ganz besonders, denn ich bin hier der Herr des Hauses.» Eine der Schlüsselszenen in einem der wichtigsten Werke zu Beginn dessen, was die westliche Literatur werden sollte, beschreibt eine Frau, die zum Schweigen gebracht wird.

Die Althistorikerin Mary Beard, Professorin in Cambridge, beginnt damit ihr Buch «Women & Power»; ein dichter, schmaler Band, den sie im November basierend auf zwei Vorträgen veröffentlicht hat. Das Werk trägt den Untertitel «A Manifesto», und es ist eine Erklärung – «an mich selber, meine Mutter, Millionen von Frauen». Eine Erklärung für den «sehr hohen Preis, den Frauen noch immer bezahlen, wenn sie sich öffentlich Gehör verschaffen». Denn die Erklärung der Frauenfeindlichkeit, wenn auch richtig, reiche dafür nicht aus, so Beard. «Wenn wir das verstehen und ändern wollen, müssen wir anerkennen, dass wir es hier mit einer sehr langen Tradition zu tun haben.» Gerade wegen des enormen Einflusses der Antike auf unsere Vorstellungen von Rhetorik, Staatskunst und Politik mache ein Blick zurück vieles klar. «Die westliche Kultur hat Tausende Jahre Erfahrung darin, Frauen zum Schweigen zu bringen.»

Angriff auf die Ordnung des Staates

Zurück zu Telemachus und seinem Auftritt. Das Publikum wusste laut Beard genau, wie es diese Szene zu verstehen hatte: als Coming-of-Age-Moment. Mit der gelungenen Zurechtweisung seiner Mutter, dem bestimmten Auftritt vor Publikum, wird der junge Sohn zum Mann. Er besteht eine Art Initiationsritus.

Für die Griechen und Römer war es nicht einfach nur so, dass das «Sprechen» eine Männersache war – Frauen «plauderten», «tratschten», «bellten», «winselten». Viel mehr noch: Das öffentliche Sprechen machte den Mann erst zum Mann (sprich: Bürger). Führen, regieren, Macht ausüben konnte nur, wer sprechen konnte. Und damit auch Frauen zum Schweigen bringen. Frauen, die sprachen, waren nicht einfach nur seltsam, ungewohnt oder ungehörig – sie gefährdeten die grundsätzliche Ordnung des Staates. Mit seinem Auftritt bewies Telemachus in den Augen und Ohren des Publikums, dass er das Zeug zum Herrscher hat.

Es ist ein Denken, das bis heute Bestand hat und nachwirkt. «Wir werden es ihr zeigen», sagen im aktuellen Film «I, Tonya» über die US-amerikanische Eiskunstläuferin Tonya Harding deren Ehemann und sein dümmlicher Sidekick zueinander. «Wir sind die Männer, wir werden es ihr zeigen.» Es ist nur eines von Millionen Beispielen, Tausende Jahre nach Penelope, in einer Landschaft und einem Milieu, die völlig andere sind – und dennoch. «Der Begriff ‹mansplaining› (auch wenn viele Männer ihn gar nicht mögen) hat deswegen öffentlich so eingeschlagen, weil so viele von uns dieses Gefühl kennen: einfach nicht ganz ernst genommen zu werden», schreibt Mary Beard. Und fügt trocken an: «Etwa, wie wenn ich auf Twitter zu römischer Geschichte belehrt werde.» (Die regelmässigen ungefragten Spontanvorlesungen von unterschiedlichen Männern für Beard sind eine kleine Legende unter langjährigen Twitter-Nutzerinnen. Einer ihrer am häufigsten auftretenden selbst ernannten Mentoren ist Nassim Nicholas Taleb, Autor von «Antifragile» und «The Black Swan»). Er hat sich gerade diese Woche wieder geäussert; wer es nachlesen will, kann das hier tun.

Hillary Clinton als Medusa

Die Erzählungen der Antike sind voll mit Anekdoten und Parabeln, die das Zum-Schweigen-Bringen von Frauen inszenieren. Der Gott Jupiter verwandelt Io in eine Kuh, damit sie nicht mehr reden, sondern nur noch muhen kann (und nichts über seine sexuellen Avancen verrät). Der schwatzhaften Nymphe Echo wird ihre Stimme genommen und durch, eben, lediglich Echos der Worte anderer ersetzt. Vergewaltigten Frauen (etwa der Prinzessin Philomela in Ovids «Metamorphosen») wird die Zunge herausgeschnitten.

Die wohl drastischste Anekdote aber ist die Geschichte der Medusa. In einer der bekannteren Versionen ihrer Geschichte wird diese einstige Priesterin im Tempel der Athene von Poseidon vergewaltigt und für dieses Sakrileg bestraft (sie, nicht er). Alles, was Medusa von nun an anblickte, wurde zu Stein. Bis sie eines Tages von Perseus – auch er ein Held, der sich zu beweisen hat – geköpft wird.

Die Geschichte ist eine deutliche Warnung an alle Frauen dort draussen. Und auch sie wird bis heute, Jahrtausende später, verstanden, selbst wenn Kontext, Details, Nuancen längst vergessen sind: Auf einem der beliebtesten Memes, das im amerikanischen Wahlkampf 2016 die Runde machte, hält Donald Trump als Perseus den abgeschlagenen Kopf von Hillary Clinton in die Luft, ihr Gesicht verzerrt von einem weit aufgerissenen Mund. Einem zu weit aufgerissenen Mund.

Die Antike im US-Wahlkampf: Donald Trump mit dem Haupt von Hillary Clinton. Screenshot

Eine Haarnadel in Ciceros Zunge

Die Antike kannte drei Ausnahmen, zeigt Beard auf, in denen Frauen das Sprechen ausnahmsweise zugestanden wurde. Erstens: wenn sie zuliessen, dass sie dadurch zum «Mann» wurden. Also keine Kinder gebaren, männliche Kleidung trugen und androgyn lebten. Zweitens: wenn sie als legitimes Opfer ihr Schicksal beklagten – eine Vergewaltigung oder Belästigung etwa. Drittens: wenn sie im Namen aller Frauen über die Anliegen der weiblichen Bevölkerung sprachen, über Kinder, Gesundheit, Familienangelegenheiten. Auch hier ist es nicht schwer, diese drei Rollen in der heutigen Welt wiederzuerkennen.

Die Lektüre von «Women & Power» lohnt sich. Nicht zuletzt, weil Beard auch Wege aufzeigt, wie wir anders über öffentliches Sprechen, über Geschlecht, Autorität und Macht nachdenken könnten. Auch dafür findet die Autorin Spuren in der Antike: sprechende Frauen, die sich mit Geschick eben doch durchsetzten, die vergewaltigte und zungenlose Prinzessin Philomela, die ihre Geschichte hartnäckig in einen Teppich verwebte und so erzählte, die Bürgerin Fulvia, die dem grössten aller Redner, Cicero, nach seinem Tod mit einer Haarnadel (!) die Zunge durchbohrte.

Die «ungelösten Genderkonflikte», so Beard, lagen auch in der Antike «nur gerade unter der Oberfläche» des öffentlichen Lebens und Sprechens.

Debatte: Wie reagieren Sie auf Feindseligkeit im Netz?

Frauen sind öfter als Männer das Ziel von boshaftem Spott, Häme, Wut oder gar Drohungen. Wie gehen Sie mit solchen Angriffen im Internet um? Hält Sie der Umgangston manchmal davon ab, sich auf Twitter, Facebook und Co. zu äussern? Und, Hand aufs Herz: Gehen Sie selber auch härter ins Gericht mit Frauen (und sich selbst) als mit Männern? Diskutieren Sie heute zwischen 14 und 17 Uhr intensiv und in den nächsten Tagen unregelmässig mit Autorin Olivia Kühni – hier gehts zur Debatte.

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