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Zuckerbergs Monster

Facebook war einmal ein soziales Netzwerk. Und hat sich in eine Manipulationsmaschine verwandelt. Sie bedroht die Demokratie. Es gibt nur eine Möglichkeit, sie in den Griff zu bekommen. Eine Analyse in sieben Kapiteln.

Von Adrienne Fichter, 14.01.2018

So sieht er sich besonders gern, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, hier beim Selfie mit amerikanischen Jungunternehmerinnen: Als jemand, der Menschen zusammenbringt. Doch seine Plattform bewirkt das Gegenteil. Sie spaltet, isoliert, manipuliert. Bild: Jeff Roberson/AP/Keystone

Prolog

Geläutert möchte er wirken. Zerknirscht sieht er aus. Es ist der 21. September 2017, Mark Zuckerberg sitzt in Jeans und braunem T-Shirt in seinem gläsernen Büro in der Facebook-Zentrale und spricht per Videobotschaft zur Welt. Sagt: Er sei fassungslos, dass man seine Plattform missbraucht habe für politische Propaganda. Sagt: Das dürfe nicht wieder vorkommen. Sagt: dass sich nun vieles ändern werde.

Er liest vom Teleprompter ab. Einen 9-Punkte-Plan, der die «Integrität von politischen Wahlkämpfen» wahren soll. Verspricht: Man werde politische Werbung transparenter machen, weltweit mit Wahlbehörden zusammenarbeiten. Und muss am Ende doch zugeben: «Wir werden zukünftigen Missbrauch nicht verhindern können.»

2016 und 2017 bescherten Facebook den grössten Geldregen seiner Geschichte. Und beschädigten das Image des sozialen Netzwerks. Politiker in aller Welt nahmen Zuckerberg und Co. ins Visier. Das FBI wurde hellhörig. Und Aktivistinnen wandten sich ab.

Es ist noch nicht lange her, da vernetzten sich auf Facebook Demonstranten, um Diktatoren zu stürzen. Dann enterten Rechtspopulisten die Plattform, um dort ihren Hass auszukübeln.

Es ist noch nicht lange her, da wollte Facebook die «beste personalisierte Nachrichtenseite» der Welt sein. Dann wurde es zum Durchlauferhitzer für Fake-News.

Es ist noch nicht lange her, da sollte die Plattform «meaningful conversations» befeuern, relevante Diskussionen. Doch dann kaperten in- und ausländische Strippenzieher die Facebook-Werbemaschine – und mischten sich in Wahlen ein. Nagten an der Glaubwürdigkeit der politischen Meinungsbildung. Zielten auf das Herz der Demokratie.

Es ist noch nicht lange her, da war Facebook ein soziales Netzwerk neben vielen anderen. Doch dann wurde der Konzern zum Staubsauger. Was mit ihm konkurrierte, wurde aufgekauft oder kopiert. Inzwischen hat Facebook einen guten Teil der weltweiten Online-Kommunikation aufgesogen.

Hass, Fake-News und die Manipulation von demokratischen Wahlkämpfen – Zuckerberg wird die Geister, die er rief, nicht mehr los.

Nein, Mark Zuckerberg ist kein schlechter Mensch. Gierig ist er, gewiss. Grössenwahnsinnig, das auch. Hat fahrlässig gehandelt. Aber er war immer liberal gesinnt und wurde nicht müde zu wiederholen: «Auf unserer Plattform gibt es keinen Platz für Hass.»

Es ist die alte Ballade vom Zauberlehrling, die Zuckerberg ein weiteres Mal aufgeführt hat: Die Geister, die er rief, wird er nun nicht mehr los. Er hat eine Kommunikationsplattform geschaffen, die sich in ein Manipulationsmonster verwandelt hat. Eine Maschine, so komplex und so unübersichtlich, dass sie unbeherrschbar geworden ist. Eine Kreatur, die ihr Eigenleben entwickelt hat – und nun gefüttert wird von jenen, die Böses im Sinn haben.

Soeben hat die Organisation Media Matters ihm den unrühmlichen Titel «Misinformer of the Year» verliehen. Er befindet sich in schlechter Gesellschaft. Mit Medienmogul Rupert Murdoch. Und der ehemaligen Kandidatin für die US-Vizepräsidentschaft, Sarah Palin. Zuckerberg wollte die Welt besser machen. Er hat sie schlechter gemacht.

Wobei: Ist es nur seine Schuld? Facebook – sind wir das nicht alle?

Wer verstehen will, wie Mark Zuckerbergs Monster in die Welt kam, muss einen Schritt zurücktreten. Bis in das Jahr 2004. Und sich dann langsam, Schritt für Schritt, in die Gegenwart vorantasten. Um jene verhängnisvolle Kette von Fehlentscheidungen zu verstehen, die dazu führten, dass Facebook weltweit von Intellektuellen und Aktivisten für den Zerfall ihrer Demokratie verantwortlich gemacht wird.

Kapitel 1: Mehr Mitglieder

Wir schreiben das Jahr 2004. Facebook heisst noch TheFacebook, ist ein paar Monate alt und hat nur einige zehntausend Mitglieder, vor allem Studenten an amerikanischen Universitäten. Da treffen sich in einem edlen New Yorker Restaurant drei Männer und eine Frau. Sie lassen Thunfisch-Tatar herantragen, Hummer, glasiertes Fleisch mit Ingwerkonfitüre, dazu tablettweise Apple Martini. So hocken sie zusammen und diskutieren, wie es weitergehen soll mit dem Netzwerk.

Mark Zuckerberg, der sich Facebook ausgedacht hat.

Eduardo Saverin, der Finanzchef von TheFacebook.

Dessen Freundin Christy.

Sean Parker, ein Investor. Mitgründer der Musiktauschbörse Napster.

Sean Parker ist ein guter Erzähler. Die anderen hängen an seinen Lippen. Investorenkämpfe, Gerichtsprozesse und Start-ups, die manche über Nacht zum vielfachen Millionär machen. Zuckerberg ist begeistert. Christy ist begeistert. Nur einer zieht ein langes Gesicht: Finanzchef Saverin. Eifersüchtig starrt er den vermeintlichen Blender an.

Und dann richtet er eine Frage an Investor Parker:

Saverin: Mark und ich streiten uns wegen einer Sache. Ich finde, es ist Zeit, Geld mit TheFacebook zu verdienen. Mark ist dagegen. Wer hat recht?

Parker: Keiner von euch versteht wirklich, wie cool TheFacebook ist. Denn genau dafür ist es gemacht, nämlich um cool zu sein.

Zuckerberg: Ja!

Parker: Das möchtet ihr nicht ruinieren. Doch genau das würde Werbung tun.

Zuckerberg: Genau!

Parker: Das ist, als ob du die heisseste Party auf dem Campus schmeissen würdest und jemand verkündete, dass diese Party um 23 Uhr zu Ende sein wird.

Zuckerberg: Das ist es!

Parker: Ihr wisst gar nicht, was das Ding ist, wie weit man damit noch gehen kann. Eine Bewertung von einer Million Dollar ist nicht cool. Wisst ihr, was wirklich cool ist?

Saverin: Du etwa?

Parker: Eine Milliarde Dollar!

Der Satz sitzt. Zuckerberg ist entflammt. Saverin schweigt beleidigt. Ihm ist klar, dass er sich mit seiner Strategie nicht durchsetzen wird. Dass ihn Parker soeben enttront hat. Dass sein alter Kumpel Mark lieber cool bleiben will. Wachsen will. Geld verdienen? Später.

Bekannt ist diese Szene aus dem Film «The Social Network». Darin wird nacherzählt, wie Facebook gross geworden ist. Vielleicht fielen nicht exakt diese Worte. Vielleicht fand das Treffen auch in einer Cocktailbar statt. Aber dass es sich so ähnlich zugetragen hat, das ist verbürgt.

Kurze Zeit darauf bugsiert Mark Zuckerberg seinen Finanzchef Saverin auf ein Abstellgleis. Sean Parker hingegen, der coole Investor, erhält sieben Prozent der Anteile von TheFacebook – und wird der erste «Präsident» der Plattform, eine Art CEO.

Wachstum, Wachstum, Wachstum. Das ist nun die Devise. So lange, bis Millionen Menschen die Plattform nutzen. Bis Facebook richtig viel wert ist. Eine Milliarde Dollar, zwei Milliarden Dollar. 500 Milliarden Dollar. Das ist, Stand Anfang 2018, tatsächlich der Wert an der Börse.

Kapitel 2: Mehr Geld

Wir schreiben das Jahr 2012. Fast eine Milliarde Menschen haben jetzt ein Facebook-Profil, und sie posten dort das, was Menschen nun einmal posten: Katzenfotos. Strandfotos. Geburtstagsfotos. Sportfotos. Ich am Morgen, ich am Nachmittag, ich am Abend. Schaut mal, wie gut es mir geht. Alter, was war ich betrunken.

Facebook ist ein «social network», ein soziales Netzwerk, auf dem die Menschen miteinander kommunizieren. Ist jemals so viel geschrieben worden in der Geschichte der Menschheit? Eine Logorrhö ist ausgebrochen, ein Sprechdurchfall, eine die ganze Welt umfassende Geschwätzigkeit, und die Experten streiten: Ist das jetzt gut, oder ist das jetzt schlecht, diese fortwährende Sucht nach Bestätigung, diese Lust am Teilen von allem Möglichen, dieser sich aus innersten Wünschen speisende Drang zur Selbstdarstellung?

Am 17. Mai 2012 geht der Konzern an die Börse. Über Nacht wird Mark Zuckerberg zu einem der reichsten Menschen der Welt. Doch kaum wird die Aktie gehandelt, halbiert sich der Kurs. Banken und Hedgefonds, die in grossem Stil Aktien geordert haben, laufen Sturm. Mehr User? Schön und gut. Aber wo bitte bleiben die Einnahmen? Wo bleibt das Cash? Man möchte doch jetzt bitte mehr Werbung zulassen. Nicht die mickrigen, an den Rand gedrängten Ads, die kaum auffallen und von den Nutzern geflissentlich ignoriert werden. Nein, Anzeigen, mitten hineinplatziert ins Geschehen, in den Newsfeed, zwischen die Ferienfotos und die Statusberichte.

Die Party ist vorbei. Facebook wird uncool. Fünf Angestellte hat die Werbeabteilung zu diesem Zeitpunkt. Bald sitzen dort Hunderte. Nicht lange, und Facebook wird mit Anzeigen – «gesponserten Beiträgen» – geradezu überflutet. Wer auf seinem Handy Facebook durchblättert, wird bald mit Werbung bombardiert. Auf Mobilgeräten ist fast jedes dritte Posting eine Werbung. Für Sofas, Seminare und Sonderangebote aus dem Supermarkt um die Ecke.

Mehr als 80 Prozent seines Umsatzes wird Facebook schliesslich mit Werbung auf dem Smartphone erzielen. Mehr als 5 Millionen Kunden werden Millionen von Anzeigen im Wert von über 2,3 Milliarden Dollar schalten, Monat für Monat, in aller Welt.

«Hacker Square» heisst der zentrale Platz der Facebook-Zentrale, das riesige Wort «hack» ist angeblich noch beim Landeanflug auf San Francisco lesbar. «The Hacker Way» hat Zuckerberg die interne Firmenkultur genannt. Und meinte: die permanente Revolution. Bild: Gensler/Facebook

Anzeigenkunden lieben Facebook. Weil sie hier so punktgenau auf ihre Kunden zielen können. Auf Katzenliebhaber, Schwangere, Judenhasser. Facebook weiss alles. Wo du wohnst, wie du aussiehst, wer deine Freunde sind, welche Hobbys du hast, welche politische Meinung, welche sexuelle Orientierung. Ob du ein glücklicher Mensch bist oder suizidgefährdet. Ein Datenschatz aus purem Gold. Eifrig beginnt Mark Zuckerberg, danach zu schürfen.

Kapitel 3: Mehr Relevanz

Wir schreiben das Jahr 2013. Mehr als 1,2 Milliarden Menschen besitzen ein Facebook-Profil. Die Umsätze steigen und steigen. Mark Zuckerberg ist in diesem Jahr geschätzte 19 Milliarden Dollar schwer. Doch das reicht ihm nicht. Er will mehr.

Neidisch schielt er auf Twitter. Dort diskutieren die Staatsmänner und Filmstars, die Journalistinnen und Aktivisten. Dort wird Geschichte geschrieben und Politik gemacht. Ereignet sich irgendwo auf der Welt ein Erdbeben, ist schlagartig #earthquake das Thema. Ereignet sich irgendwo auf der Welt ein Terroranschlag, brummt Twitter binnen Minuten von Meldungen und Augenzeugenberichten. Katzenbilder? Nein, Debatten. Rezeptideen? Kaum, stattdessen immer wieder auch gewichtige Sätze von bedeutsamen Menschen, die wenig später für Schlagzeilen sorgen.

Facebook hingegen hat den Ruf eines Kinderplanschbeckens. Während Twitter der Salon ist, in dem zigarrenpaffende Dandys Kamingespräche führen. Wo die neue Bürgerrechtsbewegung #blacklivesmatter ihren Anfang nimmt. Wo die Feministin Anne Wizorek den #aufschrei lanciert, nachdem die sexistischen Bemerkungen des deutschen FDP-Politikers Rainer Brüderle bekannt geworden sind. Sich auf Facebook über das politische Tagesgeschehen austauschen? Auf diese Idee kommt fast niemand.

Wobei: Fern der europäischen und amerikanischen Öffentlichkeit hat Facebook immer wieder eine politische Rolle gespielt. 2009, als im Iran die Grüne Revolution ausbricht und wenig später niedergeschlagen wird. 2010, als in Tunesien die Jasmin-Revolution ihren Lauf nimmt. 2011, als der Arabische Frühling Diktatoren in Ägypten und Libyen hinwegfegt. Da ist es gerade Facebook, wo sich die Aktivisten vernetzen, die staatliche Zensur unterlaufen, aufrufen zu Demonstrationen, Informationen über Gefangene weitergeben, Attacken der Polizei brandmarken.

Mark Zuckerberg kommentiert das wohlwollend. Er wirkt stolz. Plötzlich zollen ihm Menschen Respekt, die ihn bis dahin belächelt haben. Klopfen ihm Journalisten auf die Schulter, die ihn bis dahin kritisiert haben. Das stachelt Zuckerberg an. Könnte sein soziales Netzwerk, das bis dahin vor allem der Zerstreuung diente, ein Motor des Guten werden? Ein Werkzeug, um die Welt offener, gerechter, demokratischer zu machen? Könnte es gelingen, das «Like» zu einer politischen Währung zu adeln, mit dem selbst Diktatoren gestürzt werden können?

«Die personalisierte Zeitung für jedermann» soll Facebook werden. Doch der Algorithmus läutet das Zeitalter der Fake-News ein.

Zuckerberg sehnt sich nach Relevanz. Spricht immer wieder von «meaningful conversations», die auf Facebook geführt werden sollen. Debatten, die ins Herz der Gesellschaft zielen, uns zusammenschweissen sollen. In den USA, in Europa, in Ländern, in denen Medien schwach sind und vom Staat kontrolliert werden.

Am 7. März 2013 verkündet Zuckerberg, dass Facebook «die personalisierte Zeitung für jedermann» sein wird. Keiner sollte die Plattform mehr verlassen müssen, um sich über das Weltgeschehen zu informieren. In grossem Stil sollen ab sofort Nachrichten die Timelines der Nutzerinnen durchziehen. Und wie immer, wenn Zuckerberg etwas durchsetzen will, wartet er nicht darauf, dass sich die Bedürfnisse der Nutzer verändern – sondern verändert den Algorithmus. Das Herz der Maschine. Der steuert, wem was gezeigt wird. Und das sind eben fortan bevorzugt: News. Reportagen. Analysen.

Für die «New York Times», die «NZZ» und «Zeit Online» brechen nun gute Zeiten an. Was als «Medienseite» registriert ist, wird vom Facebook-Algorithmus bevorzugt. Die Klickzahlen von Nachrichten-Websites schnellen nach oben. Über Jahre hatten die Medienverlage an Online-Reichweite eingebüsst. Nun schaufelt ihnen Mark Zuckerberg die verloren gegangenen Leser zurück auf ihre Seiten.

Es ist ein vergiftetes Geschenk, das Zuckerberg ihnen macht. Denn die Leserinnen surfen die News-Websites ja nicht mehr direkt an. Sondern bleiben im Facebook-Kosmos, von wo aus sie Stippvisiten zur «New York Times», zur «NZZ», zu «Zeit Online» machen. Und so profitiert am Ende wieder einmal Mark Zuckerberg. Die Nachrichten der grossen Medien machen seine Plattform interessanter, ohne dass er dafür einen Rappen ausgeben muss. Während die Verlage nur an Reichweite gewinnen – aber kaum zusätzliches Geld durch die Online-Werbung einnehmen.

Und die Sache hat noch einen weiteren Haken: Der Algorithmus, der die Nachrichten auf die Facebook-Profile der Nutzer spielt, ist dumm. Er kann nicht entscheiden, ob eine Nachricht wahr oder falsch ist. Er unterscheidet nicht zwischen der seriösen «Washington Post» und einer Newsseite, die hobbymässig betrieben wird. Der Algorithmus orientiert sich an den Reaktionen, die eine Nachricht auslöst. Wie schnell sie verbreitet wird. Wie heissblütig sie kommentiert wird. Der Algorithmus springt an auf Emotionen, auf Wut und Empörung, auf Abscheu und Hass. Und es ist nicht mehr weit: das Zeitalter der Fake-News.

Kapitel 4: Mehr Manipulation

Am 16. Januar 2014 stellt Mark Zuckerberg – nur in den USA – ein neues Feature vor: die Trending Topics, eine Liste jener Texte, die auf Facebook gerade besonders viel gelesen werden, von Themen, über die gerade besonders heftig diskutiert wird. Eine Art Medienbarometer, generiert aus den Reaktionen der Nutzer, so scheint es zunächst. Und somit eine ziemlich exakte Kopie der Trending Topics von Twitter.

Doch die Liste der Trends erweist sich als Schwindel. Im Mai 2016 decken Journalisten auf, dass die Trending Topics händisch von eigens angestellten Redaktoren erstellt werden. Nicht die Reaktionen der Nutzer entscheiden über die Platzierung. Sondern Facebook-Mitarbeiter in einem neu geschaffenen Newsroom in New York. Sie setzen die Themen. Der Grund dafür: Noch immer ist das Facebook-Volk nicht besonders politisch. Wie peinlich wäre es, wenn ein lächerliches Star-Video plötzlich ein wichtigeres Thema wäre als der beginnende Wahlkampf in den USA. Wenn sich die bizarre «Ice Bucket Challenge» vor einen Terroranschlag wie gegen das französische Satiremagazin «Charlie Hebdo» schöbe. Also helfen die Redaktoren nach und küren die Top Ten der Trending Topics selbst.

Und noch etwas kommt heraus: Die Trending Topics sind auf dem rechten Auge blind. Zum einen, weil die Journalisten mehrheitlich jung sind und von liberal gesinnten New Yorker Universitäten kommen. Zum anderen, weil sie von ganz oben im Konzern die Vorgabe erhalten haben, den Demokraten nahestehende Medien – wie die «New York Times», CNN oder BBC – als Quellen zu bevorzugen.

Als der Schwindel auffliegt, sind republikanische Politiker entsetzt. Eine Gruppe um den konservativen Senator John Tune verlangt von Mark Zuckerberg eine sofortige Antwort darauf, ob und weshalb man den rechten TV-Sender Fox News aus den Trending Topics verbannt habe.

Facebook dementiert. Zuckerberg schweigt. Doch im Hintergrund handelt man. Stillschweigend entlässt man die Redaktoren. Und lässt die Trending Topics ab sofort von einem Algorithmus bestimmen.

Die künstliche Intelligenz übernimmt nun auch hier das Zepter – und damit wieder die Schwarmdummheit. Immer wieder muss sich Facebook nun entschuldigen, weil sich bizarre Falschmeldungen unter die Trending Topics mischen. Als Hurrikan Harvey die Küste von Texas verwüstet, informieren sich Amerikaner auch via Facebook über die neuesten Entwicklungen. Und sehen Schlagzeilen wie: «Opfer des Hurrikans stürmten eine Moschee in Texas, die sich weigerte, Christen zu helfen». Oder «Die Black-Lives-Matter-Bewegung torpediert die Notfallhilfe für Hurrikan-Opfer». Die Meldungen sind, man ahnt es, frei erfunden.

Zähneknirschend erträgt Mark Zuckerberg diese Schmach. Lieber dumme und falsche Meldungen, als im Ruf zu stehen, dass seine Plattform nicht politisch neutral ist.

Der junge Zuckerberg (2008): genial und gerissen. Bild: Phil Fisk/Camera Press/Keystone

Er selbst ist es nicht. Sein Herz schlägt für die Demokraten. 2016 machen Parteienforscher öffentlich, dass Zuckerberg in den vergangenen drei Jahren elf Mal an die Demokraten gespendet hat, aber nur sieben Mal an die Republikaner. Etwa zur selben Zeiten sickert durch, was Zuckerberg auf einer Betriebsversammlung gesagt hat: «Ich höre beängstigende Stimmen, die den Bau einer Mauer fordern und Andersdenkende diffamieren, diese Stimmen fordern eine Drosselung der Immigration, die Einschränkung des Handels und in einigen Fällen auch eine Blockierung des Internets.» Der Name Trump fällt nicht. Doch das muss er auch nicht. Alle verstehen auch so.

Und dann taucht auf Wikileaks eine E-Mail von Facebook-COO Sheryl Sandberg auf. Sie hat an den Kampagnenchef von Hillary Clinton geschrieben: «Ich möchte immer noch Clintons Sieg. Ich bin da, um euch zu helfen.»

Derweil rücken die US-Präsidentschaftswahlen näher. Privat mag Zuckerberg den Demokraten nahestehen. Doch als es darum geht, die Facebook-Werbemaschine mit den prall gefüllten Kampagnenbudgets der Parteien kurzzuschliessen, dafür zu sorgen, dass möglichst viel Parteienwerbung auf Facebook geschaltet wird – da dreht sich alles nur ums Geld. Egal, woher es kommt.

Das Trump-Lager investiert über 80 Prozent des Wahlkampfbudgets bei Facebook. Geworben wird dort nicht nur für Donald Trump. Sondern auch gegen Hillary Clinton.

Facebook ist politisch neutral, diese Message soll bei allen Kandidatinnen ankommen. Zuckerberg startet eine Charmeoffensive – und entsendet Mitarbeiterteams direkt in die Wahlkampfzentralen von Clinton und Trump. Zu den Demokraten, zu den Republikanern. Ihre Mission: den Kampagnenteams beizubringen, wie man das Optimum aus der Facebook-Werbemaschine herausholt.

Doch nur eine Seite nimmt das Angebot an. Und das sind die Republikaner. Brad Parscale, Digitalchef der Trump-Kampagne, ist begeistert von Zuckerbergs Angebot. Er bohrt sich tief hinein in die Welt des Facebook-Zielgruppen-Marketings. Auf CBS News wird er später die Karten auf den Tisch legen. Erklären, wie es gelang, über Facebook Millionen von Wählern zu erreichen:

Brad Parscale: «Ich wollte alles kennenlernen, jeden geheimen Button, jeden Klick, jede Funktion. Ich habe sie [die Mitarbeiter von Facebook] ausgepresst. Ich sagte ihnen: Ich möchte alles wissen, was ihr auch einer Hillary Clinton sagen würdet, und noch mehr. Und ich möchte, dass ihr mir beibringt, wie ich eure Technologie am besten nutze.»

CBS-Interviewerin Lesley Stahl hakt nach und fragt, ein wenig ungläubig: «Und die Facebook-Experten sind tatsächlich zu Ihnen gekommen, in die Wahlkampfzentrale?»

Parscale: «Ja, sie sollten gleich neben mir sitzen, so habe ich es verlangt.»

Stahl: «Wie haben Sie gewusst, dass es keine trojanischen Pferde sind?»

Parscale: «Weil ich wollte, dass nur republikanisch gesinnte Facebook-Mitarbeiter kommen. Diejenigen, die möchten, dass Donald Trump Präsident wird.»

Stahl: «Oh, Sie wollten nur Republikaner.»

Parscale: «Ja, ich wollte das so.»

Stahl: «Und das haben Sie gekriegt?»

Parscale: «Yeah. [...] Ich habe schon früh kapiert, dass Facebook für Donald Trump entscheidend sein wird. Auf Twitter sieht man, wie er zu den Leuten redet. Aber Facebook wird das Netzwerk sein, mit dem er gewinnen wird.»

Stahl: «Und Facebook war auch das Instrument, mit dem er gewonnen hat?»

Parscale: «Ich denke, ja. Natürlich ist es Donald Trump, der gewonnen hat. Aber Facebook war sein Instrument. Es war die Autobahn, auf der sein Wagen an Fahrt aufnahm.»

Mehrere zehntausend Werbevarianten testet Trumps Marketingprofi Brad Parscale. «Alle tun so, als ob das so schwierig wäre in der Politik», gibt er zu Protokoll. «Dabei ist es dasselbe Spiel wie bei jedem anderen kommerziellen Produkt.»

Von Liberalen erdacht, von Populisten gekapert: Trumps Digitalchef Brad Parscale, hier beim Interview mit CBS, experimentierte wie besessen mit Facebook. Mit Erfolg. Bild: CBS

Über 80 Prozent seines Werbebudgets investiert das Trump-Lager in Facebook-Anzeigen. Digitalchef Parscale nimmt vor allem die Swing States ins Visier. Den weissen, männlichen Wählern lässt er wieder und wieder Trumps Vorschläge und Versprechen zeigen, wie er als Präsident Schulen, Autobahnen und Eisenbahnlinien sanieren, also die marode Infrastruktur auf Vordermann bringen will. Afroamerikaner hingegen bombardiert er mit dem uralten angeblichen Zitat von Hillary Clinton, dass Schwarze «Super-Raubtiere» seien. Variante um Variante testet Parscale, in einem fort tauscht er Begriffe, Farben und Bilder aus.

«Manche mochten den Ausdruck ‹Mitmachen›, andere sprangen auf das Wort ‹Spenden› an. Gewisse User klickten nur auf grüne Knöpfe, andere auf blaue», sagt er. Am Ende gelingt es Parscale, 240 Millionen US-Dollar an Spendengeldern zu sammeln. Und trägt vielleicht entscheidend dazu bei, dass Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wird. Parscale, der Senkrechtstarter, der bis dahin nie eine politische Kampagne geleitet hat. Oder, in den Worten seiner Frau: «Man warf ihn direkt in den Super Bowl [das wichtigste Football-Spiel in den USA], ohne dass er jemals zuvor gespielt hatte. Und er hat gleich gewonnen.»

Barack Obama entschied auch deshalb zwei Präsidentschaftswahlen für sich, weil sein Team perfekt mit sozialen Medien umzugehen verstand. Als er antrat, waren die Demokraten den Republikanern technologisch weit voraus. Doch 2016 geht der Vorsprung verloren. Wird leichtfertig verschenkt. Als die Facebook-Werbeprofis in der Kampagnenzentrale von Hillary Clinton vorsprechen, werden sie abgewiesen. Aus Naivität, Dummheit oder falschem Stolz, weil man selbst etliche Silicon-Valley-Talente ins Wahlkampfteam geholt hat? Das ist bis heute unklar.

Das Facebook-Pendel schlägt nun nach rechts. Bis dahin waren die sozialen Medien das Reich der Linken, der Liberalen, der Demokraten. Nun übernehmen die Rechtspopulisten das Zepter. Und nicht nur in den USA. Sondern auch bei der Brexit-Kampagne in Grossbritannien, vor den Wahlen in Österreich, in Deutschland oder Frankreich.

Oder, in den Worten von Brad Parscale im Interview mit CBS News: «Diese sozialen Plattformen sind alle erfunden worden von Liberalen an der West- und Ostküste. Und wir haben herausgefunden, wie wir damit konservative Werte verbreiten können. Ich glaube nicht, dass die jemals an so etwas geglaubt haben. Die Aussage, die ich am meisten von diesen Techies gehört habe, ist: Ich hätte niemals gedacht, dass Republikaner diejenigen sein werden, die kapieren, wie man diese Maschine am besten nutzt.»

Stahl: «Ein Liberaler kreiert das Netzwerk, und ein Konservativer aus dem Mittleren Westen findet heraus, wie man damit [eine Wahl] gewinnt?»

Parscale: «Und ich glaube, wir nutzen es sogar besser als irgendjemand zuvor in der Geschichte.»

Kapitel 5: Mehr Fake-News

Irgendwann im Jahr 2016 taucht auf Facebook eine obskure Seite auf, die «Liberty Writers News». Unter anderem raunt sie von neuen dunklen Geheimnissen, die Geburtsurkunde von US-Präsident Barack Obama betreffend. Berichtet, dass ein Zeuge, der brisante Informationen über Hillary Clinton besessen habe, tot aufgefunden worden sei. Und so geht es weiter. Falschmeldung um Falschmeldung. Und immer zielen sie gegen die Demokraten, gegen Afroamerikaner, gegen Feministinnen.

Bald kommt heraus, wer diesen Unsinn verzapft: Es sind zwei Kellner, die sich eine Wohnung in Long Beach, Kalifornien, teilen und im Frühjahr 2016 ihre Jobs verloren haben. Also begannen sie abends, auf Facebook ihre politischen Märchen zu erzählen. Zur Primetime des sozialen Netzwerks. Alles, was sie für ihre Lügenmaschine brauchen, sind zwei Notebooks, ein Internetzugang und eine robuste Fantasie. Weil ihre Fake-News millionenfach gesehen werden, verdienen sie zwischen Juni und August 2016 über das Facebook Audience Network bis zu 40'000 Dollar monatlich.

Gegen den politischen Gegner hetzen – und damit auch noch viel Geld verdienen? Das spricht sich herum. Die dubiosen Seiten heissen «Ending the Fed», «The Political Insider» oder «American News». Sie kommen in einem pseudoseriösen Gewand daher, viele kopieren das Layout von CNN. Viele der Seiten sind neu, sind nur einige Monate, höchstens einige Jahre alt. Und werden zum Teil häufiger angeklickt als seriöse Medien mit 100-jähriger Tradition.

Facebook hat Fake-News zwar nicht erfunden. Aber das Netzwerk verhilft ihnen zu Hochkonjunktur. Gerade vor den US-Wahlen, als beide Seiten nach Enthüllungen über den politischen Gegner gieren. Und absurde Schlagzeilen wie «Der Papst ruft auf zur Wahl von Donald Trump» häufiger angeklickt werden als die Enthüllungen über Trumps Steuererklärung.

Die Fake-News-Schreiber beherrschen den Empörungswettbewerb perfekt. Wo Qualitätsmedien Zurückhaltung üben und sachlich informieren, heizen Fake-News-Anbieter wie «Liberty Writers News» die Meinungsmache an: «Nieder mit den Globalisten! Schreibt es in die Kommentare, wenn ihr dieses Land liebt!» Und schon geht es los. Ihre Fans folgen ihnen wie Lemminge. «Nieder mit den Globalisten!», schreibt prompt eine Frau aus Cape Girardeau, Missouri. Die Geschichte ist noch keine fünf Minuten alt, da hat sie schon rund 1200 Leserinnen. «Nieder mit den Globalisten!», schreibt ein Mann aus Las Vegas. Da sind es 1855 Leser. «NIEDER MIT DEN GLOBALISTEN!!!!», schreibt eine Frau aus Helena, Montana. Nun sind es knapp 2000 Leser. Und so geht es weiter und weiter.

Diese Kommentarbefehle stimulieren den Newsfeed-Algorithmus. Er ist unfähig, zwischen Fake-News-Schleudern wie «Info Wars» und seriösen Nachrichtenanbietern wie der «Washington Post» zu unterscheiden.

Zwischen August und dem 8. November 2016 – dem Tag der US-Präsidentschaftswahl – haben die Fake-News-Seiten auf Facebook zusammen eine grössere Reichweite als die seriösen Medien. Und die meisten Fake-News zielen gegen Hillary Clinton, gegen ihren Ehemann, gegen Kampagnenleiter John Podesta. Und loben Donald Trump, die Tea Party, die Libertären. Noch nicht einmal aus politischen Motiven. Sondern weil die Empörung von rechts schlicht mehr Geld einspielt.

Wer sich beim «Facebook Audience Network» anmeldet und mit Facebook-Postings Leute zum Klicken animiert, verdient daran. Egal, ob Journalist, Verschwörungstheoretiker, Studentin oder Beauty-Blogger.

Und dann gewinnt Trump die Wahl. Welche Rolle dabei Fake-News gespielt haben, ist in der Forschung bis heute umstritten. Sicher ist, dass sie dank Facebook Verbreitung fanden. Lange dementiert Zuckerberg eine Mitverantwortung. Ja, hält es für eine «ziemlich verrückte Idee», dass Facebook überhaupt für Fake-News verantwortlich sei. Doch dann zeigt er Reue. Kündigt an, von nun an mit Fact-Checking-Organisationen zusammenzuarbeiten. Fake-News sollen als solche deklariert werden, User können danach selber entscheiden, ob sie den erwiesenen Unsinn weiterverbreiten möchten.

Elf Monate später resignieren die Faktenchecker. Weil Fake-News vor allem in geschlossenen Gruppen geteilt werden. Weil Fake-News auch dann geteilt werden, wenn sie als Fake-News markiert wurden. Und weil die Journalistinnen die Nase voll davon haben, digitale Sisyphusarbeit zugunsten von Facebooks Image zu betreiben.

Nicht nur Fake-News haben den Wahlkampf verzerrt. Im August 2017 fliegt auf, dass auch russische Agenturen eifrig manipuliert haben. Rund 100’000 Dollar gaben sie aus, um Facebook-Nutzern 3000 verschiedene Anzeigenmotive auszuspielen. Pro Trump. 126 Millionen Amerikaner sollen sie gesehen haben. Als das herauskommt, ist die Öffentlichkeit erneut geschockt. Facebook-COO Sheryl Sandberg muss einräumen, dass man keinen Schimmer davon hatte, dass sich Russland in den amerikanischen Wahlkampf einmischte. Man bemerkte nicht, dass die Anzeigen von russischen Internetadressen geschaltet wurden. Man bemerkte nicht die russischen Spracheinstellungen der Auftraggeber. Und nicht, dass Rechnungen in Rubel statt in Dollar bezahlt wurden.

Senator Al Franken gab sich bei den «Tech Hearings» im November 2017 in Washington, wo sich die Technologiekonzerne wegen der russischen Einflussnahme verantworten mussten, darüber erstaunt: «Leute kaufen politische Werbung in Rubel auf eurer Plattform. Ihr verknüpft täglich Milliarden von Datenpunkten miteinander, das ist es doch, was ihr tut. Das ausgeklügeltste System habt ihr kreiert. Und ihr seid unfähig, Rubel und politische Werbung, zwei einfache Informationen, miteinander zu kombinieren und zu merken: Hm, da ist was faul?»

Facebook-Chefjurist Colin Stretch: «Senator, es war ein Zeichen, das wir hätten erkennen sollen und welches uns hätte alarmieren müssen und ja, im Nachhinein, wir hätten es merken sollen.»

Dank Facebook gelingt russischen Agitatoren, was sie in den vielen Jahrzehnten des Kalten Kriegs vergeblich versuchten: die US-Wahlen zu beeinflussen.

Im September 2017 deckt das Recherchebüro Pro Publica auf, dass via Facebook gezielt «Judenhasser» angesprochen werden können, «Nazi-Anhänger» oder Personen, die glauben: «Adolf Hitler hat nichts falsch gemacht». Auch das ist bis dahin eine zulässige Werbekategorie.

Dem Facebook-Werbeanzeigenmanager ist es egal, was die Leute denken. Er klassifiziert sie lediglich anhand ihrer Vorlieben. Je mehr Budget man aufwendet, desto schneller funktioniert zu diesem Zeitpunkt der Genehmigungsprozess. Jemand möchte «9/11-Zweifler», Menschen mit konservativen Familienwerten oder Anhänger der «Nationalen Faschistischen Partei» ansprechen und ist bereit, einen vierstelligen Betrag pro Tag dafür auszugeben? Dann antwortet Facebook: Hey, Ihre Zielgruppenauswahl und Kampagne ist «great»!

Konfrontiert mit den Recherchen von Pro Publica, beteuert Facebook, man dulde keine Diskriminierungen. Und gibt lediglich zu, es gebe «noch einige Arbeit» zu tun. Es ist die Kommunikationsstrategie, die man von Facebook seit langem kennt: zuerst alles abstreiten und erst später, wenn es gar nicht anders geht, das Nötigste zugeben. Zudem: keine Daten an Forscherinnen oder Journalisten herausgeben, den Missbrauch als Einzelfall abtun, den Aufschrei aussitzen, ganz global Besserung geloben.

Und so behauptet Facebook nun allen Ernstes, es kämpfe gegen Diskriminierung. Die «Rassenkategorien» und Nazi-Zielgruppen seien lediglich ein Unfall. Ein Kollateralschaden.

Kritiker sehen sich bestätigt: Facebook handelt grob fahrlässig. Um Werbegeld zu scheffeln, nimmt man den Missbrauch in Kauf. Er ist systemimmanent und eingerechnet. Solange sich niemand beschwert, sind alle möglichen Zielgruppen zu finden: Intellektuelle, Nazis, Anti-Feministen, Holocaust-Leugner, Kommunisten. Erst jetzt, wo der Shitstorm tobt, rudert Facebook zurück. Stückchenweise. Nur so weit, wie man muss, um verbindlicher Gesetzgebung zuvorzukommen. Denn davor fürchtet sich Zuckerberg am meisten: vor Regulierung.

Die politische Polarisierung in den USA ist stark gewachsen. Es ist ein zunehmend zersplittertes Land, das in Interessengruppen zerfällt. Schwarz gegen Weiss, Stadt gegen Land, Liberale gegen Tea Party, Waffennarren gegen Pazifisten. Ein Wir, mit dem sich alle Bürger identifizieren, ist kaum noch zu erkennen. Und die Fake-News, die Desinformationskampagnen auf Facebook, wirken zusätzlich wie Brandbeschleuniger.

Alle möglichen Leute füttern nun Zuckerbergs Monster. Von russischen Agenturen aufgesetzte Fake-Sites etwa. Sie heissen «United Muslims of America» oder «Being Patriotic», sie beackern all jene Themen, über die sich Amerikanerinnen besonders aufregen, eifrig produziert man Pro- und Kontra-Seiten über: Rassenunruhen, Waffenbesitz, mexikanische Einwanderer, Islam, die Rechte von Lesben, Schwulen, Transgenders. Das einzige Ziel dahinter: Zwietracht zu säen. Jede soziale Gruppe mit ihrer Wahrheit zu ködern. Identitätspolitik nennt man das jetzt. Und Facebook liefert das perfekte digitale Instrument dafür.

Die Filterblasen – also das Phänomen, dass wir uns im digitalen Raum nur mit Gleichgesinnten beschäftigen und uns nicht mit politisch Andersdenkenden austauschen – sind Teil des Erfolgsmodells. Genau dafür lieben wir Facebook. Wir lieben es, gerade weil wir uns so einfach mit ein paar Klicks ideologisch voneinander abschotten können. Die sozialen Komfortzonen ausbauen, ohne sie je verlassen zu müssen. Facebook ist populär, weil es uns einschränkt, unseren Horizont begrenzt. Es ist das absolute Gegenteil von einer globalen Gemeinschaft, dem Wunschtraum von Mark Zuckerberg.

Kapitel 6: Mehr Desinformation

Wir schreiben das Jahr 2017. Weltweit sind die Populisten auf dem Vormarsch, gewinnen an Einfluss, drücken die Gesellschaften nach rechts. Früher, sagt der ägyptische Blogger Wael Ghonim, sei Facebook ein Ort für Crowdsourcing und politisches Engagement gewesen. Jetzt ist es ein polarisiertes Schlachtfeld. Ghonim trug mit seiner Facebook-Seite dazu bei, den ägyptischen Revolutionsfrühling auszulösen. Später sagte er in einem TED-Talk: Wir wollten eine Demokratie, stattdessen haben wir eine «Mob-okratie» erhalten. Er meint damit: Der Facebook-Algorithmus stachele die Leute dazu an, Lärm zu machen. Denn wer mehr Lärm macht, erhält mehr Gehör. Ghonim, der heute für Google arbeitet, war einmal begeisterter Fan der sozialen Medien. Heute ist er überzeugt, Facebook sei für den Zerfall der Gesellschaft mitverantwortlich.

Eben noch wurden Diktatoren mithilfe von Facebook gestürzt. Jetzt haben die Diktatoren begriffen, wie sie die Plattform nutzen können, um ihre Herrschaft zu sichern. Sie züchten Hasskommentarschreiber heran, um gegen Oppositionelle zu hetzen. Sie lassen Fake-News erfinden, um politische Gegnerinnen zu verunglimpfen. Sie lassen Gerüchte in Umlauf bringen, um Minderheiten in Verruf zu bringen.

In Burma findet gerade eine Hetzkampagne gegen die muslimische Minderheit der Rohingya auf den sozialen Medien statt. Buddhistische Mönche posten Bilder von Menschen, die angeblich von Rohingya getötet worden seien. Auf der Facebook-Seite des burmesischen Militärs ist von «bengalischen Terroristen» die Rede. Selbst Burmas Regierungschefin, Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, teilt solche frei erfundenen Hassgeschichten über die Rohingya auf ihrem Profil. Sie selbst leugnet die ethnischen Säuberungen, das seien Fake-News, sagt sie. In Burma, wie in so vielen anderen Ländern der Dritten Welt, ist Facebook nicht zuletzt deshalb beliebt, weil das soziale Netzwerk Bestandteil eines kostenlosen Angebots der Telekom-Anbieter ist. Für nicht wenige Leute ist Facebook das Internet. Sie haben wenig Erfahrung mit Medien. Sie glauben, was sie auf Facebook lesen.

Aktivisten und Journalisten warnen Facebook, dass Regimes die Plattform nutzen, um Gegner zu verfolgen. Reaktion von Facebook: keine.

Facebook hält sich raus. Ist neutral. Und im Zweifelsfall auf der Seite der Mächtigen. Unterhält Partnerschaften mit Regierungen. Schaut lieber weg, als dass es einen politischen Missbrauch der Plattform anprangert.

Maria Ressa von der investigativen philippinischen News-Website «Rappler» reist in die USA, um mit Verantwortlichen zu reden. Sie trifft Kongressabgeordnete, Facebook-Manager, Vertreter der demokratischen Parteileitung. Danach schickt sie eine E-Mail an die Facebook-Chefs. «Bitte schauen Sie zu uns rüber, in die Philippinen. Sie haben zwar Massnahmen in Europa ergriffen, aber bei uns ist die Gefahr viel grösser. Facebook wird [vom philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte] benutzt, um einzuschüchtern, zu hetzen und um Leute zu verfolgen. Mir graut davor, wo das hinführt. In Liebe. Maria.» Bis heute hat sie keine Reaktion erhalten.

Im Westen mögen Fake-News verstören, in Asien, Lateinamerika oder Südafrika können sie töten. Doch diese Regionen haben keine schlagkräftige politische Lobby in Washington.

Kapitel 7: Mehr Kontrolle

Wir schreiben das Jahr 2018. In wenigen Monaten wird in Italien gewählt. Egal, wer Sie sind und wo Sie wohnen, Sie können von Ihrem Wohnzimmer aus diesen Wahlkampf beeinflussen. Sie eröffnen eine Seite, wählen den Facebook-Werbemanager, nennen jene italienische Wählergruppe, die Sie ins Visier nehmen wollen, also etwa die urbanen, lebensfrohen Hipster in Rom oder die besorgten Familienväter in Sizilien, buchen 20’000 Euro von Ihrer Kreditkarte ab und sorgen damit über Wochen für ein permanentes digitales Grundrauschen Ihrer Wahl im italienischen Wahlkampf.

Ein konservativer Multimillionär wie Robert Mercer, der mit seiner Firma Cambridge Analytica bereits die Finger beim Brexit im Spiel hatte und auch bei der US-Wahl, könnte für ein paar hunderttausend Dollar die Facebook-Werbefläche der Schweiz tapezieren und jedem ein anderes Wahlversprechen präsentieren. Denn das politische System souveräner Staaten, wonach sich niemand in fremde Angelegenheiten einmischen darf, gilt hier nicht mehr. Jeder kann heute, Facebook sei dank, bei Wahlkämpfen mitreden. Facebook und der Nationalstaat – sie sind nicht miteinander kompatibel.

Der Konzern hat versprochen zu handeln. Will die nationalen Gesetze respektieren, den Prozess für politische Werbung hürdenreicher gestalten. Neu sind nun tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Genehmigungsverfahren zuständig. Und auch die künstliche Intelligenz soll endlich klüger werden und Betrüger erkennen. Es wird nichts nützen. Egal, wie oft man die Hydra der politischen Manipulation köpft – der Schlange werden stets mehr Köpfe nachwachsen. Egal, wie viele Filter die Facebook-Programmierer einbauen werden – täglich fliessen die Datenströme von fünf Millionen Anzeigenkunden durch den Apparat. Diese Datenflut ist schlicht zu gross. Facebook könnte Zehntausende weitere Begutachter einstellen, die Anzeigen prüfen. Und wird doch stets hinterherhinken.

Im September 2017 berichtet CNN über die mazedonische Stadt Veles. Der Ort war schon einmal in den Schlagzeilen. Als bekannt wurde, dass dort Jugendliche mit Pro-Trump-Seiten viel Geld verdienten, mit komplett frei erfundenen Fake-News. Damals war der Aufschrei riesig. Doch noch immer lebt halb Veles von der Stimmungsmache in den USA. In ihrem Beitrag erzählt die CNN-Journalistin, wie schwer es sei, jemanden zu finden, der offen über das Fake-News-Geschäft redet. Tagelang telefoniert sie herum. Schliesslich meldet sich ein Mann und erklärt sich bereit, Einsichten in sein Business zu geben.

Fake News für die USA, frisch in Mazedonien zusammengerührt. Bild: Screenshot

Er ist 22 Jahre alt und betreibt unter anderem die Pro-Trump-Fanpage «365 News». Die eng mit seiner Website «24 Insider» zusammenarbeitet, auf der unter anderem vermeldet wird, dass ein Terrorist, der ein «Weihnachtsmassaker» plante, der Antifa angehörte. Gut 600 US-Dollar, erzählt der junge Mazedonier, habe er an diesem einen Tag mit der Aufbereitung von Fake-News verdient. Am Tag zuvor seien es 570 Dollar gewesen. Und das sei erst der Anfang. Man laufe sich warm. Man habe hier die US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020 im Blick. Wenn die Emotionen noch höher kochen, wenn Fake-News Konjunktur haben.

CNN-Reporterin: «Sie wissen nicht, ob das stimmt, was Sie schreiben?»

Mazedonier: «Ich weiss es nicht, und es ist mir egal.»

Egal, wie oft Facebook nun verdächtige Websites vom Geldstrom kappt, professionelle Fake-News-Betreiber wie dieser junge Mann haben vorgesorgt. Sie haben schon tausend neue Seiten in petto, die man gleich wieder an die Werbemaschinerie anschliessen kann. «Ich weiss, wie man eine Website schnell bekannt macht. Und ich werde es immer wieder tun», sagt der Mann. Facebook kann inzwischen relativ schnell unechte Profile erkennen. Also kaufen die Fake-News-Betreiber echte Profile von amerikanischen Jugendlichen. Die damit ihr Taschengeld aufbessern.

CNN-Reporterin: «Sind Sie stolz auf das, was Sie erreicht haben?»

Mazedonier: «Ja, wir hier in Veles sind arm, wir leben den amerikanischen Traum.»

Slavcho Chadiev, der Bürgermeister von Veles: «In der Politik geht es nie um Wahrheit.»

Der amerikanische Traum, wonach es jeder weit bringen kann, wenn er nur hart dafür arbeitet, er lässt sich in Facebooks Welt einfach leben: durch maximale Lügenproduktion, Skrupellosigkeit und den Besitz vieler, vieler User-Profile.

Epilog

«Wie schaffen wir es, dass die Leute informiert bleiben und mit neuen Ideen konfrontiert werden, die sie vorher nicht kannten?», hat Mark Zuckerberg im vergangenen Frühjahr gefragt.

Eine freie, unregulierte Plattform wollte er einst schaffen, auf der sich das Gute durchsetzt, eine Bühne für die Weltpolitik. Deren Architekt er ist. An der er kräftig verdiente. Ein seriöses Wohnzimmer, während draussen im Garten die Poolparty tobt. Derweil er alle, die Diskutierer und die Feiernden, mit Werbung füttert. Nun will Zuckerberg die Medien und Unternehmen aus dem Newsfeed verbannen, ausser sie bezahlen ihre Präsenz. Dies gab er vor wenigen Tagen bekannt.

Es ist diese toxische Vermischung von Kommerzstreben und Politik-Wunschdenken, die Fake-News, Propaganda und Manipulationen Tür und Tor öffnete. Zuckerberg wollte stets beides, den kommerziellen Erfolg und die politische Bühne. Es war ihm ernst mit der Politik, so ernst, dass er mit algorithmischer Gewalt das Mediensystem hackte. Danach traf er eine Reihe von Fehlentscheidungen, die ihn reicher und die Demokratie kaputter machten: Er kopierte Twitter mit den Trending Topics, bevorzugte News und blähte Facebook zum allumfassenden Dienstleister für politische und kommerzielle Kampagnen auf. Jetzt wird Facebook nicht mit der «Ice Bucket Challenge» in die Geschichte eingehen. Sondern als Linkschleuder für Falschinformationen und politischen Extremismus, wie es die Internetsoziologin Zeynep Tufekci formulierte.

Mark Zuckerberg wollte die Welt zu einem besseren Ort machen. Stattdessen hat er eine Kommunikationsplattform geschaffen, die zum Manipulationsmonster wurde. Eine Maschine, die Gesellschaften spaltet, von politischen Hetzern missbraucht wird, Menschen unterschiedliche Wahrheiten präsentiert, Demokratien aushöhlt und so komplex und unübersichtlich geworden ist, dass es nur einen Weg gäbe, sie in den Griff zu bekommen. Wie? Mark Zuckerberg kennt die Antwort, doch sie schmerzt: Er müsste seine Maschine abschalten.

Debatte: Wie kann das Monster Facebook gezähmt werden?

Das soziale Netzwerk spaltet, isoliert, manipuliert. Und gefährdet damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Muss Facebook zerschlagen werden? Oder politisch reglementiert? Und wenn ja, wie? Diskutieren Sie mit Autorin Adrienne Fichter – hier gehts zur Debatte.





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