«Bis zum heutigen Zeitpunkt hat die SDA die Funktion eines Service public gehabt»

Vergangene Woche trat sie aus dem Verwaltungsrat der SDA zurück – aus Protest gegen dessen Strategie. Jetzt widerspricht «Nouvelliste»-Direktorin Sandra Jean öffentlich CEO Markus Schwab, der die SDA nur den Aktionären verpflichtet sieht.

Interview von Nina Fargahi, 01.02.2018

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Zuerst ein Warnstreik, seit Dienstag jetzt ein unbefristeter Streik, der auch heute Donnerstag weitergeht: Die Journalistinnen und Journalisten der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA) kämpfen um ihre Jobs. 36 der 150 Stellen bei der einzigen Schweizer Nachrichtenagentur werden gestrichen, gegen fünf Millionen Franken eingespart. Gestern Abend ein erster Erfolg für die streikende Belegschaft: Der SDA-Verwaltungsrat zeigte sich erstmals seit Beginn des Arbeitskampfs gesprächsbereit.

Am Wochenende hatte sich SDA-CEO Markus Schwab öffentlich zu Wort gemeldet – und mit seinen Aussagen für Unverständnis und Empörung in der Politik und Medienbranche gesorgt. «Die SDA ist eine private Aktiengesellschaft. (...) Wieso kommt man auf die Idee, dass wir eine Verpflichtung für den Service public haben?», sagte Schwab in der «NZZ am Sonntag» – und weiter: «Die SDA ist nur ihren Aktionären etwas schuldig.»

Jetzt widerspricht ihm Sandra Jean, die vergangene Woche aus dem SDA-Verwaltungsrat zurückgetreten ist, weil sie die eingeschlagene Strategie nicht mittragen will. Über die Details ihres Abgangs will die Redaktionsdirektorin der Walliser Zeitung «Le Nouvelliste» nicht reden. Stattdessen bringt sie eine öffentliche Finanzierung der SDA ins Spiel.

Frau Jean, die Redaktion der Nachrichtenagentur SDA, bekannt für faktentreuen und unaufgeregten Journalismus, ist in den Streik getreten. Was bedeutet das?
Eine solche Eskalation ist als Misserfolg zu deuten. Dieser Streik ist ein starkes Zeichen, das uns alarmieren sollte. Die SDA steht vor einer der wichtigsten Entscheidungen ihrer Geschichte. Wir müssen hinschauen. Nicht nur auf die SDA, sondern allgemein auf den Schweizer Medienplatz.

Warum auf den ganzen Medienplatz?
Wir haben es mit einer strukturellen Krise zu tun. Das Wirtschaftsmodell für Journalismus hat sich verändert, ebenso die Art, wie man Medien nutzt. Den Redaktionen fehlt es an Ressourcen, mehrere Medientitel wollen oder können die SDA-Rechnung nicht mehr bezahlen.

Welche Medientitel?
Die grosse Mehrheit der SDA-Kunden.

Keystone
«Natürlich stellt sich die Frage nach der Verantwortung eines Unternehmens wie der SDA.»
Sandra Jean, Redaktionsdirektorin der Walliser Tageszeitung «Le Nouvelliste», seit 2015 und bis zum 24. Januar 2018 Mitglied des SDA-Verwaltungsrats.

Was macht die SDA heute aus?
Die SDA beobachtet aufmerksam und berichtet auch dort, wo es keinen grossen Knall gibt. Gleichzeitig ist sie aber eine Aktiengesellschaft. Sie will schwarze Zahlen schreiben und versucht, Profit zu erwirtschaften. Das Problem ist: Bis zum jetzigen Zeitpunkt hat sie die Rolle eines Service public eingenommen. Sie hat ausgewogen berichtet, Informationen in drei Landessprachen bereitgestellt, die Regionen berücksichtigt. Diese Dienstleistungen sind teuer und die Frage ist: Wer will diese Leistungen noch und wer bezahlt das?

Markus Schwab, der CEO der SDA, hat in der «NZZ am Sonntag» gesagt, dass die Agentur nur ihren Aktionären etwas schuldig sei.
Ob Markus Schwab will oder nicht: Bis zum heutigen Zeitpunkt hat die SDA die Funktion eines Service public gehabt. Die Frage ist, wie es nun weitergeht. Niemand kann eine Aktiengesellschaft zwingen, staatspolitisch zu handeln. Aber natürlich stellt sich die Frage nach der Verantwortung eines Unternehmens wie der SDA.

Zeigt uns die SDA-Krise im Kleinen, was eine Annahme von No Billag im Grossen bedeuten würde?
Eins ist sicher: Alle Medien müssen sich weiterentwickeln, um ihr Publikum zu finden. Die SDA und die SRG sind keine Ausnahmen.

Kann man sagen, dass sich die SDA von einer Agentur mit Service-public-Anspruch zu einer gewinnorientierten Aktiengesellschaft gewandelt hat?
Es ist zu früh, um das zu sagen. Wir wissen noch nicht genau, wie die SDA mit Keystone zusammenpasst. Die Bereitstellung von Informationen in drei Sprachen und auf mehreren Trägern – wie Text, Video, Infografik – ist teuer. Der Verwaltungsrat muss die Strategie festlegen. Zuerst stellt sich die Frage, ob die SDA noch Kunden haben wird, die diesen Service beanspruchen. Wenn die Antwort positiv ausfällt, muss über die Finanzierung gesprochen werden. Sollte die Politik in Bern einen konkreten Vorschlag ausarbeiten, liegt der Ball beim Verwaltungsrat.

Hätte dieser Kahlschlag vermieden werden können?
Die SDA muss auf jeden Fall umgebaut werden, und zwar so, dass das Produkt zu den Bedürfnissen der Kundschaft passt. Aber wie man das macht und welchen Weg man dabei einschlägt, ist eine andere Frage. Ob der angekündigte Kahlschlag richtig ist, sei dahingestellt.

Wie muss sich die SDA Ihrer Meinung nach verändern?
Die SDA muss multimedial werden, wenn sie überleben will. Die SDA ist noch immer viel zu sehr printorientiert, dabei liefert sie Nachrichten an verschiedene Onlinedienste und wird im Netz sehr rege genutzt. Es bräuchte mehr Infografiken, mehr Videos, mehr Inhalte für die Social Media. In diesem Sinn ist die Fusion mit Keystone eine echte Chance.

Ist das auch die Auffassung von Tamedia, der grössten SDA-Aktionärin?
Ich werde nicht im Namen von Tamedia sprechen. Was ich sagen kann: Alle Medien versuchen, sich durch ein Alleinstellungsmerkmal von den anderen abzuheben. Ein Beispiel: Die Zeitungen «24 Heures» und «Tribune de Genève» von Tamedia machten früher immer mit Inland, Ausland und Wirtschaft auf. Jetzt kommen zuerst die Lokalnachrichten – das ist nun ihre Priorität.

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