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Der Dopingjäger

Dass heute alle Welt Bescheid weiss über das russische Staatsdoping – das verdankt sie dem Mut von Julia und Witali Stepanow. Eines Tages vertrauen sich die beiden dem Reporter Hajo Seppelt an. Auf ihn wartet die Recherche seines Lebens.

Von Ariel Hauptmeier, 07.02.2018

«Das verseuchte System war mir so zuwider»: Hajo Seppelt wurde durch seinen Kampf gegen Doping zum russischen Staatsfeind. Laurent Burst/Republik

Es beginnt damit, dass sich Julia und Witali ineinander verlieben. Die 800-Meter-Läuferin in den Dopingkontrolleur. Der Kämpfer für einen sauberen Sport in die Athletin, die abends am Küchentisch sitzt und Steroide futtert. Schon bei ihrem zweiten Treffen klärt Julia ihn auf: Ob er denn nicht begreife? Dass auch sie dope? Dass alle russischen Spitzensportlerinnen verbotene Mittel nähmen? Angeleitet, angestiftet von ihren Trainern? Dass die Dopingkontrollen von Witali und seinen Kollegen nur Show seien?

Nein, das wusste er nicht. Er dachte, seine Arbeit sei wichtig, glaubte, er kämpfe tatsächlich für mehr Fairness. Von nun an schlägt Witalis Leben Purzelbäume. Und bald auch Julias Leben.

Einige Jahre vergehen. Dann schreibt Witali eine E-Mail an den ARD-Dopingexperten Hajo Seppelt. Es ist der 20. März 2014, ein Donnerstag, Seppelt sitzt an seinem Schreibtisch in Berlin, als die kurze Nachricht auf seinem Bildschirm erscheint. Absender: ein gewisser Witali Stepanow aus Moskau.

«Hallo Herr Seppelt, schön, Sie zu treffen. Wir kennen einige Ihrer Berichte. Aber wir haben uns nie vorstellen können, eines Tages direkt mit Ihnen zu sprechen. Beste Grüsse, Witali und Julia.»

Seppelt erkundigt sich nach den beiden. Antwortet. Und sitzt einige Tage später im Flieger nach Moskau, um dieses geheimnisvolle Paar zu treffen. Julia und Witali Stepanow.

Nicht lange, da werden Julia und Witali die bekanntesten Whistleblower der Sportgeschichte sein. Nicht lange, da werden die russischen Leichtathleten von Olympia 2016 in Rio de Janeiro ausgeschlossen. Nicht lange, da wird Rechercheur Hajo Seppelt zum russischen Staatsfeind: In Rio, später auch bei Pressekonferenzen in der Schweiz, weichen ihm zwei Leibwächter nicht von der Seite.

Vom Outlaw zum Oberrechercheur

Als Junge sass Hajo Seppelt jeden Samstag vor dem Radio und lauschte den Übertragungen der Fussball-Bundesliga. Das wollte er auch machen – live über Sport berichten. Sein Traum wurde wahr: 1992, da war er 29 Jahre alt, wurde er Schwimmreporter der ARD und sass nun bei Welt- und Europameisterschaften in der Sprecherkabine. In diesen Jahren kamen unzählige Akten aus der ehemaligen DDR ans Licht, die belegten, wie systematisch dort gedopt wurde. Ab 1998 standen die Drahtzieher des DDR-Staatsdopings in Berlin vor Gericht. Auch darüber berichtete Seppelt. Der Wunsch, hinter die Kulissen des Leistungssports zu blicken, wuchs.

Mit jedem Jahr stiess er sich mehr daran, wie unkritisch viele seiner Fernsehkolleginnen berichteten. Wie distanzlos und recherchefrei sie Stars bejubelten. Als seien sie «Fans, die es über die Bande geschafft haben». Er genoss es, zu den Schwimmwettkämpfen der Welt zu fahren – und war immer frustrierter darüber, dass öffentlich-rechtliche Sender zu einer Propagandamaschine des Leistungssports mutiert waren. Dass sich die ARD dazu verstieg, das Rennradteam Telekom rund um Jan Ullrich zu sponsern. Dass sich vor der Fussball-WM in Deutschland alle vor der korrupten Fifa wegduckten.

Ende 2005 hat Seppelt die Nase so voll, dass er sich Luft macht in einer wütenden E-Mail. Durch das Versehen eines Kollegen taucht sie in einem Newsletter auf. Und das ist das vorläufige Ende von Seppelts Reporterkarriere. Hagen Bossdorf, damals Sportkoordinator der ARD, nutzt die Gelegenheit und feuert Seppelt. Die Sache wird zum Politikum, die Politikredaktorinnen stellen sich hinter Seppelt. Doch Bossdorf und Co. bleiben unbeugsam.

«Ich war bis ins Mark getroffen», sagt Seppelt heute, «aber es hat mich erst richtig rebellisch gemacht. Jetzt erst recht! Das verseuchte System war mir so zuwider. Ich will keine Sportberichterstattung, die nicht in die Tiefe geht. Wie kann man mit dem Geld der Zuschauerinnen ein Produkt verkaufen, von dem man annehmen muss, dass es faul und madig ist?»

Kein halbes Jahr später fliegt Jan Ullrich als mutmasslicher Doper auf. Stolpert Sportkoordinator Bossdorf über einen Fall von Schleichwerbung – und wohl auch über seine ungeklärte Stasi-Vergangenheit. Nun bekommen die Aufklärer in der ARD Oberwasser. Seppelt wird zurückgeholt, um über das Doping im Radsport zu recherchieren. Anfang 2007 wird die ARD-Dopingredaktion begründet.

Vom Outlaw zum Oberrechercheur, in gerade mal einem Jahr. Aber nun beginnt es erst. Nun dreht Seppelt auf.

Das erste Treffen

Kaum ist Hajo Seppelt im März 2014 in Moskau angekommen, ruft er Witali Stepanow an – und verabredet sich mit ihm in einem Café am Stadtrand. Um Punkt 16 Uhr betritt Seppelt das Lokal. Ein junger Mann steht auf und kommt ihm entgegen. Er hat ein schmales Gesicht und dunkle, fragende Augen, er spricht mit heller, ruhiger Stimme. «Hello, I am Witali.» Sie setzen sich. Small Talk.

Seppelt ist überrascht, wie gut sich Stepanow vorbereitet hat. Er kennt etliche Recherchen, die Seppelt seit 2006 gemacht hat: Der Deutsche ist viel herumgekommen, er war in Kenia, der führenden Laufnation, wo dubiose Helfer die Topstars des Marathons mit Dopingmitteln versorgen und Dopingtests ein Fremdwort sind. Er hat über eine Blutbank in Wien berichtet, die am Wochenende Blutdoping anbot. Er hat in Minsk gefilmt, wo man Blutdoping sogar im staatlichen Krankenhaus bekommt – und verbotene Anabolika im Gym um die Ecke angeboten werden.

Die Whistleblower, die ihren Mut mit einem Leben in permanenter Bedrohung bezahlen: Julia und Witali Stepanow. Benjamin Rasmussen

Und Stepanow kennt die beiden aktuellen Recherchen von Seppelt. Besonders diese beiden haben ihn Vertrauen zu dem deutschen Journalisten fassen lassen. Im ersten Film kaufte Seppelt einem renommierten russischen Wissenschaftler Full Size MGF ab, ein bis dahin unbekanntes, hochwirksames Steroid. Seppelt trug einen falschen Bart und war mit versteckten Kameras ausgerüstet. Es war kurz vor den Spielen von Sotschi 2014. Sogleich entwickelten Dopinganalytiker ein Testverfahren für das Steroid.

Im zweiten Film ging Seppelt der Spur nach, dass russische Leistungssportlerinnen vor Wettkämpfen mit dem Edelgas Xenon beatmet werden, um die Bildung roter Blutkörperchen anzuregen. Kaum war der Film ausgestrahlt, wurde auch diese Praxis verboten.

Stepanow räuspert sich – und dann beginnt er zu erzählen. Stundenlang. Seppelts Kaffee wird kalt. Seit zwanzig Jahren berichtet er über Doping. Aber so eine Geschichte ist ihm noch nie untergekommen.

Stepanow hat in den USA studiert; danach heuert er bei der Rusada an, der russischen Antidopingagentur. Er ist ein Idealist, er will den Sport ehrlicher machen. Und weil er klug und ehrgeizig ist, steigt er rasch auf. Bald leitet er das Ausbildungsprogramm, bald berät er den Generaldirektor. 2009 lernt er bei einer Antidopingfortbildung für Athleten Julia kennen, eine der besten russischen Mittelstreckenläuferinnen.

Sie verlieben sich ineinander, sie erzählt ihm: von ihrer Kindheit in Kursk, die Mutter Krankenschwester, der Vater Alkoholiker, der sie und ihre Mutter im Suff verprügelte. Wie sie sich in den Laufsport flüchtete – und bald zu Russlands Besten gehörte. Ohne Umschweife sagten ihr die Trainer, dass sie auf natürlichem Weg weit kommen würde, doch für Medaillen reiche das nicht. Dafür müsse sie «Hilfe» in Anspruch nehmen. So wie alle anderen auch. Julia macht mit. Nimmt Blutdopingmittel und Testosteron für den Muskelaufbau. 2011 wird sie in Moskau ihren schnellsten Lauf machen – und wird Dritte bei der Hallen-EM in Paris über 800 Meter, ihre Landsfrau Jewgenia Sinurowa holt Gold. Beiden wurden die Medaillen mittlerweile aberkannt.

Da sind Julia und Witali längst verheiratet. Und Witali hat begriffen, dass die russische Antidopingagentur vor allem dazu da ist, die Manipulationen zu vertuschen. Rund 23’000 Kontrollen pro Jahr, rund 2,5 Prozent der Proben sind positiv. Eine vergleichsweise hohe Quote. Doch dahinter verbirgt sich ein vollständig korruptes System.

Top-Athletinnen, die eine positive Probe riskieren, werden vorab über Kontrollen informiert, sodass sie sich aus dem Staub machen können – ohne dass das geahndet wird. Kontrolleure werden bestochen, mit Geld, mit Essen, mit Gefälligkeiten, damit sie ein Auge zudrücken. Laborproben gehen auf mysteriöse Weise verloren. Und wird doch einmal eine sehr gute Athletin positiv getestet, dann wird das Ergebnis nicht an die internationalen Organisationen weitergeleitet – und sie entgeht einer Sperre.

In diesen Jahren führt Witali ein Doppelleben: Offiziell ist er Mitarbeiter der Rusada und webt mit an der Fassade eines sauberen russischen Sports. Abends sitzt er daheim am Küchentisch und sieht seiner Frau beim Dopen zu. Ja, er hilft ihr sogar dabei. Bestellt mehrfach selbst Epo, das verbotene Blutdopingmittel. Erythropoetin, die von Ausdauersportlern mit Abstand am häufigsten missbrauchte Substanz, mit der sie die Zahl der roten Blutkörperchen erhöhen. Mehr Epo, mehr Ausdauer. In Russland kann man sich bis heute Epo frei Haus liefern lassen. Ein Anruf bei einer einschlägig bekannten Apotheke genügt, schon bringt der Bote den Sauerstoff-Booster nach Hause. Epo wie vom Pizzakurier. Dabei ist Epo eigentlich ein Medikament, das die Blutarmut von Dialysepatienten bekämpfen soll.

Julia wird von Erfolg zu Erfolg gedopt und versteht die moralischen Bedenken und Tiraden ihres Mannes immer weniger. Doping, das machen doch alle. Doch Witali hält es immer weniger aus, dass sie beide das dreckige Spiel mitmachen. In seiner Behörde begehrt er auf und prangert die Korruption an. 2011 wird Witali von der Rusada entlassen. Offiziell wegen einer «Umstrukturierung». Tatsächlich, weil seine Vorgesetzten längst gemerkt haben, dass sie ihn nicht unter Kontrolle haben und er sich dem organisierten Betrug verweigern wird. Immer öfter streiten sich Julia und Witali. Ihre Ehe steht kurz vor dem Scheitern.

Dann bricht auch Julias Welt zusammen. 2013 wird sie positiv getestet, die Probe kann nicht vertuscht werden, sie wird für zwei Jahre gesperrt. Die um sie herum aufgebaute Kulisse fällt zusammen. Sie begreift, dass sie ausgedient hat, dass sie eine Marionette war, eine von vielen. Ausgebeutet von Trainern, die sich einen Namen machen wollen, die sich nun eben halt eine andere talentierte Läuferin suchen, um sie mit Training und mit Pillen an die Weltspitze zu pushen.

Nun haben sie beide ihren Job verloren. In einem fort streiten sie sich. Sie stehen unter grossem Druck. Und beschliessen, dass es so nicht weitergehen kann. Seit 2010 hat Witali immer wieder geheime E-Mails an die Welt-Antidopingagentur Wada geschrieben und die Organisation über die Zustände im russischen Sport informiert. Doch die interessiert sich nicht dafür. Ein Funktionär ruft einmal zurück, und offenbar schickt die Wada auch einen Brief an die Antidopingkollegen in Russland und erkundigt sich, was bei ihnen los sei. Nichts, antworten die Russen. Und damit versickert die Sache.

Man stelle sich das vor: Ein Kronzeuge bietet sich der Wada an, jener global agierenden Organisation, die seit 1999 den weltweiten Sportbetrug bekämpfen soll. Liefert präzise Details, fleht darum, gehört zu werden. Und die Wada tut: nichts.

Julia und Witali starten einen weiteren Versuch.

Der Brief

Anfang 2013 schreibt Witali in Julias Namen einen zehnseitigen Brief:

«Liebe Wada,

ich liebe das Laufen, ich liebe den Wettkampf, und ich hoffe, dass meine Aussage zum Doping (ich weiss nicht, ob Geständnis in meinem Fall das richtige Wort ist) beim Kampf gegen Doping helfen und die Leichtathletik zu einem besseren Sport machen kann. Mit vierzehn Jahren habe ich die Olympischen Spiele 2000 in Sydney im Fernsehen geschaut. Wenn ich russische Athleten gesehen habe, wurde ich sehr emotional. Für mich waren sie Götter oder Menschen nicht von dieser Welt. Ich fühlte grossen Respekt für unser Land und die Olympiateilnehmer.»

Julia beschreibt, wie sie erst im Alter von siebzehn Jahren beginnt, professionell zu trainieren. Und dann, wie das Doping beginnt:

«Nach drei Jahren des Trainings und der Niederlagen bat ich meinen Trainer um diese Tabletten. Er sagte, es sei zu früh für mich. In meinem dritten Jahr begann ich, Ergänzungsmittel zu nehmen.

2005: (zum Beispiel erlaubte) Vitamine, Eisen, B12, Inosin, Vitamin C, Carnitin, Actovegin 2, Mildronat, Kaliumorotat, Glukose.

Winter 2006/2007: (verbotenes) Testosteron (Virormone).

Sommer 2007: (verbotenes) Oral-Turinabol (12. Mai bis 26. Mai, täglich), Epo (1000 ME, 30. Mai bis 10. Juni, jeden zweiten Tag).

Winter 2007/2008: Oral-Turinabol (17. Oktober bis 31. Oktober, 8. Dezember bis 23. Dezember, jeweils täglich), Epo (1000 ME, ab. 2. Januar 15 Mal jeden zweiten Tag).

In den folgenden Jahren: Oral-Turinabol, Epo, Oxanabol, Parabolan (allesamt verbotene Stoffe).

Je mehr ich trainierte, umso mehr Pharmazeutika brauchte mein Körper zur Leistungssteigerung. Manchmal bekam ich Muskelkrämpfe und konnte einfach nicht laufen. Manchmal wurde mein Blut sehr dick. Ich musste durch diese Probleme hindurch trainieren und dachte, alle Athleten bekämen sie. (…) Später, als ich Herrn Portugalow traf, stellte sich heraus, dass andere diese Probleme nicht bekamen und mein Trainer einfach nicht genug wusste, um sie zu vermeiden.»

Sergei Portugalow, der Chefmediziner der russischen Leichtathleten. Nach aussen gilt er als Antidopingexperte. Tatsächlich führt er ein Doppelleben: Er verkauft und verabreicht Doping an russische Athletinnen, manipuliert Dopingtests und erpresst russische Sportler. Wenn die Athletinnen Siegprämien gewinnen, müssen sie ihm fünf Prozent abgeben.

«Nach der russischen Meisterschaft sagte einer der Trainer, als er betrunken war, dass ich positiv getestet worden sei und sanktioniert werden würde. Natürlich begann mein Trainer, die Leute anzurufen, von denen er die verbotenen Mittel kaufte, die Rodschenkow kannten, den Direktor des Labors, um herauszufinden, ob die Information stimmte.

Grigori Rodschenkow, damals offiziell Leiter des russischen Dopingkontrolllabors in Moskau, tatsächlich einer der Architekten des russischen Staatsdopings. 2016 flieht er in die USA – und lebt derzeit in einem Zeugenschutzprogramm des FBI, weil offenbar Auftragskiller auf ihn angesetzt wurden.

«Diese Leute und Rodschenkow entschieden, Kasse zu machen. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie es geschah, aber ich habe persönlich rund tausend Dollar zu einem Freund von Rodschenkow gebracht, und er garantierte, dass ich mir keine Sorgen machen müsse. Am selben Tag rief Rodschenkow meinen Trainer an und erklärte, wie alles passiert sei, aber da wir Geld gezahlt hatten, würde nichts herauskommen.

Winter 2010/2011, zum ersten Mal unter der Aufsicht von Sergei Portugalow: Oxastenon (5. Dezember bis 25. Dezember).

Er sagte mir, dies sei eine Kombination aus Oral-Turinabol und Oxandrolon und etwa 35 Tage nachweisbar. Er sagte mir, ich solle mit einer Tablette am Tag beginnen und, falls meine Muskeln das mitmachten, auf eineinhalb Pillen erhöhen. Ich nahm Oxastenon vom 5. Dezember bis zum 25. Dezember 2010. Herr Portugalow hatte recht, eineinhalb Pillen waren zu viel für mich, meine Muskeln krampften zu sehr.

Zusätzlich: Testosteron (29. und 31. Dezember, 3. Januar, 6. und 10. Februar), Oxandrolon (3. Januar bis 24. Januar), Epo (2000 ME, 10. bis 13., 15., 17., 19., 21. Januar, 7. und 10. Februar).

Meine Blutwerte bei einer Probe im März 2011 in Frankreich waren abnormal, ich hätte damals schon bestraft werden können oder müssen. Heute verstehe ich, dass Herr Portugalow und Herr Melnikow und andere das Prinzip des Blutpasses nicht verstanden haben und die Sportler weiterhin wie üblich vorbereitet haben. Ihr Ziel war es, dass Proben zu einem bestimmten Zeitpunkt sauber waren.

Sommer 2011: Wie Winter zuvor.

Herr Melnikow sagte später, wirklich verstanden hätten sie die Blutpässe im Frühjahr 2012. Nun erzähle ich Ihnen ein wenig über die Vorbereitung der Sportler in Russland. Normalerweise entscheiden Herr Malaskow und Herr Melnikow vor jeder Saison, wer für die grossen Meisterschaften vorbereitet wird, und diese Sportler dürfen gedopt bei den Landesmeisterschaften starten. Normalerweise sind das fünf oder sechs Sportler. Herr Melnikow sagte allerdings, dass es wohl nur noch drei sein würden, weil es schwieriger würde, nicht geschnappt zu werden.»

Alexei Melnikow, damals Leichtathletik-Cheftrainer, inzwischen lebenslang vom Sport gesperrt. Walentin Malaskow, ein weiterer Leichtathletik-Trainer.

«Einige russische Sportler sagen, in Dopingfällen von Olympiasiegern und Weltmeistern würde Geld direkt an den IAAF-Präsidenten gezahlt. So wie ich es verstehe, ist es ein grosses Geschäft mit politischen Bezügen.»

Die Recherche beginnt

Das sind nur Auszüge des Briefes, übersetzt hat ihn seinerzeit die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Die Vorwürfe, die Julia und Witali erheben, sind präzise. Sie sind ungeheuerlich. Sie verhallen. Wieder landet der Brief von Julia und Witali auf dem Schreibtisch eines Wada-Funktionärs. Doch dieses Mal handelt jemand: der Amerikaner Jack Robertson, der damalige Chefaufklärer der Wada, ein ehemaliger Drogenfahnder. Auch er ist frustriert über die Untätigkeit seiner Chefs. Ihm ist klar, dass die Antidopingbehörde nicht handeln wird. Wenn sich etwas ändern soll, wenn Julia und Witali gehört werden wollen, müssen sie sich an einen Journalisten wenden.

Jack Robertson empfiehlt Hajo Seppelt. Witali erkundigt sich nach ihm – und schreibt ihm eine E-Mail. Und nun sitzen die beiden zusammen, in einem Café am Stadtrand von Moskau.

«Ich trete für sauberen Sport ein», sagt Witali. «Was ich erlebt habe, hat mich entsetzt. Deshalb muss ich diesen Weg wählen.» Er wisse, worauf er sich einlasse. «Ich will nicht nur Vorwürfe erheben, ich kann sie auch beweisen. Was nützt es denn, Behauptungen in die Öffentlichkeit zu bringen, ohne sie belegen zu können? Die Funktionäre werden alles abstreiten.» Und bietet Seppelt an, ihm Dokumente zu besorgen – und Filmaufnahmen. Fast drei Stunden lang reden die beiden.

Als Seppelt im Taxi sitzt, ist er elektrisiert. Er weiss, dass diese Recherche den Sport verändern wird. Er ahnt nicht, dass sie in Russland zur Staatsaffäre werden wird. Wenn es stimmt, was Witali ihm erzählt hat, sind die Resultate von Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften nicht das Abbild sportlicher Leistungen, sondern Protokolle eines gigantischen Betrugs. Dann ist das Dopingkontrollsystem Russlands, der grossen Sportnation, ein Illusionstheater, mit dem die Weltöffentlichkeit an der Nase herumgeführt wird.

Und noch etwas geht ihm durch den Kopf – welches Risiko die beiden eingehen. Er weiss: Ehe Witali und Julia nur eine Minute im deutschen Fernsehen erscheinen, muss für ihre Sicherheit gesorgt sein. Ihm dämmert, dass sie ihr Heimatland wohl verlassen müssen. Die russischen Funktionäre werden es ihnen nicht verzeihen, das System des Staatsdopings ans Licht gebracht zu haben.

Das wichtigste Kapital eines Rechercheurs ist Zeit. Seine grösste Tugend Geduld. Nur wer sich über Jahre einem Thema widmet, wieder und wieder den gleichen Boden pflügt und sich so allmählich einen Namen macht – nur an den wird ein wichtiger Informant herantreten. Ein Whistleblower aus dem Innersten des Apparats, der Dinge gesehen hat, die ein Journalist allein nie zu Gesicht bekäme.

Rechercheure sind auf solche Informantinnen angewiesen. Und Whistleblower brauchen Journalistinnen. Sie sind auf sich allein gestellt. Sie brauchen jemanden, dem sie sich anvertrauen können, der weiss, wie man mit Geheimnissen verantwortungsvoll umgeht und die Beobachtungen mit Recherchen unterfüttert. Und am Ende eine Story erzählt, die ein grosses Publikum erreicht.

Zurück in Deutschland, erhält Hajo Seppelt eine weitere E-Mail von Wada-Funktionär Jack Robertson – der ihm weitere Sportler nennt, die über das russische Dopingsystem aussagen wollen.

Seppelt bereitet seine Reise vor. Und reist im Frühjahr 2014 mehrere Wochen lang durch Russland, um die Informanten zu treffen. Sportler, die auf irgendeine Weise durch die Maschen des Systems gefallen sind. Zum Doping verführt wurden, aufgefallen sind, gemeldet wurden – und nun mit dem Rücken zur Wand stehen. Ihre Karrieren liegen in Scherben. Sie waren Täter. Nun sind sie Opfer.

«Die meisten aus dem Nationalteam dopen», sagt die Diskuswerferin Evgenia Pecherina in Seppelts Kamera. «99 Prozent. Je schwerer etwas nachzuweisen ist, desto teurer das Präparat.» Sie spricht offen und mit vollem Namen. Später werden Bekannte an sie herantreten und verlangen, dass sie nicht mehr mit ausländischen Journalisten spricht.

Auch Oleg Popow, er trainiert Speer- und Diskuswerfer, wagt sich vor die Kamera. «Als Sportler hast du keine Wahl», sagt er. «Entweder bereitest du dich im Nationalteam mit verbotenen Substanzen vor, oder du machst nicht mit, und dann kann es ganz schnell gehen, und du bist wieder draussen.»

Ein anderer Trainer will anonym bleiben und traut sich nur mit einer Schirmmütze verdeckt vor die Kamera. «Wenn man über solche Sachen spricht, kann es sehr gefährlich werden, verstehen Sie», sagt er. «Es kann ein Unglück geschehen. Es kann alles passieren. Manche Leute haben versucht sich umzubringen. Bei einem, von dem weiss ich, bei dem hat man es nicht geschafft, ihn zu retten.»

Und alle weisen auf Grigori Rodschenkow, offiziell Leiter des Moskauer Dopingkontrolllabors, tatsächlich einer der Drahtzieher des russischen Staatsdopings. Er liefert verbotene Substanzen, bereitet Einnahmepläne vor, sorgt dafür, dass «seine» Athleten entweder nicht getestet werden – oder ihre belasteten Proben verschwinden. Gerade bei den Top-Athletinnen einer Sportart, den möglichen Medaillengewinnern. Und lässt sich dafür bezahlen.

«Rodschenkow ist über alles informiert», sagt Evgenia Pecherina, die Diskuswerferin. «Er weiss, wie lange welches Präparat braucht, um aus dem Körper zu verschwinden. Er weiss darüber Bescheid, und er gibt Anweisungen. Er ist der wichtigste Spezialist.»

Damals weiss noch niemand von Grigori Rodschenkows Doppelleben. Ehe Seppelt zurückfliegt nach Deutschland, trifft er ihn in Moskau zum Interview – und konfrontiert ihn mit den Anschuldigungen der Sportler. Was er dazu sage?

Rodschenkow steht an einen Labortisch gelehnt, die Arme verschränkt, die Schultern hochgezogen, und überlegt. Die Kamera läuft, er kann nicht ausweichen.

«Sie sollten vorsichtig sein, Betrügern zu glauben. Diese erleben ja die Katastrophe ihres Lebens», sagt er.

«Haben Sie jemals Geld angenommen, um Doping zu vertuschen?», fragt Seppelt zurück.

Wieder überlegt Rodschenkow einen Moment. Seine Schultern rutschen höher. Er beugt den Kopf nach unten und wiederholt die Frage, als spräche er zu sich selbst.

«Habe ich jemals Geld genommen, um Doping zu vertuschen?» Pause. Dann grinst Rodschenkow in die Kamera. «Die Antwort ist Nein, bis heute.» Seine Körpersprache sagt etwas anderes.

Das Leben der Informanten schützen

Im Juni lädt Seppelt Witali und Julia nach Deutschland ein – und ihren inzwischen einjährigen Sohn Robert. Sie wollen das weitere Vorgehen besprechen und ausloten, wo die beiden untertauchen könnten. Diese Recherche wird eine Staatsaffäre geben, die Sicherheit der beiden Whistleblowerinnen hat höchste Priorität.

In Berlin bietet ein Sportmanager den beiden eine Wohnung an, falls sie Russland schlagartig verlassen müssen. Ein anderer will Julia einen Coach stellen, schliesslich steht sie nach wie vor voll im Training. Eine Anwältin berät die beiden zu rechtlichen Fragen. Zehn Tage sind sie in Deutschland. Im Hotel meldet Seppelt sie unter seinem Namen an, um ihre Anonymität zu wahren. Sie sind viel unterwegs. In Bayern besuchen sie einen weiteren Sportfunktionär, auch er bietet Hilfe an. Auf dem Weg zum Berliner Flughafen Tegel ist Julia noch stiller als sonst. Sie wirkt ernst und besorgt – und entschlossen.

Julia Stepanowa (Mitte, unter ihrem damaligen Namen Rusanova) im WM-Halbfinal 2011 über 800 Meter in Daegu, Südkorea.  Rungroj Yongrit/EPA/Keystone

Kurz darauf fährt Seppelt nach Moskau, um die Aussagen von Julia aufzunehmen. Er besucht sie daheim. Die Stepanows hausen in einem hässlichen Plattenbau, in einer spartanischen Zweizimmerwohnung. Nun besteht Witali auf höchster Geheimhaltung. Keiner soll etwas wissen, selbst sein Bruder nicht, der mit ihnen gemeinsam in der winzigen Wohnung lebt. Und schon gar nicht ihrer beider Eltern. Man wisse nie, wie stark die Staatspropaganda wirke, sagt Witali, ob sogar seine Verwandten in ihm einen Verräter sehen würden.

Und darum findet das Interview mit Julia schliesslich in einem Hotelzimmer statt. Sie erzählt:

«Als wir uns kennengelernt haben, habe ich Witali die Augen geöffnet. Ich habe ihm gesagt, wie es wirklich funktioniert. Den Trainern wird es eingehämmert, und die Trainer hämmern es den Athleten ein. Die Athleten denken deshalb gar nicht, wenn sie verbotene Präparate einnehmen, dass sie etwas Unrechtes tun.»

Bis hierher war Julia meist still, wenn Seppelt sie traf. Nun sprudelt es aus ihr nur so heraus.

«In einem Trainingslager in Portugal haben unsere Athleten einfach unter falschem Namen gewohnt. Sie haben verbotene Substanzen eingenommen. Damit die ausländischen Kontrolleure nicht kommen, haben sie falsche Namen angegeben. Als wir in Kirgistan im Trainingslager waren, sollte ich am 15. Dezember eine Kur mit Tabletten anfangen. Da hat mein Trainer mich gefragt: Hast du sauberen Urin? Füll hier schon mal was ab, damit du welchen hast, wenn die Kontrolleure kommen. Ich habe das so gemacht, wie er gesagt hat, und im Gefrierfach hatte ich ein Döschen mit sauberem Urin.»

Fast drei Stunden lang redet sich Julia alles von der Seele.

«Sie nehmen ein beliebiges Mädchen und füttern es mit verbotenen Substanzen, und wenn eines erwischt wird, dann schmeissen sie es weg und nehmen ein anderes und füttern es ebenfalls.»

Am nächsten Tag fährt Seppelt mit Witali in ein Café. Sie führen ihr langes Gespräch von der ersten Begegnung noch einmal – nur läuft dieses Mal die Kamera mit. Wieder ist Seppelt erstaunt, wie präzise und überlegt Witali spricht. Wie er Fakten von Spekulationen trennt. Und weil ihnen die Zeit am Ende nicht reicht, weil Witali redet und redet, filmen sie am nächsten Morgen weiter.

Für einen sauberen Sport

Doping, das ist Hajo Seppelts rotes Tuch. «Seit Jahrzehnten wird die Öffentlichkeit über die Hintergründe des Antidopingkampfes zum Narren gehalten», sagt er. «Es ging noch nie darum, eine kritische Haltung zum Thema einzunehmen. Sondern darum, das Thema aus der öffentlichen Debatte herauszuhalten.»

Der weltweite Antidopingkampf? «Pure Heuchelei.» Hauptverantwortlich: «das IOK, die sogenannte Weltregierung des Sports». Ehrenamtliche Funktionäre, die über ein Milliardengeschäft bestimmen – und sich «mit Glitter und Glamour nur zu leicht ablenken lassen vom Doping, dem Krebsgeschwür des Sports».

Und dann, echauffiert sich Seppelt weiter, «kommt der böse Journalist und legt den Finger in die Wunde. Aus Sicht mancher Funktionäre ist dann nicht der Doper das Problem, sondern der Reporter. Nicht der Missbrauch illegaler Substanzen, sondern das Reden darüber.»

Dabei gäbe es genug Ideen, wollte man Doping wirklich wirksam bekämpfen. Seppelt kann sie im Schlaf aufzählen.

  • Sportverbände müssen von hauptberuflichen Managerinnen geleitet werden, nicht von ehrenamtlichen Funktionären.

  • Die Verbände müssen überwacht werden von externen Kontrolleuren.

  • Die Korruptions- und Antidopinggesetze müssen weltweit verschärft werden. Doping ist Betrug.

  • Antidopingagenturen müssen abgenabelt werden von den Sportverbänden. Noch besser: Dopingkontrolleure müssen aus einem anderen Land kommen. Die Länder müssen sich gegenseitig überwachen. Dann sehen sie auch genauer hin.

  • Der Antidopingkampf braucht erheblich mehr Geld. Denkbar wäre eine Selbstverpflichtung der Sponsoren, fünf Prozent der Etats in die Bekämpfung von Doping, Wettbetrug und Korruption zu stecken.

Ja, auch die öffentlich-rechtlichen Sender hätte viel zu lange viel zu unkritisch berichtet. Aber die Gegenkräfte seien gewachsen. Der Einfluss der Rechercheure habe zugenommen. Und dann betet Seppelt sein Credo herunter: «Ich will, dass Zuschauer ernst genommen und nicht für dumm verkauft werden. Ich will, dass aus den Rundfunkgebühren nicht ungewollt Sportbetrug mitfinanziert wird. Ich will, dass Journalisten nicht auf dem Schoss von Trainern und Sportlern sitzen. Ich will, dass der Betrug im Sport beim Namen genannt wird.»

Geheimsache Doping

Wenig später findet Seppelt in seinem Posteingang eine E-Mail von Witali Stepanow mit einem brisanten Anhang – einem geheim aufgenommenen Handyvideo, auf dem Marija Sawinowa, Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin über 800 Meter, aus dem Nähkästchen plaudert.

«Na ja, was sollen wir machen?», sagt Marija Sawinowa. «Das ist das System, in Russland funktioniert das nur mit Pharma. Mein Trainer arbeitet zum Glück mit Melnikow, und der hilft, die Tests zu vertuschen. Sie lassen ihn die Termine für die Kontrollen tauschen. Und Oxandrolon ist sehr schnell aus meinem Körper wieder raus. Dauert weniger als zwanzig Tage. Wir haben das testen lassen. Mein Mann hat nämlich sehr gute Verbindungen zum Dopingkontrolllabor.»

Im November, längst hat Seppelt alles Material für eine einstündige Dokumentation beisammen, überraschen ihn die Stepanows ein weiteres Mal: Julia bietet an, geheime Aufnahmen bei einem Trainingslager in Kirgistan zu machen. Sie will heimlich filmen, wie der Startrainer der russischen Leichtathletik­-Nationalmannschaft Dopingmittel verteilt. Seppelt ermahnt sie, sie solle vorsichtig sein. Julia verspricht es. Am Ende wird es eine der spektakulärsten Szenen in Seppelts Dokumentation sein.

Anfang Dezember wird der Film «Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht» zur besten Sendezeit in der ARD laufen. Kurz zuvor packen Julia und Witali ihre Koffer – und verlassen Russland für immer. Am 22. November 2014 holt Seppelt sie am Berliner Hauptbahnhof ab. Ihr Leben steckt nun in drei Koffern und einer Tüte mit einigen Kuscheltieren für den kleinen Robert.

Eines Abends kommt der zuständige ARD-Redaktor in den Schneideraum, um sich den fast fertigen Film anzuschauen. Als die sechzig Minuten herum sind, wird es mucksmäuschenstill. Schliesslich sagt er: So etwas habe er noch nicht gesehen. Ein Dokument der Zeitgeschichte.

Am 3. Dezember 2014 um 19 Uhr läuft der Film «Geheimsache Doping». Nie zuvor hat eine Dokumentation der ARD weltweit so grosse Resonanz ausgelöst. Die Recherche löst ein Erdbeben aus. Ermittlungen beginnen. Funktionäre treten zurück oder fliehen, zwei sterben eines überraschenden Todes. Athleten werden gesperrt, Organisationen suspendiert. Schliesslich werden, im Sommer 2016, die russischen Leichtathletinnen und -athleten von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ausgeschlossen.

Handgemenge im Hotelzimmer

Als die Entscheidung fällt, in Wien, im Juni 2016, bei einer Tagung des Internationalen Leichtathletikverbandes, wird Hajo Seppelt begleitet von zwei Leibwächtern. Seit Monaten erhält er Drohungen. Das russische Staatsfernsehen hat sich auf ihn eingeschossen: Seine Recherchen seien aus der Luft gegriffen, das sei antirussische Propaganda, um das Land und seine Athletinnen in Misskredit zu bringen. Inzwischen hat sich Doping-Drahtzieher Grigori Rodschenkow als Whistleblower zu Julia und Witali gesellt und ist in die USA geflohen. In der «New York Times» packt er aus. Auch Seppelt fördert neue Details über das staatlich orchestrierte Aufputschsystem in Russland ans Licht, in einer weiteren Folge von «Geheimsache Doping».

Nachdem der Film im Sommer 2016 ausgestrahlt worden ist, bitten mehrere ausländische TV-Journalisten um Interviews. Allein drei Teams aus Russland haben sich angesagt. Unter ihnen eine gewisse Olga von Russia 1. Seppelt organisiert ein Hotelappartement für die Interviews. Reporterin Olga entpuppt sich als kleine, blonde Frau im knallroten Kostüm. Zunächst fragt sie sachlich. Doch bald wird sie ausfällig: Seppelt sei doch ein Spion, bezahlt von der CIA. Wo bitte schön seien sie denn, die Beweise? Wo? Er möge sie doch bitte schön präsentieren, jetzt und hier, vor laufender Kamera.

Seppelt ahnt, was sie vorhat – und bricht das Interview ab. Er bittet die drei Russen zu gehen und fordert sie auf, die Aufnahmen zu löschen. Doch das kümmert keinen: Der Kameramann filmt munter in Küche und Schlafzimmer weiter. Seppelt ruft den Sicherheitsdienst des Hotels an und die Polizei. Doch die lassen auf sich warten. Er verliert die Nerven – und drängt Kameramann, Tonmann und Reporterin aus dem Appartement. Und schnappt sich ihren Mikrofonschutz, als Beweis. Das alles vor laufender Kamera.

Die Russen rennen davon. Er läuft hinterher, verfolgt sie quer durch die Kölner Innenstadt, per Handy die Funkstreife dirigierend. Doch die Russen verschwinden in einer Unterführung – und entkommen. Die Bilder vom Handgemenge werden noch Monate im russischen Staatsfernsehen rauf und runter gesendet. Als Beleg dafür, dass deutsche Journalisten russische Kamerateams belästigen und die ARD ohne Beweise russische Athletinnen an den Pranger stellt.

Es ist nicht das letzte Mal, dass «Olga» Seppelt aufgelauert hat. Zuletzt wartet sie mit einem Kamerateam im November 2017 auf ihn, in Lausanne, als das IOK seine Entscheidung bekannt gibt, dass die russischen Wintersportlerinnen in Südkorea nicht unter eigener Flagge starten dürfen. Wieder geht Olga ihn an, vor den Augen der Weltpresse – bedrängt ihn so sehr, dass die beiden Leibwächter, die Seppelt auch dieses Mal vor möglichen russischen Attacken schützen, dazwischengehen.

Der Hetze im Fernsehen folgen die Internet-Trolle. Seit Jahren werden in den sozialen Medien Beleidigungen über Seppelt ausgekübelt. Er wolle Vergeltung üben für die Vergewaltigung seiner Grossmutter durch russische Soldaten. Dass er aufpassen müsse, wo er hingehe. Dass er auf seine Familie aufpassen solle. Dass man ihn überall finde. Dass er lieber aufpassen solle, wenn er die Haustür aufmache. Vor einigen Wochen veröffentlichen die Trolle eine Adresse von Seppelt im Internet, mit der impliziten Aufforderung, dem Verräter doch einmal einen Besuch abzustatten.

Er nimmt es zur Kenntnis. Ja, er passt nun besonders gut auf sich auf und hat Massnahmen zu seinem Schutz ergriffen. Aber deswegen nicht mehr über das russische Staatsdoping zu berichten? Ist ihm nie in den Sinn gekommen.

Julia und Witali Stepanow sind wohlauf. Sie schlagen sich durch, er jobbt in der Sportbranche, sie ist Mutter und Läuferin. Sie haben Russland seither nie wieder betreten. Zusammen mit ihrem Sohn Robert leben sie an einem geheimen Ort irgendwo in den USA. Sie bereuen nichts.

Making of: Ein Buch, das keines wurde

Im Oktober 2016, kurz vor der damaligen Buchmesse, fragte mich ein Berliner Literaturagent, ob ich zusammen mit Hajo Seppelt ein Buch schreiben wolle. Über dessen Recherchen in der Schattenwelt des Sportbetrugs, von Ostberlin bis Moskau, von Kenia bis Nordkorea. Begeistert sagte ich zu. Und weil die Zeit drängte, weil das 25-seitige Exposé bis zur Buchmesse fertig sein musste, legten wir gleich los.

Hajo Seppelt und ich waren in Berlin zufällig Nachbarn in Prenzlauer Berg, wir trafen uns in einem Café um die Ecke. Seppelt erzählte, ich tippte. In Deutschland ist Hajo Seppelt durch seine vielen Auftritte im Fernsehen recht bekannt, regelmässig wird er, wenn es um das Thema Doping geht, live in der «Tagesschau» zugeschaltet. Kein Wunder, dass einmal ein Mann an unseren Tisch trat, sich vorstellte und Hajo Seppelt beglückwünschte zu seiner Arbeit.

Das Exposé wurde rechtzeitig fertig. Zwei Verlage bissen an. Wir hätten loslegen und das Buch schreiben können. Aber dann wurde doch nichts aus dem Projekt. Aus einer ganzen Reihe von Gründen. Das 25-seitige Konzept verschwand in der Schublade.

Doch kaum hatte ich im Herbst 2017 als Textchef bei der Republik angeheuert, wurde das Thema wieder aktuell: Wir schlossen eine Kooperation ab mit Eye Opening Media, der Produktionsfirma von Hajo Seppelt, um künftig gemeinsam zu Sportdoping zu recherchieren.

So ist dieses also kein klassisches journalistisches Porträt. Von Anfang an hatten wir ein kollegiales, kein distanziertes Verhältnis. Auch wenn wir immer noch beim Sie sind. Auf dem besteht Hajo Seppelt. Er ist ein förmlicher Mensch. Und sehr hartnäckig.

Sie haben in diesem Artikel viele Worte gelesen …

… aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»


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