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Aufstieg der Maschinen

Selbstfahrende Autos, sprechende Smartphones, intelligente Drohnen, feinfühlige Roboter: Die vierte industrielle Revolution ist da. Werden wir nun alle arbeitslos? Und: Ist das überhaupt die wichtigste Frage? Ein Versuch einer Bestandesaufnahme.

Von Mark Dittli, 16.01.2018

Der «Escher» (Electric Series Compliant Humanoid for Emergency Response), ein humanoider Rettungsroboter, entwickelt von einem Ingenieursteam des Virginia Polytechnic Institute. Bild: Scott Schafer/Contour/Getty

Es war ein schwülheisser Frühsommertag in der chinesischen Stadt Wuzhen, unweit von Shanghai, und Ke Jie hatte nicht den Hauch einer Chance. Der zwanzigjährige Chinese beherrscht zwar wie kein Zweiter auf der Welt das fast dreitausend Jahre alte chinesische Brettspiel Go. Doch am 27. Mai 2017 fand Ke seinen Meister. Er wurde in drei Partien bezwungen.

Sein übermächtiger Gegner: AlphaGo, ein von Google entwickelter Computer.

An jenem Tag fiel endgültig die letzte Domäne des Menschen im Wettlauf mit den Maschinen. Zumindest in der Welt der Spiele: Das extrem komplexe Strategiespiel Go mit seiner nahezu unendlichen Zahl an potenziellen Zügen – die Zahl ist grösser als die aller Atome im Universum – galt bis dahin für Computer als unbezwingbar.

AlphaGo ist ein selbstlernendes System, das heisst, nur die Grundregeln von Go wurden von Menschen programmiert. Den Rest «lernte» AlphaGo, indem sich das System die Muster aus Millionen von Spielzügen einprägte und in unzähligen Partien gegen sich selbst spielte. Und dabei immer besser wurde.

«Es war, als spielte ich gegen Gott. Die Zukunft gehört den Maschinen», sagte Ke nach seiner Niederlage.

Wie plausibel sind die Ängste?

Der Sieg von AlphaGo über Ke Jie symbolisiert die enormen Fortschritte, die auf Gebieten wie künstlicher Intelligenz, selbstlernenden Systemen und in der Robotik in den vergangenen Jahren erreicht wurden: Vom «Second Machine Age» oder der vierten industriellen Revolution ist die Rede – und wie in früheren Phasen grosser technologischer Fortschritte kursiert auch gegenwärtig die Furcht, die Umwälzungen könnten zum Verlust von Millionen von Arbeitsplätzen führen.

Wie plausibel sind diese Ängste, zumal die Arbeitslosenraten gegenwärtig weltweit sinken und in zahlreichen Ländern nahezu Vollbeschäftigung herrscht?

Die Historie spricht eine deutliche Sprache: In keiner der drei früheren industriellen Revolutionsphasen haben sich die Befürchtungen grosser Arbeitsplatzverluste über längere Frist betrachtet bewahrheitet. Stets sind genügend neue Jobs entstanden, die die durch die Automatisierung obsolet gewordenen Stellen kompensiert haben.

Die Geschichte zeigt aber auch: Die existenziellen Fragen für eine Volkswirtschaft während einer industriellen Revolution drehen sich nicht um die Zahl der Arbeitsplätze per se, sondern um die Folgen der Anpassungsprozesse und – vor allem – um die Verteilung des Wohlstandes.

Ein Versuch einer Bestandesaufnahme.

Millionen von Jobs stehen auf dem Spiel

Selbstfahrende Autos, persönliche Assistenten auf dem Smartphone, menschenleere Lagerhäuser, autonom agierende Drohnen, lernende Software: Die vierte industrielle Revolution ist keine Fiktion mehr, sondern allgegenwärtige Tatsache.

Die Geschichtsschreibung wird den Start der vierten industriellen Revolution dereinst rückblickend beziffern; möglicherweise wird es die Gründung von Google 1998 sein, möglicherweise die grosse Rezession von 2008, möglicherweise auch 2014, als das definierende Buch der Epoche, «The Second Machine Age» der beiden am Massachusetts Institute of Technology (MIT) lehrenden Ökonomen Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, erschien.

Ein Arbeitspapier von zwei Ökonomen an der Oxford Martin School mit dem Titel «The Future of Employment» erregte im Jahr 2013 Aufsehen, als die beiden Autoren Carl Benedikt Frey und Michael Osborne die Schätzung veranschlagten, dass in den USA fast die Hälfte aller Arbeitsstellen von der Automatisierung gefährdet ist.

Das McKinsey Global Institute stellte 2017 in zwei Studien die etwas weniger dramatisch klingende Schätzung auf, dass bis 2030 global betrachtet je nach Land zehn bis dreissig Prozent aller Arbeitsstellen gefährdet sind.

Doch ungeachtet der Frage, ob es nun zehn oder fünfzig Prozent der Stellen sind – klar ist: Es geht um Millionen von Jobs. Und im Gegensatz zu früheren Automatisierungsphasen sind es heute nicht mehr traditionelle Fabrikjobs, die als bedroht gelten, sondern ein breites Spektrum, von Ärzten und Anwälten über Finanzanalysten, Buchhalter, Wirtschaftsprüfer, Journalisten bis zu Piloten, Taxi- und Fernfahrern.

Welche Auswirkungen wird die vierte industrielle Revolution auf die Wirtschaft, die Arbeitsmärkte und damit auch auf die Gesellschaft in den verschiedenen Ländern haben?

Um diese Frage zu ergründen, ist zunächst ein Streifzug durch die lange Geschichte des Zusammenspiels von Mensch und Maschine nötig.

Die erste industrielle Revolution: Arbeit gegen Kapital

London, 1589: Der Erfinder William Lee ist in die Hauptstadt gereist, um bei Queen Elizabeth I das Patent für eine mechanische Strumpfstrickmaschine anzumelden. Zu seiner Enttäuschung zeigt die Königin jedoch kein Interesse: «Thou aimest high, Master Lee. Consider thou what the invention could do to my poor subjects. It would assuredly bring to them ruin by depriving them of employment, thus making them beggars», bescheidet ihm die Queen.

Dampf- oder wasserbetriebene Spinnmaschinen. Gravur, zirka 1830. Bild: Universal History Archive/Getty Images

Die Königin befürchtet für ihre Untertanen den Ruin, weil die Maschine die Menschen ihrer Arbeit und ihres Einkommens beraube und sie zu Bettlern mache. Und das war das Ende der Strumpfstrickmaschine des William Lee.

Diese kleine Episode ist einer der ersten verbürgten Zusammenstösse zwischen Mensch und Maschine in neuerer Zeit.

Die erste industrielle Revolution beginnt in England dann rund zweihundert Jahre später, im ausgehenden 18. Jahrhundert. Der Einsatz der Dampfmaschine – 1712 von Thomas Newcomen in ihrer modernen Version erfunden und 1769 von James Watt entscheidend weiterentwickelt – erlaubt die Mechanisierung von Fertigungsprozessen in der Textilindustrie. Arbeit, die zuvor in Heim- und Kleinmanufakturen verrichtet wurde, wandert in moderne Fabriken.

Auf dem Kontinent breitet sich die industrielle Revolution zunächst in der Schweiz und Belgien aus, weitere Länder folgen später.

Die Furcht vor Arbeitsplatzverlusten ist eine ständige Begleiterin der ersten industriellen Revolution. In Nottingham stürmen Textilarbeiter 1811 einen Fabrikbetrieb und zerstören alle Maschinen. Die Aufständischen nennen sich «Ludditen» – nach der mythischen Figur von General Ned Ludd, der in den Wäldern des Sherwood Forest hausen soll –, und die Bewegung greift zwischen 1811 und 1816 wiederholt Textilfabriken an. Englands Regierung schreitet hart ein und verhängt über der Tat der Maschinenzerstörung die Todesstrafe; allein 1813 werden siebzehn Ludditen exekutiert.

In der Schweiz stürmen am 22. November 1832 aufgebrachte Heimarbeiter und Kleinfabrikanten die mechanische Weberei und Spinnerei Corrodi & Pfister in Oberuster und zerstören sie. 75 Personen werden verhaftet, die Anführer erhalten mehrjährige Kettenstrafen.

Die Weberei und Spinnerei Corrodi & Pfister steht in Flammen: Brand von Uster, 22. November 1832. Lithografie von G. Werner. Bild: Stadtarchiv & Kläui Bibliothek Uster

Spätere Forschungen zeigen, dass sich die grössten Auswirkungen der ersten industriellen Revolution nicht in Form von Massenarbeitslosigkeit äusserten, sondern primär in der Verteilung des erwirtschafteten Wohlstandes: In den sechzig Jahren zwischen 1790 und 1850 erreicht die britische Wirtschaft zwar markante Produktivitätsfortschritte und Wachstum, doch die Reallöhne der Arbeitnehmer stagnieren während dieser Zeit.

Es ist kein Zufall, dass Charles Dickens während dieser Zeit Romane wie «Oliver Twist» schreibt, die das harte Leben in den englischen Fabrikstädten schildern.

Der amerikanische Ökonom Robert C. Allen prägte für diese Epoche der ersten industriellen Revolution, als der durch die Produktivitätsfortschritte erzielte Wohlstand nicht den Arbeitnehmern, sondern den Fabrikeigentümern zufiel, den Begriff «Engels’ pause»: Es war unter dem Eindruck dieser Erfahrung, dass Friedrich Engels und Karl Marx 1847 das «Kommunistische Manifest» verfassten.

Erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnen die Löhne der Arbeitnehmer in England im Gleichschritt mit dem Produktivitätswachstum zu steigen, und breitere Teile der Bevölkerung kommen in den Genuss der Früchte der Industrialisierung.

Und dann bahnt sich bereits die nächste Revolution an.

Die zweite industrielle Revolution: Autos und Traktoren

Die zweite industrielle Revolution beginnt um 1880 mit der Erfindung der Elektrizität, des Verbrennungs- und des Elektromotors. Symbol dieser Epoche ist das Automobil, allen voran das Ford Model T, das erste seriell in grosser Stückzahl am Fliessband gefertigte Fahrzeug.

In Berlin äussert Kaiser Wilhelm II. zwar noch die legendäre Bemerkung «Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd», doch die Motorisierung ist nicht mehr aufzuhalten.

Die grössten Auswirkungen auf die Arbeitsmärkte hat die zweite industrielle Revolution in der Landwirtschaft, wo die Mechanisierung zahlreiche manuelle Arbeiten obsolet macht. Im Jahr 1900 arbeiten noch 41 Prozent der Bevölkerung der Vereinigten Staaten in der Landwirtschaft; hundert Jahre später sollten es nur noch 2 Prozent sein.

Der Erste Weltkrieg, die Spanische Grippe von 1918 sowie die Revolution in Russland ab 1917 – sie reissen Millionen von arbeitsfähigen Menschen aus der Bevölkerung – mögen die Auswirkungen der zweiten industriellen Revolution auf die Arbeitsmärkte und das Lohnniveau zwar dämpfen, doch auch diese Epoche ist von Ängsten im Zusammenhang mit der Automatisierung begleitet.

Der tschechische Schriftsteller und Theaterautor Karel Čapek führt 1920 beispielsweise das dystopische Stück «R.U.R.» auf, in dem humanoide Maschinen – Čapek prägt für sie den Begriff «Roboter» – die Menschheit kurzerhand vernichten.

Doch auch für die zweite industrielle Revolution gilt: Die zentrale Frage dreht sich nicht um das Thema Massenarbeitslosigkeit, sondern um die Verteilung des geschaffenen Wohlstandes.

Das erste seriell in grosser Stückzahl hergestellte Automobil: Fertigungsstrasse für das Ford Model T. Bild: Bettmann/Getty

Niemand beschreibt es besser als John Maynard Keynes, der 1930 einen Essay mit dem Titel «Economic Possibilities for Our Grandchildren» veröffentlicht. Darin warnt der britische Ökonom zwar vor «technologischer Arbeitslosigkeit», wenn der Einsatz von Maschinen in der Wirtschaft menschliche Arbeitskraft obsolet macht. Doch Keynes fügt an, dass dies bloss ein vorübergehendes Phänomen sei. Wichtiger sei die Erkenntnis, dass der technische Fortschritt auf lange Sicht den allgemeinen Wohlstand fördere und es den Menschen erlaube, weniger zu arbeiten.

«In hundert Jahren wird der Wohlstand auf das Vier- bis Achtfache gestiegen sein», schreibt Keynes, und: «Drei Stunden Arbeit pro Tag, fünfzehn Stunden pro Woche, werden genügen.»

Endlich, schliesst Keynes, werden die Menschen komfortabel und zufrieden leben und genügend Zeit haben, um sich nebst der Lohnarbeit auch anderen, höheren Freuden widmen zu können.

Die dritte industrielle Revolution: Computer und Roboter

Die dritte industrielle Revolution schliesslich beginnt in den frühen 1960er-Jahren. Der Computer beginnt seinen Siegeszug, in den Autowerken von Detroit tauchen erste Roboter, schwerfällige, Funken sprühende Monster, auf. Nun beginnt die Automatisierung von Fabrikjobs im grossen Stil.

Erste Grosscomputer im Einsatz: 1960. Bild: Hulton Archive/Getty

Die Furcht vor Arbeitsplatzverlusten ist in den USA – genauso in Europa – während dieser Zeit so hoch, dass Präsident Lyndon B. Johnson ein Komitee mit dem klingenden Namen «The Ad Hoc Committee on the Triple Revolution» einsetzt, um die Umwälzungen in der Wirtschaft zu untersuchen.

Das Gremium kommt zum Schluss, dass der technologische Fortschritt zu begrüssen sei, weil er den allgemeinen Wohlstand fördere und der Bevölkerung ein Leben in «Überfluss und Komfort» ermögliche. Weil die Automatisierung unter den Arbeitnehmern aber auch zahlreiche Verlierer produziere, empfiehlt die präsidiale Kommission den Aufbau kostenfreier staatlicher Bildungseinrichtungen sowie die Einführung eines staatlichen Grundeinkommens für alle Einwohner des Landes.

Aus den Empfehlungen der Kommission wird zwar nichts, doch auch in der dritten industriellen Revolution gilt: Nicht das Problem der Massenarbeitslosigkeit muss gelöst werden, sondern die Verteilungsfrage. Der Futurologe Herman Kahn schreibt 1967, eine Viertagewoche sowie dreizehn Wochen Ferien pro Jahr seien für die Arbeitnehmer in den USA nur noch eine Frage der Zeit.

Schöpferische Zerstörung am Werk

Alle früheren industriellen Revolutionen zeigen: Stets führten technologische Neuerungen zu erheblichen Verwerfungen in der Wirtschaft, und stets waren diese von Ängsten vor Arbeitsplatzverlusten begleitet.

Nie haben sich die düsteren Prognosen bewahrheitet. Stets wurden zwar zahlreiche Jobs obsolet, doch gleichzeitig entstanden rund um die neuen Technologien auch neue, in der Regel höherwertige Arbeitsplätze: Das ist das, was der österreichisch-amerikanische Ökonom Joseph Schumpeter 1942 mit dem Begriff «schöpferische Zerstörung» umschrieb.

Werden repetitive, niederwertige Arbeitsschritte automatisiert, spielt das Arbeitskapazitäten für höherwertige Aufgaben frei. Der MIT-Ökonom David Autor, der seit Jahren auf dem Feld forscht, unterscheidet zwischen menschlichen Arbeitsprozessen, die von Maschinen ersetzt werden, und solchen, die von Maschinen ergänzt werden. Im ersten Fall werden Arbeitsstellen vernichtet, im zweiten Fall jedoch veredelt.

In einem Essay mit dem Titel «Why Are There Still So Many Jobs?» aus dem Jahr 2015 illustriert David Autor das Konzept anhand des Bancomaten: Er wurde ab den späten 1970er-Jahren in grosser Zahl in den USA eingeführt, was es den Bankkunden fortan ermöglichte, Geld abzuheben, ohne einen bedienten Bankschalter aufzusuchen. Trotzdem stieg im Zeitraum von 1980 bis 2010 die Zahl der Schalterangestellten in amerikanischen Banken um rund zehn Prozent.

Der Grund: Durch die kostengünstige Automatisierung eines niederwertigen Prozesses – der Ausgabe von Bargeld – konnten die Banken ihre Angestellten für höherwertige Arbeiten, beispielsweise in der Beratung, einsetzen. Dadurch wiederum stieg die Produktivität und die Profitabilität der einzelnen Filialen, was den Bankkonzernen den Anreiz gab, mehr Filialen zu eröffnen.

Ein weiteres Beispiel für den volkswirtschaftlich nützlichen Einsatz einer neuen Technologie liefern die Autorinnen und Autoren einer Studie des McKinsey Global Institute: Sie kommen zum Schluss, dass der Einsatz des Personal Computer in der amerikanischen Wirtschaft ab den 1980er-Jahren zwar rund 3,5 Millionen Arbeitsplätze zerstört, gleichzeitig aber mehr als 19 Millionen neue Jobs geschaffen hat.

Die letzte Domäne des Menschen

Die Wirtschaftshistorie der vergangenen rund zweihundert Jahre stärkt also die Vermutung, dass auch die vierte industrielle Revolution keine allzu grossen Sorgen bereiten sollte.

Alte Jobs verschwinden, neue Jobs entstehen, die Produktivität steigt, die Wirtschaft und damit der allgemeine Wohlstand wächst.

Alles kein Problem also. Trotzdem bleibt die Frage: Was, wenn es dieses Mal anders ist?

Zwei Gründe sprechen dafür, dass der Vergleich mit den drei früheren industriellen Revolutionen möglicherweise hinkt. Erstens die Geschwindigkeit der technologischen Fortschritte. Und zweitens die Art der Automatisierung, die durch den Einsatz selbstlernender Systeme möglich sein wird.

Zunächst zur Geschwindigkeit: Den drei früheren industriellen Revolutionen ist gemein, dass sie sich über einen Zeitraum von rund dreissig Jahren abgespielt haben. Das heisst, es waren lang gezogene, generationenübergreifende Prozesse, die den Unternehmen, den Arbeitnehmern, der Politik, dem Bildungssystem – der gesamten Gesellschaft also – genügend Zeit zur Anpassung einräumten.

Die heutige Entwicklung zeichnet sich durch grosse technologische Durchbrüche in immer kürzeren Zeitabständen aus. Noch 2015 schrieb der MIT-Ökonom David Autor in einer Studie über die Auswirkungen von künstlicher Intelligenz auf die Arbeitsmärkte, dass der Leistungsausweis von selbstlernenden Systemen auf Feldern wie Sprach- oder Bilderkennung immer noch erbärmlich sei.

Diese Einschätzung gilt nicht mehr. Heute sind selbstlernende Systeme bereits besser in der Sprach- und Bilderkennung als Menschen. «Wir werden noch überrascht sein, wie viele Arbeitsprozesse in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren von selbstlernenden Systemen übernommen werden können», sagt Neil Jacobstein, Robotikexperte an der Singularity University, einer Denkfabrik im Silicon Valley.

Ermöglicht wird dieses Entwicklungstempo durch den vergleichsweise geringen Kapitaleinsatz, der damit verbunden ist. Anders als in früheren industriellen Revolutionen geht es heute nicht mehr um Hardware – also Fabriken, Fertigungsstrassen und riesige Roboter –, sondern primär um Software und Rechenleistung. Und die wird laufend günstiger.

Das führt zum zweiten grossen Unterschied zu früher: der Art der Automatisierung, die künftig möglich sein wird. Waren es in den früheren industriellen Revolutionen stets muskelbasierte, manuelle Arbeiten, die von Maschinen übernommen wurden, betrifft es heute kognitive Arbeiten: die letzte Domäne der Menschen.

Jeder Arbeitsprozess, der definierten Regeln folgt und damit codierbar ist, kann von Maschinen übernommen werden. Weil sie innert Sekunden auf Millionen von Erfahrungswerten zugreifen können, sind selbstlernende Systeme etwa bereits heute treffsicherer in der Diagnose von Krankheitsbildern als Ärzte.

Geschützt bleiben vorderhand nur Arbeiten, die auf menschlichem Urteilsvermögen, Intuition und Kreativität beruhen. Doch auch diese sind mittel- bis langfristig bedroht, denn selbstlernende Systeme sind über die Erkennung von Mustern aus grossen Datenmengen immer besser in der Lage, ein induktives Urteilsvermögen zu erlangen. Man muss einem Computer heute nicht mehr abschliessend einprogrammieren, was eine Katze oder ein Stuhl ist. Er lernt es selbst.

Damit gilt die einstige Maxime nicht mehr, wonach Computer nur verrichten können, was mittels eindeutiger Regeln codierbar ist.

Die Frage der Verteilung des Wohlstandes

Wie wird die Geschichte dereinst über die vierte industrielle Revolution urteilen? Wir wissen es nicht. Wir wissen noch nicht, was die Effekte der vierten industriellen Revolution auf Wirtschaft, Arbeitsmärkte und Gesellschaft sein werden.

Wir wissen auch nicht, wo auf der Welt sie am stärksten zutage treten werden. Denn die vierte industrielle Revolution betrifft längst nicht mehr nur die hoch entwickelten Nationen, sondern möglicherweise sogar in noch stärkerem Ausmass die aufstrebenden Volkswirtschaften, allen voran China.

Ein Beispiel: Der taiwanische Riesenkonzern Foxconn, der in Asien mehr als 1,2 Millionen Menschen in der Fertigung von Smartphones und Laptop-Computern beschäftigt, investiert im grossen Stil in Roboter, die in der Lage sind, auch die kleinsten und kniffligsten Fertigungsprozesse zu automatisieren.

Die Regierung Chinas hat die Herausforderung erkannt und ist in die Offensive gegangen: Staatspräsident Xi Jinping hat angeordnet, dass China auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz und des Machine-Learning bis im Jahr 2030 die USA von der Spitze verdrängt haben soll. Chinesische Internetgiganten wie Tencent, Baidu und Alibaba sind in der praktischen Anwendung von selbstlernenden Systemen schon heute ihren Pendants in den Vereinigten Staaten ebenbürtig.

Vielleicht wiederholt sich das Muster vergangener industrieller Revolutionen, und rund um die neuen Technologien entstehen genügend neue Arbeitsplätze, die die Verluste aus der Automatisierung kompensieren.

Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Doch angenommen, die vierte industrielle Revolution wird tatsächlich dazu führen, dass im grossen Stil von Menschen verrichtete Arbeiten automatisiert werden: Wäre das schlimm?

Nicht zwingend. Isoliert betrachtet mögen die Worte Keynes’ aus dem Jahr 1930 naiv wirken, doch im Kern hatte er recht. Technologischer Fortschritt führt zu einer Steigerung der Produktivität, des Wachstums und damit zu mehr Wohlstand in einer Volkswirtschaft.

Die Menschen müssen heute bei markant höherem Wohlstandsniveau deutlich weniger Lohnarbeit leisten als zu Keynes’ Zeiten.

In zahlreichen Industrieländern – vor allem in Japan, bald aber auch in Deutschland, Italien oder China – schrumpft die Zahl der arbeitenden Bevölkerung ohnehin. Da wird Automatisierung zur Notwendigkeit, um Knappheit am Arbeitsmarkt zu beheben und das Wohlstandsniveau zu halten.

Am Ende werden sich die Auswirkungen der vierten industriellen Revolution wiederum an Verteilungsfragen entscheiden: Wie gestalten die einzelnen Staaten ihr Bildungssystem, um die Menschen auf die neuen Realitäten der modernen Arbeitswelt vorzubereiten? Wie begegnen sie dem Problem der wachsenden Ungleichheit? Wie verändern sie ihr Steuersystem, um den Wandel von menschlicher zu maschineller Arbeit zu begleiten? Und wie gehen sie mit den Verlierern des technologischen Wandels um?

Das sind grosse Herausforderungen für die verschiedenen politischen Systeme in West und Ost: Werden sie negiert oder falsch gelöst, werden die Staaten in Europa und Nordamerika noch anfälliger für populistische Tendenzen – Politiker, die den verunsicherten Einwohnerinnen und Einwohnern einfache Lösungen für komplexe Probleme bieten –, während in Staaten wie China das Modell «Arbeit und Wachstum gegen politische Ruhe» auf dem Spiel steht.

Themen wie das bedingungslose Grundeinkommen oder Robotersteuern werden schon bald wieder auf der politischen Agenda stehen. Zwangsläufig. Auch in der Schweiz. Und das ist gut so.

Dass es am Ende in der Frage zwischen Mensch und Maschine immer um die Frage nach der Verteilung des erzielten Wohlstandes geht, illustriert eine herrliche Anekdote aus den frühen 1950er-Jahren, wobei sich nicht schlüssig ergründen lässt, ob und wann genau sie sich zugetragen hat:

Der Autobaron Henry Ford II soll dem mächtigen Gewerkschaftsboss Walter Reuther einst eine mit Robotern bestückte Fabrikhalle in Detroit gezeigt haben.

«Walter, wie willst du diese Roboter dazu bringen, Gewerkschaftsbeiträge zu bezahlen?», soll Ford sein Gegenüber gefragt haben.

«Wie willst du sie dazu bringen, deine Autos zu kaufen?» war die Antwort von Reuther.

Welche Auswirkungen wird die vierte industrielle Revolution haben?

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… aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»


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