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Mehrere Leute sitzen in einem Wohnzimmer auf Sofa und am Boden
Wahlkampf im Wohnzimmer: In Flagstaff lauschen Interessierte der feministischen Muslima und Senatskandidatin Deedra Abboud.

Right and Righteous

Right and Righteous

Arizona – im Grenzgebiet von progressivem Biedermeiertum und bescheidenen Revolutionen. Begegnung mit der ersten Kopftuch tragenden Senatskandidatin. Und ein Tag am Gericht bei der ersten indianischstämmigen Bundesrichterin. Die Ankunft in Los Angeles ist die Rückkehr zur Ausgangsfrage: Woran zersplittert eine Gesellschaft?

Von Anja Conzett, Yvonne Kunz (Text) und Reto Sterchi (Bilder), 29.01.2018

  

Wahrheit oder Konsequenzen

Tag 22, Anja Conzett, unterwegs im Auto

Endlos die Wüsten, die Berge schwarz, nur Fels und Sand, manchmal liegt eine tote Antilope im Strassengraben. Junip spielt «In Every Direction», und bei einer Rast am Fuss eines Hügels entdecke ich mehrere Dutzend abgerissene Taubenflügel. Berglöwe oder Kojote? Schnell weiter, ehe er zurückkommt.

An einer verlassenen Tankstelle hängt ein kochlöffellanger Knochen von der Veranda. Eine Schlange verschwindet im Gebüsch. Der Wind trägt Sand, der Sand reisst haarfeine Kratzer in mein Gesicht. Karges Land, wildes Land. Wie viele Menschen haben es, aus Mexiko, aus Kolumbien, aus Guatemala kommend, schon zu Fuss durchquert, wie viele wurden nie gefunden?

Truth or Consequences, New Mexico

Wir übernachten in einem Ort namens Truth or Consequences, Wahrheit oder Konsequenzen, in den Fünfzigerjahren so umbenannt zu Ehren einer Quizshow. Es wäre das einzig Nennenswerte an dem Ort. Wäre da nicht die Diskussion nach dem Abendessen.

Karges Land, wildes Land, freies Land – und für die beiden Reporterinnen die längste Sackgasse der Welt.

Wir sitzen im Hinterhof eines Motels, auf Rattanmöbelimitaten aus grauem Plastik. Lange schon sprechen wir nicht mehr miteinander, und so unterhalten uns nur Reto und ich. Darüber, was uns antreibt. Darüber, warum das Reporterleben, so hart es manchmal auch ist, das einzige ist, das wir uns vorstellen können. Ich frage Reto, ob er die Umwelt auch dann noch schützen würde, wenn die Menschheit eine Generation nach uns aussterben würde. Reto sagt Ja. Ich sage Ja. Du sagst Nein.

Deine Antwort schmerzt mich. Ich bleibe still. Die Stille stellt mir eine Frage. Habe ich mich so sehr an dir gerieben, dass du gar nicht mehr anders kannst, als mir zu widersprechen? Habe ich dich in eine Ecke gedrängt? Habe ich auf dieser Reise allen zugehört – den Rassisten, Trump-Wählern, Zornigen, Verzweifelten –, allen ausser dir? Habe ich dich zu sehr als eine Erweiterung meiner selbst betrachtet? War ich deshalb zu ungeduldig, zu hart und zu stur mit dir? Sind es weniger meine Thesen als die Form, mit der ich sie dir vermittle? Ist das der Grund, weshalb du nicht mehr mit mir reden willst? Und wenn ja, wie kommen wir aus dieser Sackgasse wieder heraus?

Später sitze ich auf dem Bett eines Motels, das so aussieht wie jedes Bett eines jeden Motels, das mir in diesem Land schon begegnet ist, und frage mich was dazu geführt haben muss, dass Trump-Wähler landauf, landab gegen Fake News und Elite anschreien. Fühlten sie sich zu lange vom Diskurs ausgeschlossen? Unerhört und nicht ernst genommen? Ich scrolle beiläufig durch meine Songsammlung und bleibe bei zwei Favoriten hängen, die mich noch auf jeder meiner Reisen begleitet haben. Am Ende entscheide ich mich gegen Frank Sinatras «My Way» und schlafe stattdessen zu Dire Straits ein: «Brothers in Arms».

Das reicht nicht

Tag 23, Anja Conzett, Flagstaff, Arizona

Es ist noch dunkel, als wir uns am Morgen auf die vorletzte Etappe machen – und treffen eine Tagesreise später in einem Skiort namens Flagstaff ein, in den Bergen Arizonas. Das Navigationsgerät führt uns in ein wohlhabendes Wohnquartier, Holzhäuser mit mehrstöckigen Terrassen, die auf Stelzen stehen. Glasfronten, Vorgärten, Doppelgaragen. Die Progressive Voters of Flagstaff haben in das Haus der Familie James geladen, zu einer Wahlkampfveranstaltung für Deedra Abboud. Luftballone in Blau, Weiss und Rot zucken vor der torähnlichen Haustür im Wind. Abboud, 45, ist Anwältin und Feministin und konvertierte vor über zwanzig Jahren zum Islam. Seither trägt sie Hidschab. Jetzt kandidiert sie für einen Sitz im Senat. Er wurde frei, nachdem der Republikaner Jeff Flake bei Trump in Ungnade gefallen und dann zurückgetreten war.

Wir betreten das weitläufige Wohnzimmer. Deedra Abboud begrüsst uns mit festem Händedruck und bemerkt mit gefrorenem Lächeln, dass wir zu spät sind. Abboud trägt, wie auf ihren Wahlplakaten, einen bunten Hosenanzug, ein dazu passendes Kopftuch, zu viel Lidschatten und knallpinken Lippenstift. Die Herzchensonnenbrille hat sie über das Kopftuch geschoben.

Blau, Weiss, Rot: einst die Farben der Hoffnung, nun kitschige Dekoration.
Nach dem ersten schwarzen Präsidenten die erste Frau mit Kopftuch im Senat? Vor allem die Frauen wollen mehr wissen über Deedra Abboud und ihre Kandidatur.

Im Haus der Familie James versammeln sich an diesem Abend Zahnärzte, Lehrer, Sozialhelferinnen, Autohändler, Umweltwissenschafterinnen. An die fünfzig gepflegte Erscheinungen der mittleren Oberschicht, mehrheitlich Frauen. Potenzielle Wähler und potenzielle Sponsorinnen. Auf der Gästetoilette sind die letzten drei Ausgaben der «New York Times» drapiert. Daneben steht eine angebrochene Papierrolle, auf die Donald Trumps Gesicht gedruckt ist.

Amerika, Land der Freien, Land des Glaubens. 45 Präsidenten hat dieses Land schon gesehen, und jeder gab sich gottesfürchtig und fromm, egal wie unbiblisch sein Lebensstil und seine Politik daneben wirkten. Ich hatte einen dieser Politiker auf christlicher Mission interviewen wollen. Aber dann entschied ich mich für Deedra Abboud. Es spielt keine Rolle, welcher Religion jemand angehört, denn alle Gläubigen haben dasselbe Problem: Sie haben Antworten dort, wo Fragen stehen sollten.

Deedra Abboud ist eine der ersten Politikerinnen mit Kopftuch, die in den USA für ein nationales Amt kandidieren; eine bekennende Muslima, der auf Wahlkampfanlässen maskierte Demonstranten gegenüberstehen und die im Internet übelste Beschimpfungen ertragen muss. Ihr Credo: Nach Trumps Wahl sei es an der Zeit, auf- und füreinander einzustehen. Ihr Motto: «Wider die Unterdrückung, für eine offene Gesellschaft.» Rund eine Million Dollar an mühsam gesammelten Spendengeldern und mindestens ein Jahr ihres Lebens wird Deedra Abboud am Ende der Kampagne investiert haben – mit einer hauchdünnen Chance, überhaupt als Kandidatin aufgestellt zu werden. Aus der Ferne ermutigte mich das. Vielleicht steht diese Frau für das andere Amerika, dachte ich, als ich sie kontaktierte. Eines, das versöhnt in die Zukunft blickt. Vielleicht könnte ein Treffen mit ihr, nach dieser Reise durch ein gespaltenes Land, unserer Reportage ein hoffnungsvolles Ende geben. Hoffte ich. Doch das ist Wochen her.

Ms. James, die blonde Gastgeberin, drückt mir ein grosszügiges Burgunderglas in die Hand, mit dem ersten trinkbaren Chardonnay dieser Reise, und stellt mich vor. Small Talk: Wie fürchterlich die Wahl Trumps sei. Wie schrecklich die nächsten Jahre werden. Dass ein Impeachment absehbar sei, eine Amtsenthebung. Am doppeltürigen Kühlschrank hängen Bilder, Zeugnisse und Verdienste der drei James-Kinder, die gerade artig dem Vater helfen, Stangensellerie und Rüebli fürs Buffet zu schneiden.

Deedra Abboud geht umher, lächelt, schüttelt Hände, spricht mit jedem, der mit ihr sprechen will. Alle wollen mit ihr sprechen, bis auf den einzigen Schwarzen in der Runde. Er trägt eine Baseballcap, die ihn als Vietnam-Veteranen ausweist, sitzt auf einem Sofa und schüttet sich ein Bier nach dem anderen in den Bauch. Seine Frau schleppe ihn auf solche Veranstaltungen, seufzt er. Und es gebe noch vier weitere Demokraten, die sich um das Amt bewerben. Noch ein Seufzer.

So vergeht eine Stunde. Als die Guacamole halb leer gegessen ist, sich auf dem Feta eine spröde Schicht gebildet und Ms. James, die Gastgeberin, zu lallen begonnen hat, stellt sich Deedra Abboud vor die Runde und hält eine kurze Rede.

Ein Statement am stillen Örtchen: Auf der Toilette der James-Residenz wischt man sich mit Trump den Hintern.

Infrastruktur und Bildung: wichtig. Glaubensfreiheit: wichtig. Gleichberechtigung und Toleranz: wichtig. Gegen Trump aufstehen: wichtig. Der Umstand, dass ihr Mann ein Immigrant aus dem Irak und der PR-Chef ihrer Kampagne homosexuell ist, erhält ähnlich viel Gewicht wie die Forderung nach besserer Bildung und besserem Umweltschutz.

Es sind freundliche Fragen, die Deedra Abboud am Ende ihrer Rede gestellt bekommt. Man ist schliesslich unter sich. Doch dann steht eine Frau auf und sagt, sie wohne in einem Arbeiterviertel. «Wie soll ich meinen Nachbarn erklären, dass sie dich wählen sollen?» Deedra Abboud kommt kurz ins Schleudern. Und flüchtet sich in eine Floskel: dass sie überall hingehen wolle und das Gespräch mit allen suchen werde.

«Das reicht nicht», flüstert mir die Fragestellerin später zu. Sie schüttelt den Kopf. «Nein, das reicht nicht.»

Am Morgen verschlafe ich. Wir haben in einem Motel am Rand von Flagstaff übernachtet, einer Absteige für Trucker. Der Getränkeautomat war kaputt, der Portier überfordert, ich war müde, mir war kalt. Ohne zu duschen, bin ich in meinen Kleidern auf dem Bett eingeschlafen, es stank nach Kerosin und Männerschweiss, während ich Malvina Reynolds hörte: «Little Boxes». Gerädert wache ich auf, viel zu spät, wir hasten ins Auto, schnell hinunter nach Phoenix, in die Hauptstadt Arizonas, wo wir Deedra Abboud ein zweites Mal treffen werden.

Phoenix, Arizona

1775 Höhenmeter weniger und fast 30 Grad Temperaturunterschied: Drei Autostunden katapultieren uns zurück in die Wüste. Nadelwälder und schneebedeckte Gipfel weichen felsigen Hügeln, aus denen Kakteen ragen, die uns mit ihren angewinkelten Armen grüssen. Auf einer spiegellosen Tankstellentoilette ziehe ich mich um, streue mir Trockenshampoo ins Haar, lege zu viel Parfüm auf, kaschiere die Augenringe mit Concealer und fühle mich alles andere als bereit, eine Senatskandidatin zu interviewen. Auf den letzten Metern der Fahrt hören wir «Whitehouse Road» von Tyler Childers und erklären den Song zur offiziellen Hymne unseres Trips.

Deedra Abboud wohnt in einer Gated Community am Rand von Phoenix; sie begrüsst uns mit den gleichen zu stark geschminkten Augen vom Vorabend und führt uns herum. Ein Raum in der Fünfzimmervilla ist für ihre High-Heels- und Kopftuchsammlung reserviert. Am Schrank klebt ein Post-it. «Wir wissen, du wirst sie alle gewinnen – einen Ungläubigen nach dem anderen.» Mein Blick bleibt am Zettel haften. Deedra Abbouds strahlend blauen Augen entgeht nichts. Sie lächelt mich an, ohne freundlich zu sein, die Hände zur Merkel-Raute gespreizt, den rechten Fuss mir zugewandt, den linken leicht abgewandt, der Rücken gerade, die Schultern leicht nach vorne gelehnt. Nichts an dieser Frau ist beliebig, nichts zufällig. Auch nicht der Zettel. Deedra Abboud ist ein Kommunikationsprofi und als solcher kommentiert sie die Notiz in ihrem Schrank nicht unaufgefordert. Es reizt mich, ihr Spiel nicht mitzuspielen. Und so verkneife ich mir die Frage, wen sie mit Ungläubigen meint.

Mit High Heels, gut zurechtgemachten Sätzen und Kopftuch will Deedra Abboud «Ungläubige» für sich gewinnen.

Zum Gespräch sitzen wir im Atrium ihrer Villa und rauchen Kette, der Kaffee fliesst in Strömen, über unseren Köpfen fliegen Kolibris. Es ist ein erfrischend angenehmes Gespräch: Deedra Abboud ist eloquent, elegant und eine charmante Gastgeberin, die kluge Dinge sagt und die eigenen Widersprüche geschickt umschifft. Drei Mal muss ich sie auf die Frage zurückdrücken. «Frau Abboud, wie vereinen Sie es mit Ihrem Feminismus, dass Frauen in Moscheen vor Männern nicht vorbeten dürfen?» «Wenn Muslime beten, haben sie das Hinterteil ihres Vorbeters vor ihrem Gesicht», sagt sie. Und Männer könnten ja bekanntermassen ihre Triebe nicht zurückhalten. «Wenn eine schöne Frau vor ihnen liegt, können sie gar nicht anders, als über sie herzufallen, das ist ihre Natur.» Der Satz sitzt wie ein Messerstich.

All die schön zurechtgemachten Aussagen, begleitet von diesem gewinnenden Lachen, in diesem charismatischen Südstaatensingsang, der so sehr an Bill Clinton vor Monica Lewinsky erinnert. All die Sätze über den Wert der Gleichstellung, die Kraft des Zuhörens, die Wichtigkeit der Trennung von Kirche und Staat – und dann ist da plötzlich diese Bigotterie.

Ich spüre, wie sich ein Ball aus Hitze in meiner Brust bildet, und wende mich an den einzigen Mann im Raum, unseren Fotografen. «Reto, sind Männer so? Bist du so?» Er schaut Deedra Abboud von der Seite an. Sie dreht sich nicht nach ihm um, lächelt weiter starr geradeaus. Er schüttelt den Kopf und sagt mit eisigem Sarkasmus: «Klar. Genau so sind wir Männer. Alle.»

Abends sitze ich lange im Whirlpool und denke über das Gespräch nach. Das Wasser enthält so viel Chlor, dass es meinen blauen Bikini braun bleicht. Wir haben ein Ferienhaus bezogen, einen Ausbund an amerikanischem Retortenkitsch. Cremefarbene Sofagarnituren, Billardtisch, ein beinahe begehbarer Kühlschrank. Im Pool schwimmt ein aufblasbarer Donut.

Nichts von dem, was Deedra Abboud gesagt hat, ist bei mir hängen geblieben. Nicht, wie sie zum Glauben fand. Nicht, wie sie ihren Mann kennenlernte, nicht, wie sie sich aus ihrer Unterschichtsfamilie wand, nicht, welches ihr politisches Programm ist. Ausser diesem einen Satz, mit dem sie Männer in ihrer Gesamtheit zum unzurechenbaren, unverbesserlichen Fall erklärt.

Ich nehme einen grossen Schluck Bier und denke an Hillary Clinton. «A basket of deplorables» – einen Korb voll Erbärmlichen – nannte sie während des Wahlkampfs die Hälfte der Trump-Wähler. Es war eine unbedachte Äusserung, die Trumps Kampagne mit Handkuss in Gold verwandelte.

Das Wasser um mich herum blubbert. Mir fällt ein Satz von Adorno ein. Er sagte, dass das wahre Unrecht an der Stelle sitzt, an der man sich selber blind ins Recht und das andere ins Unrecht setzt. Ich sinke tiefer in den Whirlpool und frage mich, warum ich mich so sehr an diesem einen Satz von Deedra Abboud störe. Habe ich doch auf dieser Reise viel scheusslichere Aussagen gehört. Gegen 98 Prozent von dem, was Abboud erzählt hat, gäbe es nichts einzuwenden. Und ausgerechnet an diesen zwei Prozent bleibe ich hängen. Mein Smartphone spielt gerade «Foolish Heart» von The Mavericks, als mir klar wird, warum ich Deedra Abboud diesen einen Satz so übel nehme: gerade weil sie ansonsten so reflektiert und diszipliniert, so perfekt ist.

Aber was nützt der schönste Stil, wenn der Inhalt der Form zuwiderläuft? Kann ein Mann für Gleichberechtigung kämpfen, wenn er Frauen im Grunde für minderwertig hält? Zählt die Wirkung mehr als die Absicht? Sind die Umgangsformen wichtiger als die Werte, die dahinterstehen?

Ist Abboud das Sinnbild eines kulturellen Wandels innerhalb der gesellschaftsliberalen linken Parteien? Ein Wandel, bei dem es nicht mehr vordergründig darum geht, die existenziellen Lebensumstände anderer Menschen mit unglamouröser Büez zu verbessern, sondern darum, Kataloge voller Verhaltensregeln herauszugeben – nicht länger ein guter, sondern ein besserer Mensch zu sein? Progressives Biedermeiertum als politisches Programm; als Antwort auf Rassismus, Ausbeutung und Misogynie? Good luck with that.

Du reisst mich aus meinen Gedanken, wie du plötzlich im Pyjama neben dem Whirlpool stehst. Du sagst, du hättest die Zeiten der Gerichtsverhandlung falsch übertragen, wir müssten vier Stunden früher am Gericht sein. Ich steige aus der chlorigen Suppe des Whirlpools, meine Haut brennt, es ist kurz vor fünf, die Sonne geht allmählich auf. Drei Stunden Schlaf. Es muss reichen.

Entlang der Grenze zu Mexiko ist die Landschaft so episch kitschig, wie mans sich immer vorgestellt hat.

Gerichtstermin

Tag 25, Yvonne Kunz, Phoenix, Arizona

Weshalb eine Stadt genau an jenem Punkt entstanden ist? Fast immer gibt es dafür einen offensichtlichen Grund. Ein natürlicher Hafen, eine seichte Stelle im Fluss, ein fruchtbares Tal. Nicht so bei Phoenix, Arizona. Es ist eine Stadt ohne Anlass. Eine uninspirierte, kleine Ansammlung von Hochhäusern und weit ausgewalzten Vororten mitten in der Sonora-Wüste.

Die 330 Sonnentage wären vielleicht ein Grund, sich hier niederzulassen – im Winter. Im Sommer glüht es mittags bis zu fünfzig Grad, dann wird der Flughafen gesperrt; auf dem bratpfannenheissen Asphalt würden die Reifen der Jets platzen. Die Sommerzeit boykottiert die Stadt – so sehr sehnt man sich nach dem kühlen Abend. Dennoch hat Phoenix ein Eishockeyteam in der höchsten Liga. Um die Stadt legt sich ein grüner Ring aus 200 Golfplätzen – obschon die Wasserversorgung der Stadt nur durch Höchstleistungen in der Hydrotechnik gelingt.

Noch keine 200 Jahre sind es her, da gehörte die Gegend zu Mexiko. Und war Indianerland. Bis heute wohnen 300’000 Native Americans in Arizona, in 22 Stämmen, ihnen gehört rund ein Viertel des Landes. Kein Wunder, denke ich bei einem Morgenkaffee in Downtown Phoenix, umgeben von der freundlichen Geschäftigkeit der Stadt: Bei solch rasanten historischen Verwerfungen braucht man sich über die Zersplitterung einer Gesellschaft nicht zu wundern. Sie ist ihr Wesen.

Wie in einem Brennglas zeigen sich gesellschaftliche Erschütterungen vor Gericht. Ich bin seit zehn Jahren Gerichtsreporterin – und freue mich auf meinen «day in court» im Bezirksgericht von Phoenix, einem modernen, streng bewachten Bau. Ich nehme Platz im Saal 605, dem von Bundesrichterin Diane Humetewa, 2014 von Präsident Obama ernannt. Sie gehört dem Stamm der Hopi an und ist die erste indianische Frau, die ein hohes Richteramt bekleidet. Kurzzeitig war ihr Name im Spiel, als es um Trumps Nominierung für den Supreme Court ging. Dann machte ein weisser Mann das Rennen.

Hohe Decken, helles Täfer, grelle Beleuchtung: Der grosse, fensterlose Raum ist fast leer. Um 9.27 Uhr geht eine Seitentür auf, und zwei US-Marshalls führen den ersten Angeklagten in den Saal. Er trägt einen orangefarbenen Overall, an seinen Füssen klimpern Fesseln. Mit freundlicher, bestimmter Stimme eröffnet The Honorable Diane Humetewa den Fall USA vs. Hernandez. Die Border Patrol hatte den 26-Jährigen ohne Papiere aufgegriffen, er war schon mehrfach nach Mexiko ausgeschafft worden. Ausserdem habe er Marihuana geraucht.

Nun beteuert er: «Meine Familie wird die USA für immer verlassen.» Sein Strafverteidiger bringt vor: Die Dauer der Untersuchungshaft würde als Strafe ausreichen, man solle den Mann laufen lassen. Er bittet das Gericht, die Mutter des Beschuldigten anzuhören. Sie tritt vor und fleht schluchzend um die Freilassung ihres Sohnes. Damit die Familie gemeinsam ausreisen könne. Frau und Kinder sässen doch schon auf gepackten Koffern. Por favor! Richterin Humetewa ermahnt Hernandez in strengem Ton: Er solle nun wirklich nicht noch einmal in die USA kommen. Dann lässt sie ihn frei und gibt ihm 72 Stunden für die Ausreise. «Gracias, gracias», flüstert die Mutter. «Muchas gracias.»

17 Minuten später, um 9.44 Uhr, wird der nächste Angeklagte in den Saal geführt, und es wirkt wie ein Fehler in der Matrix: orangefarbener Overall, Fussfesseln, Drogen, illegale Wiedereinreise. Der Mann hatte Gras dabei, als man ihn in den Gemüsefeldern im Süden Arizonas fasste, vor 112 Tagen, zum dritten Mal. Kaum 15 Minuten später ist auch dieser Mann unter der Auflage entlassen, sich binnen 72 Stunden den Migrationsbehörden zu stellen.

Kurz nach zehn: Der Angeklagte Gonzalez betritt den Saal. Noch ein Déjà-vu. Dieselbe Kluft, dieselbe Anklage, dasselbe Urteil.

So gehe das manchmal tagelang, sagt die Gerichtsschreiberin in der Pause. Zermürbend sei das, seufzt sie. Und es würden immer mehr Angeklagte, weil die Behörden seit Trumps Wahl hart durchgreifen. Umso mehr freue sie sich auf den letzten Freitag im Monat: wenn Hunderte Einwanderer eingebürgert werden und im Gericht Feststimmung herrsche. Wenn die frischgebackenen US-Bürgerinnen und -Bürger – eigentlich streng verboten – Erinnerungsfotos knipsen und sogar die strengen Marshalls darüber hinwegsehen. Wie früher die Border Patrol, wenn sie Illegale bei der Tomatenernte erwischte.

Im vierten Stock des Gebäudes ist an diesem Tag eine «jury selection» im Gang. Gesucht werden zwölf Geschworene für den Fall USA vs. Beltram, einen mutmasslichen Drogenschmuggler. Am Morgen waren fünfzig Kandidaten erschienen; Busfahrer, Verkäuferinnen und Automechaniker, zufällig ausgelost in einer Autonummern-Lotterie. Nacheinander werden sie nun von Richtern und Anwälten befragt. Dabei gibt es nichts, was zu privat wäre. Ob jemand Eheprobleme habe? Ob der Brustkrebs von Jurorin Nr. 7 sie in ihrem Urteilsvermögen beeinträchtige?

Der Fall: An einem frühen Morgen im März wurde der Angeklagte Beltram, streng nach hinten gegeltes Haar, akkurat getrimmtes Gesichtshaar, gebügeltes Hemd, an der Grenze angehalten. Die Grenzwächter der Border Patrol durchsuchten sein Auto. Der Hintersitz erschien den Beamten merkwürdig hart. Sie untersuchten ihn mit einem «Buster Density Meter», durchleuchteten ihn mit Gammastrahlung. Und wirklich: Es stimmte etwas nicht mit der Dichte der Rückbank. Als die Beamten sie aufschlitzten, kamen zwanzig Päckchen weisses Pulver zum Vorschein. Kristallines Methamphetamin, zu 99 Prozent rein. Strassenwert: mindestens 25’000 Dollar.

Inzwischen ist es früher Nachmittag; 36 Kandidaten sind übrig und vertreiben sich in den hellen Korridoren die Zeit. Etwa die Hälfte sind Frauen, etwa ein Viertel hat dunkle Hautfarbe. Drei Männer sind in ein Gespräch vertieft, ein anderer döst auf einem Stuhl, eine Frau sitzt auf dem Boden, die Beine ausgestreckt, an die Wand gelehnt, in ein Buch vertieft.

Eine weitere Stunde vergeht, bis alle wieder im Saal Platz nehmen – und der Richter zwölf der Kandidaten in den Zeugenstand ruft. Die Geschworenen. Sie werden in den kommenden Wochen Zeugenbefragungen anhören, Ausführungen der Anwälte, Präsentationen von Immigrations- und Fahndungsexperten. Ehe sie sich über das Urteil einig werden müssen. Es sind neun weisse Männer mittleren Alters, ein junger Latino und zwei ältere weisse Frauen.

Ich will nicht schwarz-weiss sehen, aber ich kann nicht anders. Schon wieder. Wie so oft während unserer Reise. Mal um Mal erzählten uns die Menschen, die wir trafen, von struktureller Ungerechtigkeit. Schon an unserer ersten Station in West Virginia, wo wir Lara Lawson, die Leiterin der Entzugsklinik Recovery, befragten. Sie sagte: «Leider werden in unserem Rechtssystem Leute of colour nicht gleich behandelt wie Weisse. Wir wissen das.» Dann bei unserem nächsten Stopp in Atlanta: Dort sieht Phil Smith, Präsident der schwarzen NRA, ein zutiefst rassistisches Rechtssystem am Werk – und will ihm entgegentreten, indem er für die Bewaffnung Schwarzer eintritt und Klagen gegen die Polizei vorbereitet. Und natürlich Niecee X, die schwarze Feministin in Houston, für die das Rechtssystem, der «prison-industrial complex», nichts anderes ist als ein neues Kolonialsystem.

Tatsächlich: Die Menschen in den USA sind zu 61 Prozent weiss (ohne Hispanics und Latinos), die Gefängnisinsassen zu 30 Prozent. Bei den Schwarzen ist das Verhältnis genau umgekehrt: 13 Prozent der Amerikaner haben dunkle Haut, stellen aber 33 Prozent der Häftlinge. Die Gefängnisindustrie in den USA: Das ist Big Business – und eine moderne Form der Sklaverei. Inhaftierte ackern für 25 Cent die Stunde, ohne Arbeitslosenversicherung oder Feriengeld. Diese Arbeiter sind immer pünktlich. Blaumachen? Ausgeschlossen.

Ein weiteres Mal sinniere ich über das Zerwürfnis von Anja und mir. Es ist das grosse linke Drama, Face to Face. Wir beiden tun, was die Linke immer tut, wenn sie in der Krise ist: Sie zerfetzt sich in einer peinlichen öffentlichen Nabelschau. Und wenig hat die Linke seit Trumps Wahl so entzweit wie das Thema Identitätspolitik. Das Reden über die Anliegen einzelner Gruppen. Der Afroamerikaner, der Frauen, der Transgender.

Der Columbia-Historiker Mark Lilla ist Wortführer jener Linken, die sagt, das ganze Identitätszeug sei eine frivole Ablenkung vom eigentlichen Ziel: der antikapitalistischen Arbeiterrevolution. Mehr noch: ein Solidaritätsbruch gegenüber den «hart arbeitenden Männern und Frauen» der Unterschicht. Ursprung allen Übels: die Exzesse politischer Korrektheit, die «moralische Panik» einer Linken, die vor lauter Transgender-Toiletten, Quoten und Sprachregeln den Kern der Sache nicht mehr sieht. Gehe es den Arbeitern besser, herrsche mehr Gerechtigkeit zwischen den sozialen Klassen, so die Logik, und dann würden auch Rassismus und Sexismus überwunden.

Das sagt auch Anja. Identitätspolitik vergifte den Diskurs. Sich mit all diesen Partikularinteressen zu beschäftigen, spalte die Gesellschaft.

Nicht mal da würde ich ihr fundamental widersprechen. Spaltungen gehören zu Emanzipationsprozessen wie der Dotter zum Ei. Und auch ich fühle mich verraten. Der Vorwurf, vor lauter Identitätspolitik die Klassenfrage zu vergessen, heisst ja im Umkehrschluss: Antirassismus und auch Feminismus bleiben immer zweitrangig. Aber etwas anderes stört mich noch mehr: Man lässt sich von der Rechten den Deutungsrahmen diktieren. Das genau ist ja deren Vorwurf, das war das Mantra von Trump: Schluss mit all den Förderprogrammen für einzelne Minderheiten! Wir wollen unser vereintes Amerika zurück!

Identitätspolitik: Eigentlich sollte man das Wort gar nicht gebrauchen. Denn es ist einfach Politik. Dass es identitätsfreie Politik gibt, glauben vor allem weisse, heterosexuelle Männer, die Angehörigen der weltweit dominierenden Identität. Wie die Fische im Wasser, die sich nicht bewusst sind, dass es Wasser ist, in dem sie schwimmen, um mit den Worten der Schriftstellerin Toni Morrison zu sprechen. Alle Politik ist Identitätspolitik.

Hillary Clinton stellte feierlich fest, sie sei die erste weibliche Kandidatin für das höchste Amt des Landes. Prompt folgte das grosse Naserümpfen, von Sanders bis Trump: Igitt, Identitätspolitik. Während Trump den Mythos der tugendhaften, weissen Arbeiterklasse beschwor. Aber die hat keine Identität, das sind einfach Leute, «real Americans».

In meiner Weltsicht haben Frauen, die für ihre Rechte gekämpft haben, Transgender-Aktivisten, die unser Verständnis über das sich wandelnde Spektrum von Gender-Identitäten erweitert haben – all diese Bewegungen haben nicht nur die Interessen der jeweiligen Identität vorangebracht, sondern die Freiheit aller.

Und ganz sicher werden Generationen, die durch die Erschiessungen von Philando Castile oder Trayvon Martin politisiert wurden, ihren Kampf für Gleichberechtigung nicht einfach aufgeben, weil ein paar linke alte Männer eine Panikattacke schieben. Wir befinden uns in einem Umbruch, in dem das Neue noch latent ist. Neue gesellschaftliche Regeln zeichnen sich ab, sind aber noch nicht greifbar. Alles wird neu verhandelt, es geht um die praktische Umsetzung.

Race or Class? Ist die Frage so gestellt, weiss ich keine Antwort. Realität ist nicht so ordentlich. Ich halte mich deshalb weiterhin an den Komiker Dave Chapelle. Im Eröffnungsmonolog der ersten Saturday-Night-Livesendung nach Trumps Wahl sagte er: «Wenn ich aufhören könnte, schwarz zu sein, würde ich das sofort tun. Ich wählte die zweitbeste Option: Ich wurde eine reiche schwarze Person.»

Weil: Auf dieser Reise wurde auch ich nicht schlauer. Als Anarchist Scott Crow uns zum Abschied wortreich beschied, was für ein Bullshit «identity politics» doch sei, welch universitärer Mist, räumte er ein: «Ich weiss keine Antwort, und ihr wisst sie auch nicht.» So entschlossen Niecee X im Kleinen agiert, hinsichtlich des grossen Ganzen schien auch bei ihr letztlich Ratlosigkeit durch. Und wie sagte doch der schwarze Cowboy-Poet Clifton Fifer Jr.: «Wenn ich wüsste, wie man Amerika vereinen könnte, dann wäre ich Präsident.»

Los Angeles, Kalifornien

Hear Me, Major Tom

Tag 27, Anja Conzett, Los Angeles, Kalifornien

Mit jedem Kilometer wird die Autobahn nach Los Angeles voller. Rechts und links diese vertrockneten Hügel, an denen man ablesen kann, wo das Feuer schon gewütet hat und wo es noch wüten wird. 27 Tage, 6500 Kilometer, Dutzende Interviews, ständig der Zweifel, ob wir die richtigen Leute getroffen, die richtigen Fragen gestellt, etwas Wichtiges vergessen haben. Wir sind müde. Eingepfercht in dem Auto, die Sonne brennt. Ich habe mir im engen Käfig des Rücksitzes meine Kniescheibe ausgerenkt, die Schmerzen sind höllisch, meine Laune rabenschwarz. Ich zelebriere sie mit Captain Beefheart, «Alice in Blunderland».

Dann taucht L.A. am Horizont auf, die Stadt der Engel. Zuerst ist sie nur ein Geflecht von Autobahnen. Dann, zwischen den Hügeln, die Hochhäuser der Innenstadt. Dahinter das Meer, die Weite. Wir sind am Ziel.

Wir sind am Ziel: Die Laune der Reporterin ist rabenschwarz, die Nacht in L.A. ist es nicht.
Der Nebel verschluckt Venice Beach. Der Strand wird zur riesigen Sandbank.

Am Abend – zum ersten Mal, seit wir New York verlassen haben, haben wir gut gegessen – sind wir frohen Mutes. Wir stehen auf der Veranda des alten Fischerhauses, das wir gemietet haben, und beobachten die seltsamen Gestalten, die durch die nächtlichen Gassen von Venice Beach schlendern. Ein Fahrradfahrer, der seinen viel zu grossen Labrador vor sich im Korb sitzen hat. Ein Betrunkener, der vor sich hin flucht, aber seinen Sermon unterbricht, um uns zu begrüssen. Eine Nachbarin, die sich darüber aufregt, dass nebenan bald die Firma Snapchat einzieht.

Wir lachen über die Skurrilität der Szenerie. Auch über eine Frau, die barfuss in ein Pyjama gekleidet verloren an der Kreuzung steht. Mal nach Westen schaut, mal nach Osten, fünf Minuten lang, zehn Minuten lang. Über ihren Schultern eine pinke Faserpelzdecke mit Bären drauf, für die es viel zu heiss ist. Wir lachen, dann sehe ich es. Scheisse, das kann doch nicht wahr sein. Irgendetwas in mir läuft los, die Treppe hinunter, über die Strasse. Ich packe die Frau am Handgelenk. Ihr Name ist Mimi. Ich habe mich nicht getäuscht: Mimi ist schwanger. Ihre Zähne sind von einer braunen Schicht bedeckt, ihr Haar klebt in Strähnen an ihrer Kopfhaut, ihre Füsse sind wund und dreckig. «Zwillinge», sagt sie. Ich lege meine Hand auf ihren Bauch. Ich spüre die Hitze, die drei Körper bedeuten.

Ich frage Mimi, wie es ihr gehe. Ob sie ein Zuhause habe.

Mimi hat kein Zuhause. Aber es gehe ihr gut. «Morgen habe ich eine Präsentation, ich stelle ein Spiel vor, für Kinder.» Sie reibt sich den Bauch. Ihr letztes Geld habe sie für die Busfahrt nach L.A. ausgeben. Aber jetzt werde alles gut.

Sie sieht zu mir hoch, mit runden, braunen Augen, als wäre ich eine Fee, als würde alles wahr werden, wenn ich nur fest genug an sie glaubte. Wie ein verwittertes Madonnenbild, der Ausdruck erstarrt in einem Moment vollkommener Hoffnung.

Ich weiss nicht, was ich sagen soll.

Mimi greift meine Hand. «Ich werde eine gute Mutter. Ich weiss es, ich bin mir sicher. Ich werde eine gute Mutter, nicht wahr?»

«Ja, Mimi. Du wirst eine gute Mutter.»

Die Umarmung riecht säuerlich, nussig. Nach brauner Butter, wie es Schwangere tun. Mimi lässt mich los, und ich laufe davon, ohne mich umzudrehen.

In der Mitte der Strasse bricht die Erinnerung über mir zusammen. Bruchstücke von Konversationen rauschen vorbei. Der Marine, der im Irak beinahe beide Beine verloren hätte und erzählte, wie viele seiner ehemaligen Kameraden sich nach dem Krieg umgebracht haben. Die schwarze Priesterin, die vierzig Minuten lang aus voller Brust gegen den Teufel anschrie. Die alleinerziehende Schwarze, die erzählte, wie sie gleich nach der Geburt ihres Kindes einen Vaterschaftstest machen liess. Der Obdachlose in Atlanta, der mir seine Kette schenkte, damit wenigstens ein Mensch sich an ihn erinnere – sein Name ist Roger, er stammt aus Okaloosa, Florida, ich erinnere mich. Die Cheerleaderin, die mir zwischen Tanzfläche und Bar erzählt, dass sie ihr Kind von einem One-Night-Stand zur Adoption freigegeben habe, denn Abtreibung sei Sünde. Die Sozialarbeiterin im Indianerreservat von Arizona, die gegen Diabetes und Suizid in ihrer Gemeinschaft ankämpft. Und jetzt Mimi. Die Mutter mit den Kindern, die sie unter ihrer Brust trägt. Mimi ist zu viel. In mir rauscht und kracht es.

Später, nach Mitternacht, ich habe mich wieder hergerichtet, mit Schmerzmitteln, einem Glas Whiskey und einer kalten Dusche. Für das Knie, das Herz, den Verstand. Du schläfst schon, ich laufe allein zum Strand.

Hinter mir die Glitzerstadt, das Riesenrad von Venice Beach, der Sand ist kühl, die Luft mild, der Strand eine riesige Sandbank. Ein Jogger zieht vorbei, danach bin ich alleine. Ich höre «Space Oddity» von David Bowie: «Though I’m past one hundred thousand miles / I’m feeling very still / And I think my spaceship knows which way to go».

Wie nach jeder Recherche habe ich nicht weniger Fragen, sondern mehr. Wenn die Konflikte dieses Lands zwei Freundinnen, zwei Frauen mit ähnlicher Herkunft, ähnlicher Haltung, ähnlichem Geschmack entzweien können – was bedeutet das für unsere Zeit? Wenn selbst wir nicht mehr miteinander reden können – wer soll dann noch miteinander reden?

Zum Streiten braucht es immer zwei – aber wie viele braucht es, Frieden zu schliessen? Drei? Fünf? Ein Atomwaffenarsenal?

Muss es tatsächlich noch schlimmer werden, ehe es wieder besser werden kann? Könnten die USA in einen Bürgerkrieg schlittern? Immer wieder haben die Leute das gesagt, von West Virginia bis Texas, immer wieder.

Und steht all das Europa auch bevor? Die Zersplitterung der Wahrheit, die Selbstgerechtigkeit, das gegenseitige Desinteresse, die Entmenschlichung des Gegenübers, der Hass auf alle, die anders denken – der Verlust des Wir?

Mann, Frau, arm, reich, egal: In der «Alternative Nation» Venice Beach sind alle ziemlich stylish – und genauso crazy.

Ich schlendere vom Strand zurück zum Boulevard, über den tagsüber Yogahosen-Grazien auf ihren Rollerskates kurven. Die Stände, an denen allerlei Firlefanz für Weitgereiste feilgeboten wird, sind geschlossen. Viele der Standbesitzer schlafen auf Matratzen neben ihrer Ware. «Hey», ruft einer dieser Unsichtbaren, «Mädchen, willst du die Flasche alleine trinken?» Der Mann, die zotteligen Rastas unter einer Häkelmütze, deutet auf den Jack Daniel’s in meiner rechten Hand. Ich lasse mich neben ihn auf den Bordstein sinken. Er heisst Joe oder Paul oder Ryan, ich weiss es nicht mehr, er verkauft Kristallketten oder Schnitzwerk aus Schwemmholz, ich erinnere mich nicht. Wir beide haben keine Lust, den anderen kennenzulernen, so wichtig sind wir gerade nicht. Er nimmt meine Flasche und reicht mir seinen Joint.

Und plötzlich muss ich lächeln. Ein alter Gedanke kehrt zu mir zurück. Jeder Mensch ist gleichwertig. Egal, welches Geschlecht er hat, egal, welcher Religion, welcher Ethnie er angehört, welchen Bildungsgrad er aufweist, über welches Vermögen er verfügt, egal, was seine persönlichen Präferenzen sind – seine Existenz ist nicht geringer als meine. Ich werde auch dem grössten Arschloch nicht den Gefallen tun, es nicht ernst zu nehmen. Ich sitze neben Joe oder Paul oder Ryan, er trinkt von meinem Whiskey, ich ziehe an seinem Joint. Ich lächle ihn an, er lächelt mich an, und ich weiss, ich könnte ihm das alles gerade erzählen. Aber so wichtig ist es nicht.

«Can you hear me, Major Tom»? Meine Reise hat gerade erst begonnen.

Wo Gosse Glamour hat

Tag 28, Yvonne Kunz, Venice Beach, Kalifornien

Unser Holzhäuschen kauert zwischen wuchtigen Wohnblocks und alten Industriegebäuden. Wir lehnen an der Reling am Eingang und trinken Bourbon. Nichts möchte ich lieber, als einfach eine Weile hier auf dieser Veranda stehen bleiben. Eine lange Weile. Warten, bis all die Teile meiner selbst, die ich auf der Reise zurückgelassen habe, wieder bei mir sind.

Vor uns liegt nur eine Häuserreihe, dahinter ist schon der berühmte Ocean Front Walk mit seinen Shops und Ständen. Tibetischer Schmuck, indianische Kräuterbeutel fürs Teebad und etwa acht Millionen Band-Shirts. Dann nur noch der Pazifik. Würden wir jetzt auf ein Boot umsteigen und weiter nach Westen fahren, wären wir in sechs Tagen in Honolulu.

Venice: Für jeden, der hier seinen extravaganten Reichtum lebt, liegt ein Obdachloser im Schatten einer Palme. Ein Eldorado für den einen, ein soziales Grab für die andere. Der amerikanische Traum, gelebt und mit Füssen getreten. Zugleich eine Wiege der westlichen Gegenkultur. Jim Morrison küsste hier seine Dämonen, hier wurde das Skateboarding erfunden, das hier ist die «Alternative Nation», wie Perry Farrell befand, der Sänger der Band Jane’s Addiction. Gosse hat hier Glamour, Loser-Sein ist Lifestyle, eine «stylish mess», wie die Red Hot Chili Peppers sangen.

Vor unserer Veranda wirkt die Abendszenerie wie ausgestattet. Als führte eine unsichtbare Hand Regie, die raue Exzentrik und knallbunte Impulsivität zu einem Statement verwebt. Einer joggt vorbei, ein seltsamer Anblick, denn er bewegt seine Arme überhaupt nicht. Synchron fahren von beiden Richtungen zwei Radfahrer auf ihren freaky Custombikes ins Bild. Einer trägt einen Ghettoblaster auf der Schulter, der andere singt. Eine grimmige Punk-Lady mit einem noch grimmigeren Hund versichert uns im Vorbeigehen, Männer hättens einfach nicht im Griff.

Je dunkler es wird, desto mehr dünnt sich der Strom der Passanten aus. Bald fahren, rennen und hinken nur noch vereinzelt Leute an uns vorbei. Aus der Ferne nähert sich schon die ganze Zeit eine Figur, sie bewegt sich so langsam, dass ich sie nur als Bildserie wahrnehme, gar nicht als Bewegung. Erst ganz klein, drei Häuser weg. Mitten auf der Strasse. Ich könnte nicht sagen, ob die Person männlich, weiblich, schwarz oder weiss ist. Dann zwei Häuser weg, rechts der Strasse. Eine Frau, mit Peroxidperücke oder Haaren, die lange nicht gewaschen wurden. Sie steht erst auf der rechten Seite der Strasse. Ich frage mich, was sie dort so lange anschaut, zehn Minuten lang. Dann steht sie eine Weile auf der linken Seite im Licht der Strassenlampe, starrt auf Plakate an der Hauswand vor ihr, blickt in den Himmel. Noch immer erscheint sie rätselhaft. Klar ist nur, auf sie wartet niemand, sie hat kein Ziel. Der grosse auf die Strasse gemalte Pfeil zeigt auf sie. Noch ein Haus ist sie jetzt von uns entfernt, ihre Gestalt wird klarer, wie ein Polaroidfoto. Ihre Kleider sind abgewetzt. Sie tritt in den schwarzen Schatten eines Baumes. Taucht nach zwei, drei Minuten wieder auf. Bald wird sie bei uns sein. Ich freue mich auf die Begegnung. Doch da schwappt dicker Nebel vom Pazifik her über die Häuserzeilen, wie ein Tsunami, und alles verschwindet.

Zum Streiten braucht es immer zwei – aber wie viele braucht es, um Frieden zu schliessen?

Diese Reportage wurde zur Entwicklung eines Serien-Prototyps aus dem Etat für grosse Recherchen, grosse Geschichten und grosse Ideen der Project R Genossenschaft realisiert.

Debatte: Was führte zur Wahl von Donald Trump – Rassismus oder Klassenkampf?

Heute dominieren zwei Erklärungsansätze. War es ein Aufstand des weissen Amerikas? Oder waren es die zunehmenden Einkommensunterschiede, der Niedergang der Mittelschicht, die Trump ermöglicht haben? Diskutieren Sie mit den beiden Autorinnen Anja Conzett und Yvonne Kunz – hier gehts zur Debatte.

  




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