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Portrait von Philip Smith, sitzend mit einem Gewehr auf seinem Schoss
Philip Smith möchte das Bild des schwarzen Mannes an der Waffe ändern. Vom Gangster im Rap-Video zum Vater, der ein Gewehr trägt, um seine Familie zu schützen.

Shots Are Fired

Shots Are Fired

Atlanta ist die Metropole des schwarzen Amerikas. Einst Ort der grössten Sklavenmärkte der USA, nahm hier in den 1950er-Jahren die Bürgerrechtsbewegung ihren Anfang. Heute ziehen sich Schwarze in geschlossene Communitys zurück wie Weisse – und bewaffnen sich. Abgrenzung als Mittel gegen Rassismus, Aufrüstung als Ausdruck von Freiheit.

Von Anja Conzett, Yvonne Kunz (Text) und Reto Sterchi (Bilder), 22.01.2018

  

The American Dream Killed the American Dream

Tag 5, Anja Conzett, unterwegs

Wir fahren mit dem Greyhound-Bus von Charleston ins 840 Kilometer entfernte Atlanta, zwölf Stunden sollte das dauern. Doch die Nachtfahrt ist durchzogen von Zwischenstopps an Raststätten und Busbahnhöfen, geprägt von einem ruppigen Umgangston und miserablem Essen. Fast vier Stunden stecken wir in Knoxville fest, weil der Busfahrer samt Bus spurlos verschwunden ist.

In dieser Kachelwand gewordenen Ödnis einer Busstation wird mir um drei Uhr früh, zwischen jungen schwarzen Frauen auf dem Weg zu ihrer Universität, alten Männern in abgetragenen Tweedhosen und dem Gestank von Frittieröl, einmal mehr klar: Greyhound ist das Transportmittel, mit denen die unterste Schicht Amerikas das Land durchquert. Bis zu drei Tage sitzen manche unserer Mitpassagiere, mehrheitlich Schwarze oder Latinos, auf den engen Sitzen, um zur Hochzeit eines Cousins in der anderen Ecke des Kontinents zu fahren.

Viele Amerikaner, die mir auf Reisen bislang begegnet sind, scheinen in einer Art Fegefeuer zu leben. Egal, wie schlecht es ihnen geht, sie strahlen den unerschütterlichen Glauben aus, dass sie es eines Tages doch noch schaffen. Dass sie eines Tages schon noch entdeckt, reich und glücklich werden.

Anders die Menschen in den Bussen der Greyhound Lines. Ihre Schultern hängen, ihre Blicke sind leer, ihre Sätze achtlos artikuliert, die Körper von Fast Food ausgebeult. Die Armut hat sich in ihre Gesichter, ihre Gestik, ihr Skelett gegraben.

Hier glaubt keiner mehr, er könne es schaffen. Stattdessen zeigt sich die Brutalität des amerikanischen Traums: Wenn es jeder vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen kann, sind diejenigen, die es nicht schaffen, selbst schuld. Draussen wird es langsam Tag, und das warme, gelbe Licht des amerikanischen Südens zeichnet die Welt weich, die Hitze zieht einen glänzenden Film über die Gesichter; sofern denn nicht gerade die Klimaanlage die Umgebung auf sechzehn Grad kühlt. Ich sitze frierend im Bus und höre einen Song von Billie Holiday, der mich nicht recht wärmen will: «Summertime».

Als wir nach sechzehn Stunden endlich in Atlanta ankommen, begrüssen uns sechs schwer bewaffnete Polizisten, die den Bus und seine Passagiere auf Drogenfrachten durchsuchen. Schliesslich kommen wir aus West Virginia.

Race or Class?

Tag 5, Anja Conzett, Atlanta, Georgia

In West Virginia habe ich erlebt, dass sich ein Weisser in ein Gespräch einmischte, um die Fragen zu beantworten, die ich einem Schwarzen gestellt hatte. In Atlanta wäre das undenkbar. Hier sind schwarze Polizisten mit 66 Prozent in der Mehrheit. Weisse Väter tragen stolz und unbehelligt ihre nichtweissen Kinder im Park herum, und dunkelhäutige Amerikaner bewegen sich mit jenem gesunden Selbstverständnis durch die Strassen, wie es überall die Norm sein sollte. Ich bin guter Dinge. Atlanta macht Hoffnung. Es war deine Idee, hierherzukommen, und ich bin dir dankbar für diesen Lichtblick.

Atlanta, Georgia

Atlanta war einmal einer der grössten Sklavenmärkte der Geschichte – und wurde in den 1950er-Jahren zum Geburtsort der Civil-Rights-Bewegung. Von hier aus begann Martin Luther King seinen Feldzug gegen die Rassentrennung. Seither gilt es als Black Mecca. In den Siebzigerjahren bekam die Stadt den ersten schwarzen Bürgermeister, auch heute regiert eine dunkelhäutige Bürgermeisterin. 54 Prozent der Bevölkerung sind afroamerikanisch. Allein zwischen 2005 und 2010 sind rund 250’000 Schwarze nach Atlanta gezogen, weil auch ihnen dieser Ort Hoffnung macht.

Atlanta ist der Ursprungsort der Civil-Rights-Bewegung. Und der Ort, an dem der Konflikt der Autorinnen über die Gründe der amerikanischen Zerrissenheit ihren Anfang nahm.

Die Luft ist wie ein Lebewesen: dick, feucht und heiss. In wenigen Tagen soll ein Hurrikan in Florida auf das amerikanische Festland treffen. Zehntausende sind auf der Flucht. Die Hotels sind ausgebucht. Donald Trump twittert um 3.51 Uhr: «Wir beobachten den Hurrikan. Mein Team, das in Texas einen grossartigen Job geleistet hat und noch immer leistet, ist bereits in Florida. Keine Ruhe für die Erschöpften!» Der Wetterkanal zeigt Bilder von windgepeitschten Moderatorinnen unter gefährlich gekrümmten Palmen.

Für das Abendessen suche ich uns ein Lokal, das in den Achtzigerjahren im Stil der Zwanzigerjahre eingerichtet wurde. Eine Jazzband plätschert Klassiker, der Kellner setzt sich zu uns an den Tisch, um die Bestellung aufzunehmen, und entzückt mit gepflegtem Small Talk. Ein rares Können.

Du bestellst den Lachs, ich nehme das Huhn, und nicht lange, da diskutieren wir über die Bruchlinien dieses Landes. Wir sind uns einig, dass Trumps Wahl ein Symptom einer tiefen Identitätskrise ist. Worauf die Krise zurückzuführen ist, darin sind wir uns nicht einig. Es ist das erste Mal, dass ich dir widerspreche.

Du sagst, Trumps Wahl sei der traurige Höhepunkt eines tief verwurzelten Rassismus gegenüber ethnischen Minderheiten. Dass ein Grossteil der Amerikaner sich von seiner Präsidentschaft verspreche, sie werde «white privilege» zurückbringen. Dass Weisse wieder das Sagen haben würden.

Ich sage, Trumps Wahl sei der traurige Höhepunkt eines in diesem Land tief verwurzelten Turbokapitalismus. Dass die Unterdrückung ethnischer Minderheiten ein direktes Resultat dieses unbedingten Glaubens an den Stärkeren ist. Aber nicht blinder, tauber Rassismus hat zu Trumps Wahl geführt, sondern das Versprechen, sie werde Wohlstand und Sicherheit, einen Zustand zurückbringen, den es so eigentlich gar nie gab.

Du sagst Race. Ich sage Class.

Die Frau am Tisch neben uns feiert Geburtstag, die Band spielt «Happy Birthday», und irgendwo dazwischen kommen wir auf «cultural appropriation» zu sprechen. Kulturelle Aneignung. Den Begriff, der neuerdings durch die Feuilletons geistert. Zum Beispiel dann, wenn die weisse Künstlerin Dana Schutz die Ermordung des dunkelhäutigen Emmett Till in einem Gemälde darstellt, er wurde 1955 im Alter von vierzehn Jahren in Mississippi von zwei Weissen getötet. Dana Schutz löste damit einen Proteststurm aus. Der afroamerikanische Künstler Parker Bright stellte sich vor das Bild, um es zu verdecken, auf seinem Shirt stand: «Black Death Spectacle». Die in England geborene, weisse Künstlerin Hannah Black forderte, das Gemälde zu zerstören. «Es ist nicht akzeptabel, wenn eine Weisse schwarzes Leiden in Profit und Spass umwandelt.» Kunstzensur, die Zerstörung von unliebsamen Werken. Das kommt mir unangenehm bekannt vor.

Du findest, es sei ein Problem, wenn der Modemacher Marc Jacobs bei der Schau seiner Frühlingskollektion 2017 an der New Yorker Fashion-Week nicht nur schwarze, sondern auch weisse Models mit Dreadlocks über den Laufsteg schickt. Ich erinnere mich an den Alten Mann, den Kohlekumpel in West Virginia, und sage an seiner statt: «Angesichts fehlender Altersvorsorge, nicht zahlbarer Hochschulbildung und nicht existenter Arbeitslosenversicherung finde ich die Diskussion überflüssig.»

Du sagst: «Das Sujet ‹cultural appropriation› illustriert, wie leichtfertig hierzulande unterdrückte Rassen ausgebeutet werden und sensibilisiert für die Diskriminierung.»

Ich gefalle mir in der Rolle des Advocatus Diaboli und realisiere nicht, wie ernst dir das Thema ist. Und frage: «Hattest du nicht selbst einmal Rastas?»

Du lässt das Besteck auf den Tisch fahren. «Das war etwas vollkommen anderes, damals war es ein Miteinander. Ich bin Teil der Kultur gewesen. Hier geht es um die Kommerzialisierung.»

Hastig versuche ich die Diskussion noch zu retten: «Ist die Kommerzialisierung von Sachen, die anderen Menschen heilig sind, nicht immer problematisch? Sind wir da nicht wieder bei der Kapitalismuskritik?»

Du sagst: «‹Cultural appropriation› kann immer nur von der dominanten Kultur ausgehen, weil …»

Ich falle dir ins Wort: «Aber damit bespielst du doch das Konzept einer Leitkultur. Da sind wir gefährlich nahe bei den Begriffen von rechts aussen. Kulturen sind doch keine homogenen, abgeschlossenen Gefässe, die nebeneinanderstehen. Kulturen müssen durchlässig sein – in jede Richtung.»

Darauf du: «Stell dir vor, du wirst in deinem Alltag wegen deiner Hautfarbe ausgegrenzt und unterdrückt, und dann kommt jemand und eignet sich einen Teil der Kultur an, mit der du zwangsläufig assoziiert wirst, und kokettiert damit.»

Ich: «Dann ist er einfach ein unreflektiertes Arschloch. Aber das Kernproblem ist doch der institutionalisierte Rassismus: im Polizeiwesen, im Justizsystem, in der Wirtschaft. Sollten wir nicht lieber darüber sprechen, was dagegen zu machen ist? Statt darüber, wer jetzt moralisch dazu befugt ist, Rastas zu tragen?»

Dann reicht es dir, und du sagst, ich hätte offensichtlich zu wenig über das Thema gelesen und dass du nicht mehr mit mir darüber diskutieren würdest. «Agree to disagree».

Ich gehe eine Zigarette rauchen und frage mich, wie du einem Kohlenarbeiter in West Virginia erklären würdest, dass «cultural appropriation» ein No-go ist, wenn sogar ich zu wenig gelesen habe, um das Problem zu verstehen. Oder geht es dir gar nicht darum, dass deine Botschaft verstanden wird? Was taugt denn eine Wahrheit, die man nicht erklären kann?

Der Kellner kommt heraus und raucht mit mir. Wir reden über den nahenden Hurrikan, ich versuche das Gespräch auf Politik zu bringen. Aber dieser Meister der Salonkonversation lässt sich nicht zu einer Position verführen. Er geht, ich zünde mir noch eine Zigarette an und denke nach, was ich alles gern noch gesagt hätte.

Etwa das: Dass ich es gefährlich finde, dass du den Begriff Rasse statt Ethnie verwendest. Biologisch betrachtet gibt es nur eine Rasse, den Menschen. Ethnien sind ein Konstrukt, das sich nicht allein durch einen Hautton definieren lässt. Dass mir dein Kulturbegriff in diesem Sinne zu schwammig ist. Bestimmt die Hautfarbe, wer Hip-Hop machen darf und wer nicht? Was, wenn sich der Modemacher Marc Jacobs nicht auf afrikanische Rastas bezog, sondern auf die Dreadlocks aus dem asiatischen Raum? Dürften dann die schwarzen Models auch keine tragen, sondern nur die aus Asien? Oder müsste man dann erst herausfinden, welche der beiden Ethnien am meisten unterdrückt ist? Ma, tge mierda, sag ich da – oder darf ich gar keine rätoromanischen Ausdrücke benützen, weil ich keine reinrassige Romanin bin?

Du sagst, Trumps Wahl sei der traurige Höhepunkt eines tief verwurzelten Rassismus. Ich sage, Trumps Wahl sei der traurige Höhepunkt eines tief verwurzelten Turbokapitalismus.

Ich denke an die Theorie des Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Dieser hielt fest, dass auch der kulturelle Wandel nach Darwins Evolutionstheorie abläuft – «survival of the fittest». Kulturgüter sind dann fit, wenn sie sich möglichst einfach nachahmen lassen. Wenn sie sich, wie ein Virus, von selbst verbreiten. Wie das Christentum. Oder Pizza. Eine Kultur, die sich dieser Nachahmung entzieht, ist dazu verdammt, langfristig auszusterben. Ich würde dir gern sagen, dass es konservativ ist, eine Kultur so zu konservieren, dass sie nur jenen vorbehalten sein soll, die einen genetisch-territorialen Bezug zu ihr haben. Dass sich mir bei dieser «Blut und Boden»-Rhetorik die Nackenhaare sträuben.

Ich zünde mir eine dritte Zigarette an. Natürlich ist Rassismus in den USA tief verwurzelt und hochaktuell. Es ist wichtig, ihn anzuprangern. Aber ist es nicht fatal, das Trennende zu betonen, anstatt sich darauf zu konzentrieren, was über ethnische Grenzen hinaus vereint? Als Amerika gegründet wurde, wurden Schwarze wie Weisse als Leibeigene gehalten. Es gab mehrere kleinere, ethnisch gemischte Aufstände, ehe die Herrschenden einen simplen Trick anwendeten: Rassentrennung. Der weissen Arbeiterschaft wurden winzige Privilegien zugestanden, ihre Leibeigenschaft wurde zeitlich begrenzt, sie durften Land kaufen. Dieses «white privilege» sollte nicht zuletzt den Aufstand der Arbeiterklasse verhindern. Rassenkampf statt Klassenkampf.

Ich gehe wieder hinein – und sage nichts. Die Band räumt zusammen, das Dessert lassen wir aus. Unsere Blicke kreuzen sich, aber wir schweigen. Wie einig wir uns davor immer waren. Wie rasant wir uns nun voneinander entfernen. Du gehst schon ins Hotelzimmer, während ich noch rauchend Kreise auf dem Vorplatz der Hall of Fame drehe, der Weihestätte des College-Footballs – einer Betonwüste mit einer Raseninsel, auf die die Hunde der Hotelgäste ihre Haufen setzen. Und weil wir in Atlanta sind, höre ich eine der Ikonen der Civil-Rights-Bewegung: die Jazzsängerin Nina Simone mit «Don’t Let Me Be Misunderstood».

Agree to Disagree

Tag 5, Yvonne Kunz, Atlanta, Georgia

Atlanta: eben noch Schauplatz des Historiendramas «Vom Winde verweht», heute des postapokalyptischen Serienhits «The Walking Dead». Hauptstadt des Südstaaten-Hip-Hops. Hauptsitz von Coca-Cola, CNN und UPS, Geburtsort von Martin Luther King und Kanye West. An jeder Ecke ein Superlativ: das höchste Gebäude das Landes ausserhalb von New York und Chicago, der grösste Flughafen der Welt, die längsten Staus der USA. Über siebzig Stunden verbringt der durchschnittliche Pendler jedes Jahr im Stau auf dem Geflecht der sechsspurigen Autobahnen.

Abends gehen wir essen. An der Tür zum «Sweet Georgia’s Juke Joint» klebt der Hinweis, das Mitbringen von Waffen sei verboten. An der Rezeption bittet ein Schild die Herren, ihre Hüte abzulegen. Die Band spielt geschmeidigen Jazz. Nach dem Lachs mit Pfirsichglasur entgleist beim dritten Glas mittelgrässlichen Rieslings das Tischgespräch. Es ist ein Thema, das auch sonst überall giftige Kontroversen auslöst: «cultural appropriation», kulturelle Aneignung. Ein Modethema, im übertragenen wie im tatsächlichen Sinn: Oft entzündet sich die Debatte an Modetrends. Wenn sich die Indie-Kids am Coachella-Festival in Kalifornien mit indigenem Federschmuck made in China vor die Street-Style-Kameras billiger Modemagazine stellen, empören sich verlässlich eine ganze Reihe junger Feministinnen, schwarzer Komikerinnen, alter Antikolonialisten, weisser Geschichtsprofessoren.

Für mich ist es ein wichtiges Thema. Es geht hier um tief verankerte gesellschaftliche Mechanismen. Es geht um die Entkolonialisierung des Denkens. Ich finds nicht verkehrt, sich beim Yoga ab und an bewusst zu machen, dass sich hier eine indische Tradition der Achtsamkeit und Erkenntnis, des selbstlosen Handelns zum neoliberalen Selbstoptimierungs-Tool verkehrt hat.

Nicht lange, da wird die Debatte giftiger. Anja hält «cultural appropriation» für ein Non-Issue. Mir geht es um fundamentale Unterschiede in den Herrschaftsverhältnissen. Um die Frage, wo die dominante Macht liegt und ob sie das Recht hat, sich bei einer Subkultur zu bedienen, sie zu verwerten, damit Kasse zu machen.

Natürlich bricht die Welt nicht zusammen, wenn sich ein mexikanisches Restaurant einen indianischen Namen gibt und von Weissen geführt wird. Aber es ist ein treffender Ausdruck der kapitalistischen Sinnentleerung, der Hohlheit einer Marketingwelt, die ich – auch unbesehen irgendwelcher Ausbeutungslogik – einfach nur deprimierend finde.

Während sich unser Gespräch in immer engeren Kreisen und immer schärferem Ton ins Nichts schraubt, frage mich die ganze Zeit, warum ich so weit auf dieser Seite der Diskussion gelandet bin. Auch ich habe schon leidenschaftlich für kulturellen Transfer plädiert. Wenn ein Nordire Reggae spielt und zum aktiven Teilnehmer dieser Kultur wird: super. Der praktiziert «cultural appreciation», kulturelle Wertschätzung. Im Tanz werden ständig Schritte und Moves geklaut. Der Trick ist aber, nicht die Vermarktung einer exakten Kopie, sondern ein neues Original zu erfinden.

Und es geht darum, wer wem was klaut. Zu welchem Zweck. Ich glaube, wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die unablässige Sensibilisierung gegenüber weissen, westlichen Machtstrukturen notwendig ist. Das habe ich nicht aus irgendwelchen Büchern, sondern in den Strassen Grossbritanniens gelernt. Dort lebte ich zwischen 1988 und 1995 immer mal wieder. In den Subkulturen, in denen ich unterwegs war, bestand der jugendliche Trotz gegen die Verhältnisse darin, sich mit einem eigenen Verständnis für die Kolonialgeschichte der Vorgenerationen abzugrenzen. Asiatische Rapper erteilten uns weissen Kids in jamaikanischen Dancehalls wütende Geschichtslektionen. Und, ja, ich trug Dreadlocks. Heute würde ich es nicht mehr tun. Jetzt tanze ich auch nicht mehr mit der halben Welt in den Innenhöfen Nord-Londons, sondern in den Clubs der Zürcher Innenstadt.

Und nun wirft mir Anja «verdammt gefährliches Rassendenken» vor, das sie an die Nazis erinnere. Sie sehe nur eine Rasse: Menschen. Und ich weiss ja, was sie meint: Ich finde einen Kulturbegriff, der auf Reinheit beruht, auch heikel. Aber trotzdem: Nazi. Das verstehe ich nicht. Auf diesem Niveau will ich nicht reden. Ich würge die Diskussion ab: Agree to disagree.

Als wir durch Downtown Atlanta zurück zu unserem Hotel im CNN-Center trotten, wundere ich mich weiter darüber, wie leicht es sich Anja bei ihren Argumenten macht. Zugleich beschleicht mich die Frage, ob ich vielleicht nicht doch eine von politischer Korrektheit gebrainwashte Gutmenschentante mit Minderheitenfimmel bin, die Menschen mit Etiketten versieht. Die mit Worten wie Sensibilisierung, Entkolonialisierung herumhantiert. Geblendet vom Glauben an die intellektuelle Kraft von Begriffen – und die letztlich vor allem Selbstgespräche führt. Vielleicht ja, möglicherweise bin ich nostalgisch. Nicke meinen Kopf seit den Neunzigerjahren zum selben Beat und singe in einem schrumpfenden Chor: Let’s celebrate our differences! Dachte, wir würden jetzt unsere Unterschiede einfach wegfeiern.

Doch zu den Nuancen unserer Positionen drangen Anja und ich nicht vor. So beschäftigt mich schliesslich der Verlauf der Kontroverse mehr als ihr Inhalt. Es war eine merkwürdig hohle Konfrontation, unscharf in den Begrifflichkeiten, dafür umso schärfer im Ton. Als ob ein Orchester nur die höchsten und die tiefsten Töne eines Stücks gespielt hätten, dafür umso lauter.

Tödliche Stereotypen

Tag 6, Yvonne Kunz, Atlanta, Georgia

Als ich erwache, bin ich wegen unseres Streits immer noch verstimmt. Deshalb spreche ich Anja auf den Streit des Vorabends an. Sage, wie irritiert ich sei über die Aggressivität, mit der sie argumentierte. «Anfickig» war mein Wort. Ich gebe zu: Aus mir wäre nie eine Diplomatin geworden. Sonst wäre ich klug genug gewesen, Anja nicht so anzusprechen, zwanzig Minuten nachdem sie aufgestanden ist, sondern frühestens nach dem zweiten Kaffee. Und wir reden nicht von der Filterbrühe, die man in den Hotelzimmern selbst zubereiten kann. Entsprechend ist Anjas Reaktion: schnaubend. Ich sei nicht weniger aggressiv gewesen. Super, jetzt sind wir immer noch gleich weit.

Nach einem angespannten Frühstück geht es dann doch los. Im Strom Zehntausender Autos und Trucks treiben wir stadtauswärts Richtung Süden. Vorbei an Billboards, auf denen Anwälte werben, die auf Verkehrsunfälle spezialisiert sind. Nach vierzig Minuten lotst uns das Navi raus ins Grüne, vorbei an Tankstellenshops, Möbelhäusern und Motels. Und schon bald rollen wir durch die Idylle einer Gated Community. Die Rasenflächen akkurat getrimmt, darauf Häuser, die aussehen, als habe sie jemand an diesem Morgen hingestellt.

Philip Smith ist Jazzliebhaber, Republikaner und Waffennarr. Seinem Sohn gibt er klare Anweisungen, wie er sich zu verhalten hat, wenn die Polizei ihn anhält. Zu gross ist die Furcht, er könne sonst wie so viele junge, unbewaffnete Afroamerikaner bei einer Kontrolle erschossen werden.

Hier, in einem stattlichen Steinhaus, wohnt Philip Smith, Gründer und Präsident der grössten afroamerikanischen Waffenorganisation. Der National Rifle Association für Schwarze, sozusagen. Ziel der NAAGA, der National African American Gun Association: dass sich möglichst viele Afroamerikanerinnen und -amerikaner bewaffnen.

Wir klingeln. Er öffnet. Barfuss, schwarze Anzughose, schwarzes Shirt. Er bittet herein und spürt meine Verblüffung. «Dachtest, ich wär so ghetto-mässig drauf», grinst er, als wir im Esszimmer an einem grossen Mahagonitisch Platz nehmen. Aber das hier, fährt er fort, sei durchaus eine schwarze Wohngegend. Er zeigt auf das Nachbarhaus, «schwarz», auf ein anderes, «schwarz», und auch im nächsten wohne eine afroamerikanische Familie. Ich bin offenbar nicht die Einzige, die verblüfft ist. Nicht mal seine Brüder, sagt Philip Smith, hätten sich daran gewöhnt, dass das hier eine schwarze Gegend sei. «Die meisten von uns leben nicht so wie ich.»

Doch in Atlanta liegen die Dinge anders. Die Fünf-Millionen-Stadt hält dem Ghettobild das einer smarten afroamerikanischen Metropole entgegen. Genau das suchten Philip und seine Frau, als sie aus Kalifornien herzogen: eine «proschwarze» Erfahrung. Nicht nur seine Nachbarn seien schwarz, auch sein Finanzberater, sein Schreiner und sein Zahnarzt. Diese Normalität, diese Vorbilder wollte das Paar für seine Kinder. Mission accomplished: Der Sohn studiert Informatik, die Tochter Veterinärmedizin. «Hier wollen schwarze Mädchen nicht aussehen wie Prostituierte, und die Jungs haben andere Vorbilder als die Gangstas aus Rapvideos.» Smith schüttelt den Kopf über tief hängende Hosen. «Das ist einfach kein guter Look!»

Phil Smith ist ein Jazz-Guy, der für den Afrostyle der Sechzigerjahre schwärmt, ein republikanischer Gentleman Ende fünfzig, der an Amerika, Familie und das Barbecue glaubt. Beim Reizwort «cultural appropriation», der kulturellen Ausbeutung einer Minderheitenkultur durch die dominierende Kultur, denkt er als Erstes an Kim Kardashians Hintern. Und wirft ein: «Das soll der beste Hintern der Welt sein? Ich kenne hier in Atlanta zwanzig Afroamerikanerinnen mit besseren Hintern.» Er sei stolz darauf, dass jetzt alle einen Afrohintern wollten. «Aber dann wird das Original aus dem Mainstream gelöscht.»

Als ihn vor einigen Jahren ein paar Bürokollegen zum Schiessstand einluden, ging Philip Smith nur ungern mit. Doch dann genoss er es, und schon bald war Schiessen sein liebster Feierabendspass. Dann fiel ihm auf, dass er stets der einzige Schwarze war. Deshalb suchte er nach einer Organisation, die ein entspanntes Verhältnis zwischen Waffen und schwarzen Männern vermittelt. Nach positiven Bildern von schwarzen Vätern mit ihrem Nachwuchs im Schiessstand. Er wollte einen Raum für ehrliche Diskussionen über Polizeigewalt gegen Afroamerikaner. All das gab es nicht. Deshalb gründete er 2015 die NAAGA. Und traf einen Nerv: Heute zählt die Organisation landesweit rund 20’000 Mitglieder. «Noch vor zwei Jahren sah man in Waffengeschäften fast nie Afroamerikaner», sagt Phil Smith: «Jetzt immer.»

Für Smith ist der Gun ein Symbol für die Kontrolle über das eigene Leben. Sein Recht, Waffen zu tragen, sieht er als gesellschaftlichen Fortschritt. Sklaven – waren unbewaffnet. Die Schwarzen in der Zeit der Rassentrennung in den Südstaaten – waren unbewaffnet. Als in Kalifornien die Black Panthers 1967 mit Waffen vor Rathäusern demonstrierten, verschärfte der damalige Gouverneur Ronald Reagan die Gesetze. Wenn weisse Farmer den Aufstand gegen den Staat proben, wie der Cowboy-Rassist Cliven Bundy, der die Regierung in Washington nicht anerkennt und sich 2014 gemeinsam mit 200 Bewaffneten der Polizei entgegenstellte, um klarzumachen, dass seine Rinderherde auf öffentlichem Land grasen darf, läuft das anders – Bundy wurde von weissen Konservativen als Held gefeiert. Phil Smith aber weigert sich, zu akzeptieren, dass weisse und schwarze Angst unterschiedlich behandelt werden. «Ich bin nicht militaristisch. Ich will nur dasselbe Recht haben, mich und meine Leute zu beschützen. Wenn Trump sagt: America first, dann sage ich: Zuerst meine Community.»

Trumps Wahl löste einen Run auf die NAAGA aus: tausend neue Mitglieder in wenigen Tagen. «Die Leute suchten Hoffnung und Sicherheit», sagt Smith. Sicherheit, indem sie sich bewaffnen. Smith: «Der Rassismus, den der Mann im Weissen Haus jetzt salonfähig macht, schürt auch die Wut in den armen, schwarzen Innenstädten.» Die Trump-Rhetorik fache nicht nur weisse Ängste an: «Die Menschen in den Ghettos haben Angst. Angst, ihre Kinder von der Schule abzuholen. Angst, zur Nachtschicht zu fahren.»

Es widerstrebe ihm, seinen beiden erwachsenen Kindern Tipps zu geben, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie von einer Polizeistreife angehalten werden. Ein für bewaffnete Schwarze äusserst heikler Moment. Rund tausend Menschen werden in den USA jährlich von der Polizei erschossen. Am häufigsten, in etwa 45 Prozent der Fälle, sind weisse Männer die Opfer. Doch proportional zur Gesamtbevölkerung werden dreimal mehr schwarze Männer getötet.

Er selbst macht es so: Motor abstellen, Radio aus, alle Fenster runter und dann die Papiere aus dem Handschuhfach holen, ehe der Officer zum Wagen kommt. Und dann beide Hände aufs Steuerrad. Er fühlt sich jedes Mal gedemütigt. Aber hier geht es nicht um Stolz, sondern ums Überleben.

Wohl wahr: Die allermeisten Stopps enden auch bei Afroamerikanern nicht mit einem Begräbnis, sondern höchstens mit einer Busse, weil sie zu schnell gefahren sind oder das Rücklicht kaputt ist. Aber es sind aufgeladene Situationen. Weil tödliche Stereotypen im Spiel sind. Anders liesse sich ein Fall wie der von Philando Castile nicht erklären, der 2016 bei einer Verkehrskontrolle von einem Polizisten erschossen wurde. Der Fall machte weltweit Schlagzeilen, weil seine Ehefrau die Szene filmte. Und sie live auf Facebook übertrug. Castile hatte sein Leben im Griff, er hatte alles richtig gemacht. Ein bäriger Good Guy mit Job, Ansehen in der Community und Waffenschein. «Wie der hingerichtet wurde, ist unentschuldbar», sagt Phil Smith.

Als der Polizist freigesprochen wurde, am 16. Juni 2017, sagte die Witwe des Opfers: «Wir entwickeln uns als Gesellschaft nicht weiter, wir zerfallen.» Philip Smith erhielt über fünfzig Anrufe und Hunderte Mails von bürgerlichen Afroamerikanern, voller Schmerz und Wut über den Rassismus. Es waren konservative, bürgerliche Leute, die ihn anriefen, Menschen, die an die amerikanische Nation glauben – und sich mit jedem Freispruch eines tötenden Polizisten verarschter fühlen.

In all diesen Fällen heisst es: Der Polizist hatte Todesangst. Er habe aus Notwehr gehandelt. Smith zitiert eine Redewendung, die in der afroamerikanischen Community zirkuliert: «There is no justice, there’s just us.» Es gibt keine Gerechtigkeit. Wir haben nur uns.

Gegen Polizeigewalt auf die Strasse zu gehen, wie die Aktivisten der Black-Lives-Matter-Bewegung, findet Phil albern. Seine Losung lautet: Prozessieren. Er plant ein konzentriertes juristisches Feuer auf das Notwehrrecht der Polizei, verbrieft in Tennessee vs. Gardner, einem Urteil des Supreme Courts aus dem Jahr 1985. Fünf Rechtsanwaltsteams will die NAAGA demnächst aufbieten, um quer durchs Land das Notwehrgesetz anzugreifen.

Wir verabschieden uns. Im Feierabendstau ruckeln wir zurück ins Zentrum. Und Anja und ich verhaken uns in der Frage: Ist Phil Smith nicht selbst ein Rassist, weil er lieber unter seinesgleichen bleibt? Und dazu ein Klassist, der aus seiner Gated Community bei einem Glas kalifornischem Chardonnay Gleichheit predigt? Ja, sagt Anja, im Grunde unterscheidet sich sein Denken nicht von dem eines weissen Rassisten.

Ich versinke in meinen Gedanken, während Downtown Atlanta am Horizont grösser wird. Stimmt schon, Selbstabschottung in einer schwarzen Gated Community ist auch keine Lösung. Ist sein Handeln, andererseits, nicht das Resultat von Rassismus? Ist es, in dieser gespaltenen Gesellschaft, nicht legitim, sich als Schwarzer zurückzuziehen ins Eigene? Muss man den Kontext nicht mitdenken, ehe man Phil Smith zum Rassisten abstempelt? Wer ist hier Täter, wer Opfer? Macht es sich Anja nicht zu einfach, wenn sie jede Form von Abgrenzung, egal wo und von wem, als Rassismus sieht?

Genau wie Gender ist auch Rasse kein biologischer Fakt, sondern ein soziales Konstrukt. Und obwohl es «nur» ein Konstrukt ist, hat es fühlbare, messbare Auswirkungen auf das ökonomische Fortkommen, das tägliche Erleben. Dort beginnen meine Überlegungen, dort scheinen Anjas zu enden.

Phil Smiths Worte hallen in mir nach. Das grösste Übel der USA sei, sagt er, dass die Leute einander nicht zuhörten. Dass sie Gefangene ihrer eigenen Gedanken seien. Sein Rat: «Wenn du Angst vor einem anderen Blickwinkel hast, musst du in dich gehen und dich fragen: Warum habe ich Angst davor, jemand anderes Meinung zu hören?» Ich frage mich: Hat Anja vielleicht recht? Und will ich es einfach nicht hören? Doch so sehr ich in ihren Aussagen danach suche, ich finde keinen Ansatzpunkt, der mich überzeugt. Allmählich geht mir meine Rolle als wandelndes «Aber» auf die Nerven.

Schwarz, weiss und rot

Tag 7, Anja Conzett, Atlanta, Georgia

«Da eine wohlgeordnete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.»
2. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten

In den USA leben 327 Millionen Menschen. Und besitzen 270 Millionen Schusswaffen. Wer die weltrekordbrechende Liebe der Amerikaner zu ihren Waffen begreifen will, muss sich der Entstehungsgeschichte des Landes annehmen. Der Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten von 1775 bis 1783 wurde vor allem deshalb gewonnen, weil die amerikanische Bevölkerung auch vor der Militarisierung bereits bis an die Zähne bewaffnet war. Seither sind Freiheit und Waffen im amerikanischen Bewusstsein untrennbar verknüpft. Freiheit ist bedingt durch Waffengewalt, Waffengewalt ein Zeichen von Freiheit.

Du hast vorgeschlagen, dass wir dem amerikanischen Volkssport auf den Grund gehen und während der Reise selber schiessen. Ich habe ohne Zögern eingewilligt. Schliesslich glaube ich an die Notwendigkeit von Waffen. Ich glaube, dass die Menschheit noch nicht so weit ist, ohne auszukommen. Und irgendwie gefällt mir die Vorstellung, eine Waffe in der Hand zu halten. Ich stelle mir vor, wie mächtig man sich dabei vorkommen muss. Gerade als Frau.

Die Stimmung zwischen uns ist noch immer gedrückt, Phil Smith hat die Situation nicht entspannt. Das, weil ich die Frage, ob Rassismus auch von einer Minderheit ausgehen kann, anders beantworte als du.

So wandere ich alleine durch die erste Indoor-Schiessanlage Atlantas und stimme mich ein, mit einem Song, den du mich lieben gelehrt hast, «Daddy Lessons» von Beyoncé featuring The Dixie Chicks.

Stoddard’s Shooting Range liegt etwas ausserhalb der Stadt, nahe dem Bahnhof, hat zwölf Mitarbeiter, eine Veranda, ein beeindruckendes Sortiment auf 3000 Quadratmetern Ladenfläche: Schalldämpfer, Bierkühler in Camouflage, Jagdwaffen, Guarana-Tabletten, Waffenschränke, Revolver, pinke Hüfthalter, halbautomatische Sturmgewehre, Springmesser und Gewehrattrappen; «perfect for the little ones». Die Kaffeesorten aus dem Automaten heissen «Scharfschützenversteck», «Nachtschwarz», «Schwarzes Gewehr». Ich entscheide mich für Scharfschützenversteck: Es besteht aus Filterkaffee mit Magermilchpulver. Ich bilde mir ein, dass er leicht metallisch schmeckt.

Der Shop-Clerk, ein massiger Baseballspieler, reicht mir Schutzbrille, Ohrschützer und eine Glock 23, made in Austria. Dazu fünfzig Schuss Munition. Wir zahlen 75 Dollar pro Kopf, inklusive freiwilligen Einführungskurses. Zeig deinen Pass, und du bist dabei.

«Muss ich Angst haben, dass ich da drin erschossen werde?», frage ich ihn. Seine Lippen werden dünn. «Nicht, wenn du gerne am Leben bist.»

«Selbstmörder?» Unsere Blicke kreuzen sich, er sieht auf die Theke.
«Zwei, seit ich hier arbeite.»
«Beide tot?»
«Einer hat überlebt.»
«Scheisse.»
«Yeah. Seither fragen wir nach, wenn einer reinkommt und sagt, es sei ihm egal, mit welcher Waffe er schiesst.»

Die Einführung findet im Nebenraum statt.

– Behandle eine Waffe immer so, als wäre sie geladen.

– Beim Aufnehmen der Waffe immer darauf achten, dass die Mündung in eine sichere Richtung zeigt.

– Richte deine Waffe nie auf etwas, worauf du nicht schiessen möchtest.

– Lege deinen Finger nie auf den Abzug, ausser du schiesst.

– Sei dir bewusst, was hinter deinem Ziel liegt.

Dann wird an einer Pistolenattrappe geübt; greifen, laden, entsichern, abdrücken, nachladen. Nach gut fünfzehn Minuten ist der Kurs vorbei. Wir gehen hinunter zur Range und verteilen uns auf drei Boxen.

Die Zielscheibe, auf die ich schiesse, zeigt den stilisierten Oberkörper eines Menschen, fünfzehn Fuss entfernt, knapp fünf Meter. Ein Rumpf mit Kopf und ohne Beine, schwarz auf weiss, mit einem roten Punkt in der Mitte der Brust, dem Bullseye. Während des Vietnamkriegs, habe ich mal gelesen, wurden die Zielscheiben mit Fadenkreuz in der militärischen Grundausbildung durch das Upper Torso Target Board ersetzt. Die Trefferquote an der Front stieg um sechzig Prozent.

Erstschützin Anja Conzett ist ein Naturtalent. Freude bereitet ihr das Schiessen trotzdem nicht.
Zu gross ist die Hürde der Assoziation: «Der Torso steht für einen Menschen, vielleicht war der Mensch sogar einmal Kind. Hatte eine Mutter, einen Traum, ein Lieblingsspielzeug.»

Auf Jagdvisite, am Dorffest des Schützenvereins, auf Reportage im Militär: Ich war schon oft dabei, wenn geschossen wurde. Ich kenne den dumpfen Knall, wenn der Schlagbolzen auf das Zündhütchen im Patronenboden trifft und das in der Hülse freigesetzte Gas die Treibladung, das Projektil, aus dem Lauf jagt. Trotzdem erschrecke ich beim ersten Schuss. Sirren im Kopf, zwei Schritte zurück. Mein Herz klopft in meinem Ohr. Seltsam. Ich schüttle es ab, lade nach. Der zweite Schuss geht ins Bullseye, mitten ins Schwarze.

Noch freue ich mich. Die Instruktorin klatscht in die Hände. «Naturtalent!» Dann verschwindet sie – nach drei Minuten. Der Gehörschutz reicht mir nicht, ich hole mir Ohrpfropfen am Tresen. Und weiter. Greifen, laden, entsichern, Schuss. Bullseye. Meine Hände schwitzen.

In den Boxen neben mir stehen eine Mutter und ihr Sohn, und geben Dauerfeuer mit einer AK-47, einer Kalaschnikow. Rattatatatatata. Ihre Geschosse sind lang und spitz. Fies sehen sie aus im Vergleich zu den rundköpfigen 10-Millimeter-Patronen, die ich Stück für Stück ins Magazin drücke.

Mir fällt ein Satz ein von Phil Smith: «Ein Schuss aus der AK schneidet dich in zwei Teile.» Wenn ich mich auf den roten Punkt in der Mitte konzentriere, sehe ich den Torso nicht. Schuss: Bullseye. Schuss: Bullseye.

Stechende Schmerzen in der Brust, von der Druckwelle des Sturmgewehrs, lasse ich mir sagen. Ich kaue mir das Rot von den Lippen. Knapp am Bullseye vorbei. Die Patronenhülse spickt in den Ausschnitt meines Sommerkleides und hinterlässt ein kantiges Brandmal auf meiner linken Brust. Ich starre daran vorbei auf meine Hände. In ihnen halte ich ein Instrument, mit dem Zweck geschaffen, menschliches Leben zu vernichten. Mein Herz klopft in meinem Hinterkopf.

Die Mutter hantiert unbeholfen mit dem Maschinengewehr, das ihr Sohn gegen die AK47 getauscht hat, die Mündung zeigt in deine Richtung. Was, wenn die Mutter die Waffe fallen lässt und sich ein Schuss löst? Ein Schuss, der dich trifft? Was, wenn ich die Waffe fallen lasse und sich ein Schuss löst? Wie sage ich es deiner Tochter? Noch achtzehn Schuss. Bullseye. Ich bin gut in etwas, das mir keinen Spass macht. Das ist neu. Mir ist schlecht. Ich schiesse auf einen Torso. Der Torso hat einen Kopf. Er hat ein Herz. Der Torso steht für einen Menschen, vielleicht war der Mensch sogar einmal Kind. Hatte eine Mutter, einen Traum, ein Lieblingsspielzeug.

Meine Gedanken rasen. Ich bin fünf Jahre alt, und mein Lieblingsspielzeug ist ein Plüschpanda, was ist deins? Der rote Punkt ist in der Mitte. Darauf soll ich zielen, auf das Herz. Ich verfehle das Blatt. Rattatatata. Mein Herz tut weh. Ich konzentriere mich auf den Punkt, dann sehe ich den Torso nicht. Ich sehe den Punkt. Bullseye. Ich sehe ein Kind. Ein dunkelhäutiges Kind. Es hat einen nackten Oberkörper und hält eine AK-47 in die Luft, die Unterlippe vorgeschoben. Im Kongo schiessen Menschen auf Menschen, bevor sie das erste Mal Sex haben. Ich verfehle das Blatt.

Der Lärm, dieser gottverdammte Lärm. Es riecht verbrannt. Es riecht nach Schlamm. Ich bin vierzehn, ich liege in meinem Kinderzimmer und lese «Im Westen nichts Neues». Erich Maria Remarque nimmt mich mit ins Klassenzimmer, in dem Paul Bäumer sitzt, nimmt mich mit in den Schlamm, in dem Paul Bäumer sitzt. Schuss, Bullseye. Ich bin dabei, wie Paul Bäumer seinen verletzten Kameraden auf den Schultern trägt, bis er merkt, dass der Kamerad ein Loch im Kopf hat. Schuss: Blatt verfehlt. Die Luft bleibt mir weg. Ich sage, ich muss da durch.

Noch zehn Schuss. Rinnsale in meinen Handflächen. Die Waffe wiegt einen Zentner, in meinen Schläfen schlägt das Herz: Rattatatata. Ich verdopple die Schussdistanz auf dreissig Feet. Vorbei, vorbei, vorbei, Bullseye. Noch zwei Schuss, dann sind wir durch. Ich weiss nicht mehr, wem ich etwas beweisen will. Bullseye und vorbei am Blatt.

Mein Herz schmerzt immer noch. Als würde jemand eine Faust darum schliessen.

«Hände nach dem Schiessen gut waschen, nicht ins Gesicht langen, ja nicht die Augen reiben.» Meine Fingerspitzen riechen verbrannt. Die Damentoilette riecht nach Vanille und Zitrone. Ich sacke vor der Schüssel in die Knie. Zweimal trocken würgen. Es riecht nach Schlamm. Ich schliesse die Augen. Ich sehe einen Torso. Schwarz, weiss, rot.

Gun-Lady

Tag 7, Yvonne Kunz, Atlanta, Georgia,

Ich wollte schiessen, als Mutprobe, wie Bungee-Jumping. Als Recherche, um diesem mächtigen amerikanischen Fetisch eine persönliche Schattierung zu geben. Die Glock-Pistole in meiner Hand ist schwerer und kälter, als ich dachte. Wie eben im 20-minütigen Crashkurs gelernt, lege ich meine Hand eng um den Griff und drehe die Pistole nach rechts. Setze das Magazin mit fünf Schuss ein, klick, ziehe den Schlitten zurück und lasse ihn in Position zurückschnellen. Jetzt ist die Pistole geladen und entsichert. Ich drehe sie wieder in aufrechte Position, hebe sie auf Augenhöhe, lasse meinen Zeigefinger vom Lauf zum Trigger gleiten und drücke ab. Und nochmals. Verblüfft über die rohe Gewalt dieses toten Stücks Metalls. Noch ein Schuss.

Nach der ersten Runde bin ich ausgezehrt; ausgeschlossen, dass ich die Kraft habe, fünfzig Schuss abzufeuern. Nicht körperlich, nicht psychisch. Als ich nachlade, wird es in mir kalt und trocken. Macht sich etwas breit, das ich nur als Nichtgefühl beschreiben kann. Ich scheine nur noch aus meinem Körper zu bestehen. Fleisch und Organe, hochgehalten an einem Skelett, zusammengehalten von Sehnen und Muskeln. Ich hebe die Pistole und ziele.

In der Alley rechts von mir jubelt Anja über ihren nächsten Schuss ins Schwarze, links ballert ein Teenager mit einer monströsen AK-47 in einem fort mitten ins Herz der Gestalt auf dem Zielblatt. Erst versuche ich, den Maschinengewehr-Sound zu ignorieren. Und als das nicht gelingt, eins zu werden damit. Wie mit der Pistole in den Händen am Ende meiner ausgestreckten Arme. Als sei sie ein Körperteil und ich ein bionisches Wesen. Ich versuche eine gleichmässige Körperspannung vom Scheitel bis zur Sohle zu erreichen, verschiebe mein Gewicht leicht auf das vorgestellte rechte Bein, zwinge mich, langsamer zu atmen, lasse die Luft aus der Nase fliessen, synchronisiere den Fluss der Luft mit dem Finger am Abzug. Das Zittern nimmt ab, und ich schiesse und schiesse, ein Magazin nach dem nächsten. Meine Schüsse verfehlen in der Tendenz die Mitte stets leicht nach oben links. Aber ich werde treffsicherer. Mit jedem Schuss nähere ich mich weiter der Gewissheit: Ja, ich würde abdrücken. Wenn ich müsste. Ich fühle mich meiner selbst fremd. Und zugleich merkwürdig belebt. Als hätte ich einen Teil meines Selbst wachgeschossen.

Erstschützin Yvonne Kunz ist am Anfang unsicher in der Shooting Range.
Doch bald findet sie Freude am Schiessen: «Ich bin verführt von der Macht der Waffe.»

Würde ich in den USA leben, gehörte ich wohl zu den Frauen, die sich – wie man überall liest – nun massenhaft bewaffnen. Laut Umfragen ist der Anteil bewaffneter Frauen zwischen 2005 und 2011 von 13 auf 23 Prozent gestiegen. Derweil The Trace, eine unabhängige Recherche-Organisation, 2014 von rund 15 Prozent bewaffneten Frauen ausging. Doch selbst in den vorsichtigsten Zahlen zeigt sich seit 2010 ein steiler Anstieg beim weiblichen Waffenbesitz. Während Waffenverkäufe insgesamt zurückgehen.

Abends im Hotel entfalte ich das Zielblatt. In meinen Gedanken habe ich es bereits zu Hause auf dem Klo aufgehängt. Ich streiche mit der flachen Hand über das durchlöcherte Stück Papier. Wie kleine Sonnen sehen die Einschussstellen aus. Ich habe diesen gezeichneten Menschen mit meinem ersten, zittrigen Versuch getötet, mit einem Schuss in die Halsschlagader. Sorry, wollte ich nicht.

Ich bin verführt von der Macht der Waffe. Meine körperliche Unterlegenheit würde keine Rolle mehr spielen. Auch so wäre ich eine tödliche Gefahr für jeden, der in mein Haus einbricht oder mir nachts auf dem Heimweg an die Wäsche will. Polizei brauchte ich keine mehr, ich könnte mir selber helfen. Komplizierte Gespräche über Geschlechterrollen und strukturelle Gewalt würden überflüssig. Man könnte jedem Arsch einfach die Knarre ins Gesicht halten. Erledigt. Dann würde er ein Nein verstehen. Oder auch nicht. Dann wäre er tot, wie der Mann auf meinem Papier. Oder ich, wenn er schneller zieht.

Umfragen haben ebenfalls gezeigt, dass sich die Motivation zum Waffenbesitz in den letzten Jahren gewandelt hat. Es ist nicht mehr hauptsächlich Sport und Jagd. Heute ist der wichtigste Kaufgrund Selbstverteidigung. Aber wogegen verteidigt man sich mit einer AK-47?

The Whitest Guy Alive

Tag 8, Yvonne Kunz, Atlanta, Georgia

Christopher Noxon hat eine eigenwillige Taktik, um Leute kennenzulernen: Er spricht Personen an, die ihm ausgesprochen unsympathisch sind. In Atlanta fiel diese zweifelhafte Ehre auf unseren Fotografen Reto Sterchi, der hier zu uns gestossen ist. Noxon fragte ihn auf der Strasse nach einer Zigarette, so kamen die beiden ins Gespräch. Reto wiederum dachte sich: Müsste man das Klischee eines Autors malen – so würde dieser aussehen, Brille, Tweedanzug, Notizbuch. Und tatsächlich: Noxon hat zwei Bücher geschrieben, zuletzt den Roman «Plus One» über sein Leben als Plus One: Er ist der Mann einer sehr erfolgreichen TV-Produzentin und verantwortlich für Kinder und Küche. Als Freelance-Autor schreibt er Beiträge für die «New York Times», «The Atlantic», den «New Yorker» oder salon.com. Sein grösster Scoop: die Enthüllung, dass Mel Gibson einer ultrakonservativen Katholikengruppe angehört.

Nach Atlanta führt ihn sein neuestes Projekt «Good Trouble». Man könnte den Titel übersetzen mit: Notwendige Unruhe. Es soll ein Buch werden über die Bürgerrechtsbewegung, die in den Sechzigerjahren für die Gleichberechtigung der Afroamerikaner kämpfte. Eine Zeit, von der Noxon glaubt, sie könne im heutigen angespannten politischen Klima Inspiration für den politischen Widerstand sein.

Als uns Reto von seiner Zufallsbekanntschaft berichtet und die Google-Recherche ergibt, dass es sich bei Noxons Frau um Jenji Kohan handelt, die Macherin der grossartigen Netflix-Frauenknast-Serie «Orange Is the New Black», bin ich begeistert. Wir beschliessen, Noxon zu interviewen. Den «weissesten Typen aller Zeiten», wie Reto meint.

Christopher Noxons aktuelles Buch über die Civil-Rights-Bewegung führt ihn in das Museum in Atlanta, das sich mit ihrer Geschichte beschäftigt. Was ihm im heutigen Amerika Hoffnung macht: dass es noch nie so viel Aktivismus gab.

Also treffen wir Noxon zum Frühstück in seinem Boutiquehotel, legen ein Aufnahmegerät auf den Tisch, und dann los.

Kunz: Mr Noxon, Sie waren gerade auf Lesereise in Memphis, als Trumps Wahl Sie in Verzweiflung stürzte – nun recherchieren Sie in «Good Trouble» zur Bürgerrechtsbewegung.

Noxon: Eigentlich wollte ich am Tag von Trumps Wahl Graceland besuchen, Elvis huldigen. Aber ich erwachte mit dem Gefühl, dass es unangebracht wäre, meinem Sinn für Kitsch zu frönen. Stattdessen ging ich ins Bürgerrechtsmuseum. Es befindet sich im Lorraine Hotel, wo Martin Luther King ermordet wurde. Da waren all diese Fotos von King, wie er winkend am Geländer steht. Und wie er dann in sich zusammensackt. Als ich an der Stelle stand, verlor ich die Fassung.

Kunz: Warum?

Noxon: Von Enten sagt man: Wenn sie schlüpfen, halten sie das Erste, was sie sehen, für die Mutter. In dem Moment war ich ein Entenjunges und dieses Projekt meine Entenmama. Ich versank völlig in der Geschichte. Zwei Wochen lang zeichnete ich wie besessen Fahndungsbilder der Bürgerrechtsaktivisten. Junge, Alte, Schwarze, Weisse. Da war diese Würde, diese Haltung in all den Gesichtern, diese Klarheit.

Kunz: Sie reden mit allen Aktivistinnen und Aktivisten von damals, die Sie auftreiben können. Was hat Sie am meisten überrascht?

Noxon: Dass es im Kern eine religiöse Bewegung war. Besonders die Linke vergisst diesen Aspekt. Was die Bürgerrechtsaktivisten antrieb, war Spiritualität, Erlösungsgeschichten und Gandhi, der glaubte, dass sich Menschen durch Mitgefühl ändern. Im Zentrum standen nicht Gesetzesänderungen. Hauptziel war, das Bewusstsein der grossen Mitte zu wecken.

Conzett: Wer sind im heutigen Amerika die Bösewichte?

Noxon: All die reaktionären, verängstigten, wütenden, intoleranten weissen Männer, die jetzt am Drücker sind. In den Obama-Jahren zeigte sich viel Wut darüber, dass wir einen schwarzen Präsidenten haben. Dieses Gefühl schwoll zu einem Backlash an.

Kunz: Zu einem Whitelash?

Noxon: Ja, ein Whitelash. Es ist ein lautes Echo aus der Zeit der Bürgerrechtsbewegung: Auch damals erstarkte der weisse Widerstand gegen die Integration der Schwarzen.

Conzett: Ist Trump das drängendste Problem Amerikas?

Noxon: Nein, Trump kam ja nicht aus dem Nichts. Und Trump wird bald Geschichte sein. Wir müssen jene 35 Prozent der Amerikaner verstehen lernen, die seinen Kurs gutheissen: Woher kommt der Hass? Zum Beispiel die Leute im Rustbelt: Es tut mir leid, dass sie ihre Jobs verloren haben. Aber schuld an ihrer misslichen Lage sind doch nicht Förderungsprogramme für Afroamerikaner. Sie verlieren ihre Jobs auch nicht wegen der Mexikaner, die in Kalifornien illegal Trauben lesen. Ich glaube nicht, dass es reicht, die Opfer der Deindustrialisierung zufriedenzustellen. Denn: Weisse aller Einkommensschichten haben Trump gewählt. Dass arme Weisse für Trump verantwortlich sind, ist eine Fiktion, mit der reiche Trump-Wähler ihr Gewissen beruhigen

Conzett: Warum finden die Menschen keinen Bezug mehr zueinander, als Amerikanerinnen und Amerikaner?

Noxon: Ich glaube, es liegt stark an unserer virtuellen Welt. Trump kam aus dem Fernsehen, ein Typ ohne jegliche Regierungserfahrung. Der konnte nur Präsident werden, weil sich die Werte und die Aufmerksamkeitsspanne der Bevölkerung fundamental verändert haben. Alles ist aus dem Gleichgewicht. Die Frage ist, ob wir künftig wieder einen verantwortungsvollen Menschen ins Oval Office wählen. Oder machen wir auf dieser Schiene weiter, wo es nur noch um Emotionen geht, um Ikonen? So im Stil: Wird George Clooney kandidieren?

Conzett: Sehen Sie einen Silberstreif am Horizont?

Noxon: Es hat noch nie so viel Aktivismus gegeben. Das Frustrierende auf der Linken ist aber dieser nie enden wollende Strom der Empörung. Ich will am Morgen schon gar nicht mehr in mein Smartphone gucken, weil ich mich vor der Empörung des Tages fürchte. Das ist sehr ermüdend. Und ein weiterer Grund, warum ich so stark auf diese Bürgerrechtsstorys reagiert habe: Sie waren am Ende ihrer Empörung angelangt. Die hatten keine Zeit mehr für Empörung.

Kunz: Bewegungen wie Occupy sind wie Strohfeuer: schnell entfacht, aber auch schnell vorbei.

Noxon: Occupy brachte schon Substanzielles: Gesetze im Kunden-Banking und bei Zwangsräumungen. Aber dessen ist man sich nicht bewusst, weil Occupy in der allgemeinen Wahrnehmung nur ein paar Hippies waren. Teil des Problems ist, wie man die Debatte aufzieht: Das Ziel von Occupy war die Okkupation, das geht nicht ewig. Am Schluss war es wie bei Hands Across America in den Achtzigerjahren: Die wollten eine händehaltende Menschenkette von Küste zu Küste machen – und schafften es nicht. Was blieb, war ein Gefühl des Scheitern, aber hey: Da waren sieben Millionen Menschen, die sich die Hände hielten!

Conzett: Liegt im Demonstrieren nicht die Gefahr, dass die Leute ein bisschen marschieren und Parolen skandieren und dann denken: «Das reicht, ich habe etwas getan»?

Noxon: Es gibt zwei grundlegende Arten, sich gegen herrschende Machtverhältnisse aufzulehnen. Eine ist aufzukreuzen, Transparente zu schwingen, rumzubrüllen. Das ist symbolisch, Theater. Die andere ist mit einem konkreten Anliegen, sagen wir Mindestlohn, zu einem Politiker zu gehen und zu verhandeln. Und beides ist wichtig. Ohne Forderung kein Protest. Aber wenn du dich nur an der Verhandlung konkreter Ziele interessierst, dann wirds jenseits des Verhandlungstischs niemanden kümmern.

Conzett: Wer sind denn die Guten?

Noxon: Gläubige, die sich erheben und über die Details ihrer Religionen hinwegsehen und über Werte reden. Muslime, Christen und Juden, die an urmenschliche Werte erinnern wie: nett sein, dankbar sein. Ich hoffe, dass wir zu einem grundsätzlichen Sinn für Gut und Böse zurückkehren können.

Conzett: Würden Sie für unsere Zeit einen allgemeinen Mangel an Freude diagnostizieren?

Noxon: Oh ja! Das beste Beispiel ist Bayard Rustin, ein verkannter Held der Bürgerrechtsbewegung. Er war ein ehemaliger Kommunist, und sein grosser Beitrag zur Bewegung war es, Freude und Spass in diese oft mühselige, ernsthafte und langweilige Welt zu bringen. Die meisten Aktivisten sind doch diese wertenden, selbstherrlichen Langweiler. Ich möchte die feine Linie zwischen Ehrfurcht und Respektlosigkeit treffen. Ich möchte die Dinge mit so viel Grazie und Sanftheit wie möglich ansprechen – und mich dennoch immer auch über die Sache lustig machen, über mich selbst und über andere.

Plötzlich hat es Christopher Noxon eilig. Er will hier in Atlanta ins Bürgerrechtsmuseum, ins Center of Civil and Human Rights. Wir beschliessen, ihn zu begleiten. Auf dem Spaziergang zum Museum erzählt er von seinen Reisen kreuz und quer durch Amerika, hardcore im Greyhound-Bus, so wie wir vorgestern Nacht. Wir erzählen von unserer Route erst nach Süden, dann nach Westen. «Uff», meint Noxon. «Da habt ihr noch jede Menge schlechtes Essen und betäubende Eintönigkeit vor euch.»

Am nächsten Tag gehts weiter nach New Orleans. Fast verpassen wir den Zug – doch kurz entschlossen lädt uns der Fahrer eines Gepäckwagens auf sein kleines Gefährt und karrt uns die hundertfünfzig Meter zum hintersten Waggon. Wir haben noch nicht Platz genommen, als sich der Zug in Bewegung setzt. Atlanta zieht ein letztes Mal an uns vorbei, getaucht in goldenes Morgenlicht. Über den Lautsprecher plätschern die üblichen Durchsagen zu Rauchstopps, Internetzugang, Reservierungssystem. Aber nun gesprochen in schönstem, faulem Südstaaten-Twang, mit Gusto und Weile. Dann noch zwei unübliche Hinweise: Das Personal im Speisewagen werde keine mitgebrachten Speisen aufwärmen. Und ohne Schuhe werde man nicht bedient. «Ich wiederhole: Ohne Schuhe kein Service, danke.»

Welcome to the Deep South.

Diese Reportage wurde zur Entwicklung eines Serien-Prototyps aus dem Etat für grosse Recherchen, grosse Geschichten und grosse Ideen der Project R Genossenschaft realisiert.

In einer früheren Version des Textes wurde der Durchmesser der Patronen fälschlicherweise mit 20 Millimeter angegeben. Richtig sind 10 Millimeter.

Debatte: Was führte zur Wahl von Donald Trump – Rassismus oder Klassenkampf?

Heute dominieren zwei Erklärungsansätze. War es ein Aufstand des weissen Amerikas? Oder waren es die zunehmenden Einkommensunterschiede, der Niedergang der Mittelschicht, die Trump ermöglicht haben? Diskutieren Sie mit den beiden Autorinnen Anja Conzett und Yvonne Kunz – hier gehts zur Debatte.

  




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